Vom Anfang des 20. Jahrhunderts bis fast zum Ende des Ersten Weltkriegs in Deilinghofen:
Zu Pfarrer Wilhelm Niedersteins hiesigem Leben und Wirken von 1900 bis 1917

von Friedhelm Groth
 

Veröffentlicht Juni 2017 im Deilinghofer Käseblättchen (die bisherigen Folgen dort unter "Heimatgeschichte")
Nachträgliche Zusätze zur Papierausgabe und benutzte Quellen HIER; PDF-Datei (Druckversion zu Niederstein, 4 Seiten HIER)



  
Wilhelm Niederstein und rechts seine Ehefrau Martha Niederstein (geb. von der Becke)
Das rechte Bild stellte der Sundwiger Günter Kriependorf zur Verfügung, aufgenommen um 1914 (als alle vier Kinder der Eheleute Niederstein schon geboren waren).
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1. Wilhelm Niedersteins Herkunft - Sohn einer besonderen Pfarrersfamilie aus Lüdenscheid
Wie sein direkter Deilinghofer Vorgänger Pfr. Paul von Ciriacy-Wantrup, den wir im April im "Käseblättchen" vorstellten, war auch Wilhelm Niederstein Sohn eines Pfarrers, und wie sein Vorgänger stammte er aus einer überaus bemerkenswerten Familie und heiratete schließlich (ebenfalls wie sein Vorgänger) die Tochter eines einflussreichen Fabrikanten. Bei Wilhelm Niederstein war das Martha von der Becke, Tochter von Adolph von der Becke aus der Fabrikantenfamilie von der Becke (Sundwiger Messingwerk und Eisenhütte).

Bemerkenswert ist: Schon Wilhelms Vater Pfr. Karl Niederstein (1836-1926) hatte ebenfalls eine Fabrikantentochter geheiratet! Wilhelms Mutter Emilie Wülfing war Tochter eines bekannten Tuchfabrikanten aus Hückeswagen ("Wülfing-Museum"). Das Elternpaar Karl und Emilie Niederstein lebte und wirkte über 50 Jahre in Lüdenscheid, an dem Ort, an dem Vater Karl auch Superintendent wurde und an dem den Eltern nicht weniger zehn Kinder heranwuchsen, die beruflich bzw. familiär allesamt eine höhere Stellung erreichten (zum ältesten Sohn vgl. Wikipedia). Unser Deilinghofer Wilhelm Niederstein (1871-1952) war das sechste der zehn Kinder. Einer seiner Brüder, der fast fünf Jahre ältere Alfred Niederstein, wurde Pfarrer im Ruhrgebiet und war von 1921 bis 1937 Superintendent in Bochum.

In Lüdenscheid kann man heute noch an den Namen "Niederstein" denken, denn dort gibt es zum Gedenken an den verdienstvollen Superintendenten Niederstein, der dort so lange und segensreich wirkte, die "Niederstein-Anlage" (an der Worthstraße) mit einem Niederstein-Gedenkstein. Der Vater Karl Niederstein hatte schon in jungen Jahren in Lüdenscheid die "Herberge zur Heimat" gegründet und eingerichtet (1884) und während seiner Amtszeit viel für Armenpflege und Diakonie (Innere Mission) getan. Darüber hinaus war er aber auch engagierter Mann der Äußeren Mission und hatte auch in Lüdenscheid den Jünglingsverein ins Leben gerufen und den Kindergottesdienst eingeführt.


2. Wilhelm Niederstein in seiner Zeit vor Deilinghofen

Wilhelm Niederstein ging in Lüdenscheid zum Progymnasium, besuchte dann das Gymnasium in Soest, wo er 1891 das Abitur bestand. Das Theologiestudium in Tübingen, Halle (dort bes. Einflüsse von den Professoren Willibald Beyschlag, Martin Kähler und Erich Haupt; vgl. unten in Niedersteins handschriftlichem Lebenslauf) und Bonn schloss sich an, ferner die Ausbildungszeit im Domkandidatenstift in Berlin-Mitte, die im Herbst 1896 endete. Dann schloss er auch mit bestandenem zweiten Examen in Münster sein Studium ab.



In die Stadt, in der er beerdigt wurde, kam er schon als blutjunger Theologe: Erst war er 1896 noch kurz Hilfsprediger beim Iserlohner Superintendenten Karl Pickert, dann wurde er als gerade 26-jähriger Hilfsprediger in Hemer, vom 3. Januar 1897 an (bis Frühjahr 1900). Am 25. Mai 1899 heiratete er Martha von der Becke (1877-1939), eines der vier Kinder des hiesigen Fabrikanten Adolf von der Becke (1837-1892) und dessen Frau Pauline von der Becke geb. Karcher.

1898 - im Jahr vor der Eheschließung - hatte Sup. Pickert den Hilfsprediger Niederstein am 26. Juni ordiniert. Wie mehrere aufstrebende junge Kandidaten des Pfarramts bekam Wilhelm Niederstein seine erste Stelle in Deilinghofen, er blieb aber dort fast 17 Jahre, anders als die letzten seiner Vorgänger.


3. Zu Wilhelm Niedersteins Zeit in Deilinghofen bis 1917
In der Stephanuskirche eingeführt wurde Niederstein als Deilinghofer Pfarrer am 30.5.1900. Dem jungen Paar Martha und Wilhelm Niederstein wurden in den Folgejahren vier Kinder geschenkt, allesamt in Deilinghofen geboren und allesamt vom vorne genannten Opa, dem Superintendenten Karl Niederstein aus Lüdenscheid, getauft (Hans 1900, Ada 1902, Ilse 1905 und Elsbeth 1909). Das dritte genannte Kind Ilse Niedersteins ist dem Schreiber dieser Zeilen vom Lebenslauf her übrigens bestens bekannt: Ich hatte sie 1997 auf dem Waldfriedhof zu beerdigen (Privatfriedhof von der Becke).

Die ersten beiden Kinder wuchsen noch in ihren ersten Jahren im Alten Pastorat an der heutigen Pastoratraße auf. Im Herbst des Jahres 1904 kam es zum Umzug: Auf Kosten der Familie der Pfarrfrau war das Niedersteinsche große Pfarrhaus gebaut worden. Dieses Haus wurde später in der Nazizeit das sog. Parteiheim Deilinghofens (Bild unten).



Der große Kenner Deilinghofens Herbert Schulte gibt dazu folgende Nachricht: "Es sei hier noch festgehalten, dass nach dem Weggang des Pfarrers Niederstein die Kirchengemeinde das alte Pfarrhaus (Pastorat) an meinen Onkel Friedrich Schulte (gen. Quäseck) in Deilinghofen für 15.500 Mark verkaufte und darauf das neue Haus von der Frau von der Becke zum Preise von 25.000 Mark kaufte." Jedenfalls war die lange Epoche des Alten Pastorats seit 1765 (Ausbau des Nonnenklosters mit Vorbau durch Pfr. Dümpelmann) damit am Ende. Und in den 30er Jahren, als das Niedersteinsche Haus zum Parteiheim wurde, wurde dann also dem Alten Pastorat gegenüber das heutige Haus Pastoratstraße 6 gebaut., in dem heute die Familie von Pfr. Manuel Janz lebt.

Aber Geld- und Baugeschichten waren mit Sicherheit nicht das Wichtigste beim Wirken von Pfarrer Niederstein in Deilinghofen; das bringt summarisch der genannte Herbert Schulte mit diesen Worten zum Ausdruck: "Pfr. N. gründete den Blaukreuzverein in Deilinghofen, wurde zum Präses der Jünglingsvereine im Bezirk Hemer-Iserlohn berufen, sorgte dafür, daß die Gemeinde eine Gemeindeschwester zugewiesen erhielt. Diese - Schwester Meta - kam aus dem Mutterhaus in Witten" (zuzusetzen: wie Schwester Martha Griese auch, die spätere zweite Frau von Pfr. Alfred Ravenschlag).

Zu dieser inhaltlichen Zusammenstellung setzt Herbert Schulte ein weiteres Datum hinzu, das sicherlich auch den heutigen Leuten beim CVJM Deilinghofen nicht geläufig sein dürfte:  "Pfarrer Niederstein gründete am 3. März 1903 den Christlichen Verein Junger Männer (CVJM)." Wobei das natürlich so zu verstehen ist, dass der 1881 gegründete Deilinghofer Jünglingsverein (gegründet unter dessen erstem Vorsitzenden Pfr. Max Johannes Josephson, wie im Käseblättchen seinerzeit schon berichtet) jetzt organisatorisch in den Verband CVJM übergegangen war.

Wir haben hier einen Blick zu werfen in die schwerste Zeit der Gemeindearbeit von Pfr. Niederstein; da liegt uns ein in Maschinenschrift getippter 13 (!) DIN-A4-Seiten umfassender Bericht von Wilhelm Niederstein vor. Wie allgemein in der Zeit des Ersten Weltkriegs oft von kirchlichem Hurrapatriotismus und vom Waffensegnen die Rede ist, so kommen in Niedersteins Bericht "Einiges zur Kriegschronik der Kirchengemeinde Deilinghofen (1914 - 1917)" auch einige patriotische Töne vor. Aber das nachdenklich Machende dominiert da.

Einiges ist hier anzudeuten: Niederstein beschreibt da z.B., wie im Vereinshaus Frauen der Gemeinde strickten, sammelten und organisierten, so dass im Oktober 1914 schon die ersten Pakete an die 135 Soldaten des Kirchspiels rausgehen konnten. Und er beschreibt, wie es im Laufe des Krieges besondere Kartoffel- und Gemüsesammelstellen für die "Kriegerfamilien" gab. Weihnachten 1915 z.B. gab es Geschenke für die im Krieg besonders Bedürftigen aus der Gemeinde, wobei der Pfarrer vermerkt, dafür sei groß gespendet worden: 500 Mark vom Sundwiger Messingwerk, 50 Mark von Frau Adolph von der Becke und 50 Mark vom Vaterländischen Frauenverein. Diese großzügigen Geber aus der eigenen Familie werden öfter genannt... Niederstein berichtet auch von neu eingerichteten Kriegsgebetsstunden und davon, dass die anfangs vollen Kirchen und alle Kriegsbegeisterung sich legte und zum Teil der Resignation Platz machte, z.T. aber auch dem Gefühl, dass Gott in dieser Kriegszeit die Schuld und den Ungehorsam des Volkes straft. Mit vielen seiner Gemeindeglieder, die als Soldaten im Krieg waren, war Niederstein brieflich verbunden, auch durch Postsendungen, in denen unter den Gaben für die Soldaten zum Beispiel auch christliche Schriften und Kalender waren, und einige seiner früheren Konfirmanden bezeugten dem Pastor in ihren Briefen, dass sie in der schweren Zeit auf dem Felde dem Glauben gerade näher gekommen waren.


4. Einiges zu Wilhelm Niederstein in seiner Zeit nach Deilinghofen

Noch vor Ende des Krieges zog Niederstein mit seiner Familie nach Bünde in Ostwestfalen, zuvor hatte er in der Stephanuskirche am 29.4.1917 seine Abschiedspredigt gehalten, und schon tags drauf fand laut der Quellen der Einführungsgottesdienst in Bünde statt. 23 lange Jahre war dort Wilhelm Niederstadt Pfarrer, bis er im Zweiten Weltkrieg am 30.6.1940 als fast 70-Jähriger in den Ruhestand ging.

Mindestens einmal noch war er bei einem Festtag in seiner alten Deilinghofer Gemeinde. Wir haben eine von Pfr. Alfred Ravenschlag herausgegebene Festschrift aus dem Jahr 1949. Damals fand das 40-jährige Gründungsfest der Deilinghofer Frauenhilfe statt (gegründet 1909 in Niedersteins Zeit!), und der alte Pfarrer Niederstein war drei Jahre vor seinem Tod angereist, um dort eine Andacht zu halten, orientiert an 1. Johannes 1, 3 (in der Festschrift ganz am Schluss abgedruckt).

Gestorben ist Wilhelm Niederstein am 31.8.1952 in Aumund (Bremen), aber seine letzte Ruhestätte fand er auf dem Privatfriedhof von der Becke am Waldfriedhof in Hemer (Foto unten), wo bereits im Dezember 1939 im ersten Kriegsjahr seine Ehefrau Martha beigesetzt worden war.



 


Zusätze textlich und in Bildern von Wilhelm Niedersteins Enkel Pfr. Dr. Helmut Schmidt (Waldbronn) und von Günter Kriependorf (Sundwig)
Enkel Helmut Schmidt, mit dem ich 1997 schon das Trauergespräch vor der Beisetzung seiner Tante Ilse Niederstein (oben genannt) in Deilinghofen geführt hatte, teilte mir in einem langen Telefonat am 6.6.2017 mit, dass er aus dem Nachlass seiner Tante Ilse Niederstein ein großes Konvolut erhaltener handschriftlicher Predigten seines Großvaters Wilhelm Niederstein in seinem Besitz habe. Dr. Helmut Schmidt war in seiner aktiven Zeit Direktor der Ev. Akademie Hofgeismar.

Am gleichen Tag steuerte der mit Dr. Helmut Schmidt verwandte Günter Kriependorf das oben gezeigte Foto der Ehefrau Martha Niederstein (um 1914) bei (sie habe als die Hübscheste und Begehrteste in der Familie gegolten), ferner ein Fotos vom Traualtar des Paares Wilhelm Niederstein / Martha Niederstein geb. von der Becke - NB mit der Orts- und Zeitangabe: "
Traualtar in der Halbergvilla in Sundwig für Wilhelm Niederstein u. Martha v. d. Becke, 24.5.1899"; auf der Staffelei hinten rechts ist das Ölgemälde des Vaters Adolph von der Becke zu erkennen, das nach dessen Tod nach einem Foto geschaffen wurde:



Ferner schickte Günter Kriependorf diese Ansicht des Niedersteinschen Pfarrhauses in Deilinghofen:





 

Benutzte Quellen:
-
Archivmaterial aus dem landeskirchlichen Archiv Bielefeld der EKvW (bes. zu Niedersteins Hilfspredigerzeit in Hemer, ferner: handgeschr. Lebenslauf aus der Studentenzeit)
- Fotos und Informationen von Enkel Dr. Hans Schmidt und Günter Kriependorf (siehe oben)
- Privates heimatgeschichtliches Archiv
- Herbert langes heimatgeschichtliche Ausarbeitung zur Deilinghofer Kirchengeschichte: "Wilhelm August Niederstein, 1900-1917"
- Wilhelm Niederstein, Einiges zur Kriegschronik der Kirchengemeinde Deilinghofen (1914-1917), 13 S. maschinenschriftl.
- Von Pfr. Alfred Ravenschlag hg. Festschrift: "Ein Gruß- und Erinnerungswort zur 40-jährigen Gründungs-Feier der Evangelischen Frauenhilfe Deilinghofen am 27. Februar 1949"; dort Pfr. Wilhelm Niedersteins Ansprache auf der letzten Druckseite
- Günter Deitenbeck: Superintendent Carl Niederstein. Ein Beitrag zum Verhältnis von Stadt und Kirchengemeinde Lüdenscheid in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, in: Der Märker, Heft 6, Juni 1968, S. 108-115
- Zeitungsartikel Lüdenscheider Nachrichten, 14. Mai 1974: "Superintendent Karl Niederstein zum Gedenken. Der Wiedenhof - Erfolg seiner Tatkraft. Tafel und Grünanlage zur Erinnerung an sein 'segensreiches Wirken' - Jetzt neu gestaltet"
- Zeitungsartikel Lüdenscheider Nachrichten, 3./4. April 1976: "Denkmal für Mitbegründer des 'Wiedenhofes'. Vor 50 Jahren entstand die Anlage zu Gedenken an Karl Niederstein"
- Günter Deitenbeck: Geschichte der Stadt Lüdenscheid 1813 - 1914, Lüdenscheid 1985, S.247-253