Zwei Deilinghofer "Außenstationen", Alt-Stephanopel und die Sundwiger Mühle
(aus dem "Deilinghofer Käseblättchen", Ausgaben Juni und Juli 2016, verfasst von Friedhelm Groth)
 


Aus der Käseblättchen-Juniausgabe:
Alt-Stephanopel - eine "Außenstation" von Deilinghofen…
(dieser Teil ist als bebilderte PDF-Ausgabe auch HIER zu haben) Zum Käseblättchen HIER.

In den vergangenen Ausgaben des "Deilinghofer Käseblättchens" gingen wir in dieser heimatkundlichen Rubrik verschiedentlich ein auf das interessante Leben und verdienstvolle Wirken des Deilinghofer Pfarrers Gottfried Wilhelm Andreas Dümpelmann, der von 1765 bis 1791 im Dorf am Felsenmeer das Pfarramt innehatte.
In den beiden Käseblättchen-Ausgaben im Juni und im Juli 2016 sollen nun zwei "Außenstationen" Deilinghofens, die seit der Dümpelmann-Zeit Bedeutung erlangten, unser Thema sein: Mit Deilinghofen war engstens die Entstehung von Stephanopel verbunden und ferner - worauf wir dann im Juli näher eingehen werden - die Entstehung der Herrnhuter Gemeinschaft in jenem Deilinghofer Kirchenkotten auf Sundwiger Grund, auf dem Hof, auf dem heute die Alberts'sche Mühle steht.
Hier also in aller Kürze Stephanopel als "Außenstation" Deilinghofens. Am Anfang - muss man wissen - bestand Stephanopel nur aus einem einzigen Haus: dem großen Patrizierhaus (heutige Adresse: Stephanopel 61) mit einem schönen Treppenaufgang (den es nicht mehr gibt, vgl. Foto unten) und einem Halbrelief über der damaligen Eingangstür: "Zum Vorgebirge der Guten Hoffnung" und Bildern von Schiffen am Kap der Guten Hoffnung.
 

   

Diese Ansiedlung und deren vornehmer Name, von keinem geringeren als von Friedrich dem Großen legitimiert, wurde als Wohnhaus mit Garnbleiche und Weberei "am Sundwicher Bache" anno domini 1771 errichtet; Bauherr war der reiche Theodor Lürmann aus Iserlohn - zusammen mit dem noch viel reicheren Geldgeber Friedrich von Romberg in Brüssel.
222 Jahre später war es im Sommer 1993 der Heimatfreund Friedrich Wilhelm Griese, damals der Wirt des renommierten Ausfluglokals "Haus Winterhof", der mit anderen zusammen das sehr originelle Fest des 222jährigen Bestehens von Stephanopel feiern ließ und dazu auch die Evangelische Kirchengemeinde Deilinghofen einlud, die den Open-Air-Gottesdienst zu diesem Fest auf der "Großen Wiese" in Stephanopel veranstaltete und auch einen Sondergemeindebrief zu "222 Jahre Stephanopel" herausgab.
In diesem hatte der verstorbene Deilinghofer Presbyter und Heimatforscher Harald Korsch-Gerdes auch seine Forschungen zu der ganz frühen Geschichte von Stephanopel veröffentlicht: dass weder Lürmann noch von Romberg jemals in Stephanopel ansässig waren, sondern dass der maßgebliche Mann dort der Faktor Gottlieb Caspari war, der seinerseits eine enge Beziehung zum genannten Pfarrer Dümpelmann in Deilinghofen besaß und der (wie Dümpelmann) wohl ein entschiedener Christ herrnhutisch-pietistischer Prägung war (der zudem aus der Gegend von Herrnhut in der Oberlausitz, einer Textilgegend, stammte). Früh schon gehörte die Stephanopeler Garnbleiche zu Dümpelmanns Gemeinde, und nach Besitzstreitigkeiten zwischen der Kirchengemeinden Hemer und Deilinghofen blieb der Hof Stephanopel bis 1953 ein Teil der Deilinghofer Kirchengemeinde (ein anderer Teil kam bereits lange vorher zu Hemer).
Vieles haben wir hier außen vor zu lassen: z.B. was genau das Wort "Stephanopel" bedeutet und worauf es zurückgeht. Auch die im vorigen Jahr in der Presse bekannt gewordene Sklavenhaltergeschichte mit Friedrich von Romberg lassen wir hier außen vor: er hat um das Kap der Guten Hoffnung herum Sklaven nach Übersee verschifft; darauf scheint die genannte Stephanopeler Inschrift auf dem Halbrelief zu verweisen… All das ist auf der (vom Verfasser dieser Zeilen erstellten) Webseite www.stephanopel.de  bestens nachzulesen und anschaulich zu verfolgen.
Im Jahre 1890 kam das Stephanopeler Patrizierhaus in den Besitz der Familie Rohländer (die auch Inhaber war der dortigen Fabrik C.D. Rohländer).
Die bewusst christliche Ausrichtung der Bewohner des Hauses, wie sie wohl schon seit Zeiten der Familie Caspari zu beobachten war, setzte sich auch in der Ära Rohländer in diesem Haus fort: Seit 1889 wurde Stephanopel zum zentralen ökumenischen Treffpunkt innerhalb des Kirchspiels Deilinghofen, denn von diesem Jahr an fanden die berühmten Stephanopeler Missionsfeste statt, die von da an mit Unterbrechung durch die Weltkriege mehr als 50 Mal jeweils im Juni/Juli eines jeden Jahres dort am Stephanopeler Patrizierhaus ein "Großevent" waren (würde man heute sagen).
Aus einem Erlebnisbericht entnehmen wir, dass jährlich 250 bis 300 Christinnen und Christen nach Stephanopel pilgerten bzw. in Pferdewagen fuhren bei diesen besonderen "Kirchentagen", dass dann auch Missionare oder Christen aus Übersee dort auftraten:
"Zum Fest wurden eingeladen ein Missionar der Rheinischen Mission, nach Möglichkeit einer, der einen frischen Bericht aus seiner Tätigkeit geben konnte und der gerade auf Heimaturlaub war, als Festredner kamen die Pfarrer aus den drei Kirchengemeinden Iserlohn, Hemer, Deilinghofen oder auch aus Dahle, Ihmert, Letmathe infrage. Ein Grußwort entrichteten die jeweiligen Stadtmissionare aus Westig (Jung, Wirtz, an Herrn König erinnere ich mich auch, evangelische Gesellschaft). Die Kollekte war stets für die Rheinische Mission bestimmt. Alle Besucher kamen meist zu Fuß, voran mit Pos.-Chor aus Deilinghofen, Hemer, in Scharen also. Im Kriege wurden solche Aufmärsche verboten."

  


Die Pfarrer Adolf Frommann und Helmut Müller (Schwiegersohn von Ernst Rohländer, "der blinde Ernst"; Foto oben am Kaffeetisch in der Mitte ) wurde sogar wegen Mitwirkung am Missionsfest von der Gestapo verhaftet. Vgl. zum Ganzen im Internet: http://www.missionsfeste.stephanopel.de 
Vom Deilinghofer Pastor Gobrecht, der bis kurz nach dem Krieg als Deilinghofer Pfarrer wirkte, weiß man, dass er "seinen" Gemeindeteil Stephanopel besonders mochte; mündlich überliefert ist Gobrechts Zitat (um 1945): "Das schönste Tal ist mir das Stephanopeler Tal, viel schöner als das Hönnetal!" (Da war viel dran - bis dann Kyrill kam…)
Ab 1947 war Pfarrer Alfred Ravenschlag Gobrechts Deilinghofer Amtsnachfolger, und in dessen Amtszeit stimmte das Deilinghofer Presbyterium am 11. August 1953 der "Abpfarrung der bisher zu Deilinghofen gehörenden Gemeindeglieder im Stephanopeler Tal nach Hemer" zu, wie Ravenschlag es ins Protokollbuch des Presbyteriums eintrug. Die Stephanopeler Gemeindeglieder gehörten also von da ab zur Kirchengemeinde Hemer; und der Mitbesitzer des Patrizierhauses und sehr engagierte Christ Paul Rohländer war erst noch Deilinghofer Presbyter und danach noch 14 Jahre Presbyter in Hemer.
Letztmalig wurden am 11. April 1954 Kinder aus dem Stephanopeler Tal zusammen mit Deilinghofer Kindern konfirmiert; Goldene Konfirmationen feierten die damaligen Kinder - wie es der Schreiber dieser Zeilen miterlebte - ein halbes Jahrhundert später immer noch in der Deilinghofer Stephanuskirche und nicht in Sundwig.



 


Aus der Käseblättchen-Juliausgabe (vorangegangene Juniausgabe hier):
Über den Deilinghofer Kirchenkotten in Sundwig: Renzings und Alberts' Anwesen, die heutige Sundwiger Mühle
Nach Stephanopel eine zweite Deilinghofer "Außenstation"…

In der Oktober-Ausgabe des vorigen Jahres war im "Käseblättchen" schon ein wenig über Deilinghofen und die Sundwiger Mühle zu lesen - im zweiten Teil zu den Ausführungen über den Deilinghofer Pfarrer Gottfried Wilhelm Andreas Dümpelmann; das ist hier zu erweitern.
Eine schöne und heimatgeschichtlich interessante Chronik kann man im Internet finden auf der Webseite www.albertsmuehle.de über den Unterpunkt: "Historisches": "Zur Geschichte der Sundwiger Mühle, ursprünglich als Heppings Kirchenkotten zu Sundwig im Eigentum der Kirchengemeinde Deilinghofen, aufgeschrieben durch Peter Alberts im Jahre 2000, aktualisiert von J. Alberts 2009".
Vom gleichen Müller Peter Alberts (1931 bis 2003), der heimatkundlich sehr versiert war, erfuhren wir in vielen Kontakten im Laufe der Jahre, welch eine riesengroße Bedeutung für die betont christlich ausgerichteten Vorfahren in seiner Familie bei den Familienmitgliedern der Alberts (und in den Generationen davor: der Renzings) die Verbindung zur Herrnhuter Brüdergemeine besaß. Er stellte uns eine Familienchronik vor, in der seine Väter und Vorväter bei allen wichtigen Einträgen und Daten jeweils die Tageslosung zum entsprechenden Tag penibel aus dem Herrnhuter Losungsbüchlein hinzugefügt hatten.
Berühmt bis heute sind diese jährlich erscheinenden Losungshefte. Und berühmt ist deren Erfinder, Nikolaus Ludwig Graf von Zinzendorf (1700 bis 1760; Bild links). Dieser hatte in seinem Anwesen Herrnhut (in der Oberlausitz) religiös Verfolgten Asyl geboten, und diese bis heute bestehende Gemeinschaft der Herrnhuter (heute freikirchenähnlich organisiert) war der Ausgangspunkt von Zinzendorfs pietistischen Gemeindeerneuerungsinitiativen, die missionarisch international ausstrahlten. Man kann den Grafen Zinzendorf und seine Herrnhuter als eine reformatorische kirchenverändernde Großbewegung nach der Reformation, als eine "Reformation nach der Reformation", beschreiben.
Zu dieser pietistischen Großbewegung gehörte ziemlich früh schon der Heppingsche Kirchenkotten in Sundwig! Und zwar zuerst noch zu Lebzeiten des Grafen Zinzendorf; da war es der mit dem Grafen Zinzendorf fast gleichaltrige Stephan Dietrich Renzing, genannt Hepping (1704 bis 1792), der den Deilinghofer Kirchenkotten in Sundwig 1726 pachtete und von da an bewirtschaftete, und der sich bald als ein begeistertes Mitglied der Herrnhuter Bewegung anschloss. Wir haben sogar Hinweise, dass dessen Schwester Friederike Renzing an einer Erweckung in Hemer maßgeblich beteiligt gewesen sei und dass sie mitverantwortlich gewesen sei, dass die Hemeraner Pfarrer Johann Gangolf Wilhelm Forstmann (1706 bis 1759; Bild links aus der Sakristei der Ebbergkirche Hemer!) und Johann Dietrich Angelkorte (1710 bis 1751) dann ihre Bekehrung erlebten, durch welche sie Herrnhuter Pietisten wurden. Beide, Forstmann wie auch Angelkorte, sind in der Zinzendorf-Forschung als Korrespondenzpartner der Grafen bekannt.
Wir haben es "vor Ort" anhand von Archivmaterial in Herrnhut nachprüfen können, dass dort der Hepping-Renzing-Alberts'sche Hof als besonderer Segensort beschrieben wird, dass aber die meisten lutherischen Pfarrer in Hemer später dem Treiben auf dem Hof gegenüber eher distanziert gegenüberstanden. Erstaunlich viele intime Interna aus Hemeraner Pfarrerskreisen sind dort - ziemlich genau 600 km von Hemer entfernt - in vielen Archivalien überliefert!
Aus dem Herrnhuter Archivmaterial erfuhren wir auch, dass genau der genannte Stephan Dietrich Renzing dafür sorgte, dass sage und schreibe schon anno 1762 dort als Anbau ein spezieller Betsaal und Versammlungsraum gebaut wurde, das überhaupt erste "Gemeindehaus" hier in der Gegend! Ein Deilinghofer Gemeindehaus auf Sundwiger Boden, kann man sagen. Das erste Gemeindehaus war also kein Martin-Luther-Haus, sondern gleichsam ein "Zinzendorf-Haus". Dass es übrigens später in Westig ein Gemeindehaus gab, das "Zinzendorf-Haus" hieß (in anderer Form gibt es das ja bis heute!), hängt auch mit der hier beschriebenen pietistischen Ortstradition zusammen.
Darüber könnte man Bücher schreiben: sowohl über Stephan Dietrich Renzing, als auch über den Hemeraner Pfarrer Forstmann, der Zinzendorf glühend verehrte und dann nach Solingen ging, wo er sehr stolz war, den verehrten Grafen auch einmal zu beherbergen, im gleichen Haus (vielleicht sogar im gleichen Gästebett?), in dem wenig später der genannte Sundwiger Stefan Dietrich Renzing sein Gast war. Auch über den Hemeraner Pfarrer Angelkorte, der ein ebenso glühender Zinzendorfianer war und viele Weisungen aus Solingen von seinem Vorgänger Pfr. Forstmann erhielt, könnte hier viel erzählt werden (wir verweisen stattdessen auf unsere Zusammenfassungen im Internet www.tinyurl.com/Forstmann).
Interessant ist, dass dieses besondere geistliche Leben auf dem Heppingschen Kotten lange Zeit quasi "auf Deilinghofer Gebiet" stattfand, denn Eigentümer des Anwesens war ja die Deilinghofer Kirchengemeinde. Erst mit Vertrag vom 3.11.1842 wurde die Erbpacht bei der Kirchengemeinde Deilinghofen abgelöst, und die Renzings waren jetzt Eigentümer des Kottens.
Wir haben ja schon gehört, dass zuvor in den 60er Jahren des 18. Jahrhunderts Pastor Dümpelmann zum Bau des Alten Pastorats die Nägel aus der Nagelschmiede auf Heppings Kotten bezog. Und außerdem hielt Dümpelmann - selber aus einer prominenten Herrnhuter Pfarrerfamilie stammend, seine Hand über die Familie Renzing, als ihnen ihr Zuhause von reichen Nachbarn aus Hemer streitig gemacht werden sollte.
Ursprünglich bestand das Anwesen aus einer Nagelschmiede und einer Bäckerei, die Mühle kam dann viel später - genehmigt in der französischen Zeit - hinzu. Johann Hermann Stindt (1783 bis 1864; vgl. https://de.wikipedia.org/wiki/Johann_Hermann_Stindt) baute 1816 eine Getreidemühle dort in Sundwig, er war auch der Erbauer der Ebbergkirche vier Jahre später 1820 (der alte Gastwirt Stindt aus Deilinghofen erwähnte ihn bei Besuchen oft mit Stolz als seinen Vorfahren). Von diesem Johann Hermann Stindt gibt es übrigens auch Zeugnisse, dass er die Predigten der herrnhutisch orientierten Pfarrerfreunde Dümpelmann (Stephanuskirche) und Strauß (Bauernkirche) über alles
schätzte und der Brüdergemeine sehr zugetan war.
Auch der eingangs genannte Müller Peter Alberts hat öfter vom Mühlenbauer Stindt als einem Herrnhuter erzählt (vgl. zum Thema auch in "Der Schlüssel" 36/1991, S. 3 bis 16).
Und Peter Alberts hat uns ferner die Geschichte erzählt, wie es kam, dass auch über die Herrnhuter in Sundwig eine kirchengeschichtliche Doktorarbeit verfasst wurde: Schon als Junge kam der 1909 in Hemer geborene Siegfried Schunke oft und gerne in die Mühle und kam dort auch mit dem Phänomen "Herrnhut" in lebendigen Kontakt. Siegfried Schunke studierte dann Theologie und wurde Pfarrer. Er entschied sich dafür, das geistliche Thema seiner Jugend in der Alberts'schen Mühle zu seinem Dissertationsthema zu machen: An der Theologischen Fakultät der Universität Münster wurde er 1948 mit seiner Arbeit: "Die Beziehung der Herrnhuter Brüdergemeinde zur Grafschaft Mark" promoviert zum Dr. theol.; der Heppingsche Hof spielte darin eine beträchtliche Rolle!
Als Pfarrer war Siegfried Schunke (Bild links) viele Jahre in Gelsenkirchen-Rotthausen und Unna-Königsborn tätig. Er verlebte seinen Lebensabend in zusammen mit seiner Frau in deren ostfriesischen Heimat, und er starb im Jahre 1992 in Esens (Nachruf von seinem Sohn Sup. Remmer Schunke in: Blätter zur Deilinghofer Kirchengeschichte, Heft 3, Deilinghofen 1994,S, 240 f.). An allen Stationen hat er heimatgeschichtlich und kirchengeschichtlich weitergearbeitet und publiziert. Es verdient auch Erwähnung, dass Schunke in Pfarrer Gobrechts Zeiten als junger Mann (war es als Vikar?) in Deilinghofen ausgeholfen hat und dort einmal durch Geistesgegenwart die Stephanuskirche bei einer kritischen Brandsituation vor dem Abbrennen gerettet hat…