Fest und treu - laß mich an dich glauben, wie Daniel es tat

2. Deilinghofer Passionsandacht am 23.2.1999

Matthäusreihe, 2. Passionsandacht (mit dem AGAPE-Chor): EKG S.958-959. Alle Lieder, wie sie da stehen. Zum Schluß Abendlied EKG 358, 1 u. 4

Liebe Gemeinde in dieser Passionsandacht!

Unsere Auslegungen in dieser Reihe Passionsandachten sind Betrachtungen. Betrachten tut man ein Bild, und da sag ich keinem was Neues: mit Bildern hat es die evangelische Kirche nicht so, jedenfalls nicht so stark wie die katholische Kirche, wo da Heiligenbilder eine große Rolle spielen, eine noch viel größere spielen sie bekanntlich in der orthodoxen Ostkirche bei den Ikonen.

Aber unsere protestantischen Väter in der Reformation haben in den Bildern etwas Gefährliches gesehen - und die ganz radikalen unter den Freunden Luthers haben die Bilder sogar rausgeworfen aus der Kirche: Bilderstürmen hieß das damals. Im Hintergrund stand da das Verbot, sich ein Bild von Gott zu machen. Aus Gott so etwas wie ein heidnisches Götterstandbild zu machen - und damit an die Stelle des Wortes das Bild zu setzen.

Das ist die eine Linie, auf die ich hier hinweisen mußte, gerade heute zum Beginn unserer Andachtsreihe 1999!

Aber das, was ich sagte, ist nicht die ganze Wahrheit: daneben gibt's noch was Anderes: Jesus selbst hat so bildhaft geredet wie kein anderer, er war Meister der Bildrede. Ein Bild nach dem anderen malt er uns vor Augen. Und wenn man sich 100x von Gott kein Bild machen kann, so ist dennoch im Geiste Jesu das Ganze, was er meint, nicht unanschaulich: nein, in Bildern läßt es sich betrachten. Ganz ohne Bilder könnten wir das nicht verstehen! Gerade auf dem entscheidenden Passionsweg Jesu zwischen dem letzten Abendmahl wie da bei Matthäus zur Schädelstätte Golgatha sind es Bilder, die vor unseren Augen entstehen. Und in den Bildern wird uns etwas transportiert, transportiert von dem, was Jesus für uns getan hat. Deswegen ist es richtig, wenn da heute das, was da steht: "Auslegung" für uns in dieser Passionsreihe dieser "Betrachtung" heißt. Kurz zusammen gefaßt: kein Bild von Gott, bloß nicht, damit er nicht fälschlich so ein Götterstandbild wird, und bloß auch kein falsches Heiligenbild, das die Sinne weglenkt vom Wort - auf eine andere Person hin.

Und dicht daneben das andere: Im Bild des Gekreuzigten kommt ganz viel raus von dem, was in der Tiefe für uns wichtig ist! "Laß mich seh'n dein Bilde in deiner Kreuzesnot", dichtete Paul Gerhardt in seinem bekanntesten Passionslied.

Liebe Gemeinde, auf diesem Hintergrund betrachten wir dieses Jahr sechs Wochen lang Bilder aus der christlichen Kunst, die hier auf alten Kunstwerken in der Stephanuskirche zu sehen sind. Und alles, buchstäblich alles, was ich eben einleitend anführte, kommt in besonderer Weise auf den Punkt gebracht zusammen auf dem alten Presbytergestühl von 1588, dem "ältesten Möbelstück des Dorfes", zum Ausdruck. 1565 wurde diese Kirche evangelisch, als der erste Pastor, Pastor Lange damals zu Luthers Lehre überschwenkte, und wenig später kam Pastor Sutorius hier nach Deilinghofen als sein Nachfolger, und 1588, als das alte Presbytergestühl angefertigt wurde, war der evangelische Pfarrer Sutorius hier Pfarrer, der bis weit in den schrecklichen 30jährigen Krieg hier wirkte.

Unser Presbytergestühl

ist also das erste evangelische Kunstwerk Deilinghofens, und was ich von den Bildern sagte und zu den Evangelischen und ihrem Verhältnis zu den Bildern, finden Sie da wieder: Das sollen keine Heiligenbilder sein, auch keine falschen Bilder von Gott, das sollen bewußt biblische Bilder sein. Und jedesmal steht typischerweise, sozusagen "evangelischerweise", die Bibelstelle, die man dazu aufschlagen kann, darunter, auch bei unserm heutigen Bild von Daniel in der Löwengrube. Und alle drei Bilder auf dem alten Presbytergestühl und auch alle drei Bilder auf dem neuen Presbytergestühl von 1859 dort rechts sind Bilder von Anfechtung, Leiden und Kreuz, sechs Passionsbilder des Alten Testaments, sechs Bilder, die das Bild des Gekreuzigten uns indirekt durch Geschichten des Alten Testaments vor Augen halten. Bilder, die zum Zentrum der Bibel im unterirdischen Kontakt stehen! Man sagt übrigens, das alte Presbytergestühl hier links von Ihnen habe damals 1588 den evangelischen Nonnen im Alten Pastorats eventuell als Betstuhl gedient, genau den Nonnen, die am Ende des grausamen schon genannten 30jährigen Krieges von der teuflischen Todesseuche der Pest dahingerafft wurden.

All diese Zusammenhänge sollte man sich vor Augen halten, wenn man hier das Danielbild genauer betrachtet: Daniel in der Löwengrube!

Der Kunstführer unserer Stephanuskirche macht uns zusätzlich noch auf einen sehr interessanten Zusammenhang aufmerksam: Der sehr berühmte damalige Künstler und Freund Luthers Holbein der Jüngere hatte fast das gleiche Bild für eine alte bebilderte Bibel der Reformationszeit als Illustration zur Danielgeschichte hergestellt.

Der Künstler, der 1588 das "älteste Deilinghofer Möbelstück" herstellte, "kupferte" dieses Motiv ab, und Daniel kriegte da einen neuen Ort, vermutlich dort im Alten Pastorat, wo die, die da zuerst drauf saßen, es so ähnlich hatten am Schluß wie Daniel: daß sie als Glaubende in schrecklicher Anfechtung sich fürchten mußten in der Pestzeit des 30jährigen Krieges, der ihnen den Tod brachte.

Nun sagen einige vielleicht: Kunstgeschichte, vermischt mit bißchen Nostalgie ist interessant, und die andern sagen: lang, lang ist's her. Doch beides ist hier nicht gemeint in dieser Betrachtung! Im Glauben seh ich nämlich was ganz anderes da in diesem Bild von der Löwengrube, und das zu sehen, ist eine Passionsbetrachtung immerhin, eine Passionsbetrachtung im wahrsten Sinne des Wortes. Ich sehe den Daniel da als ein Sinnbild, ein Sinnbild freilich, dessen Betrachtung schon Christen in früheren Generationen etwas mitgegeben hat, vielleicht sogar in der Anfechtungszeit der herannahenden Pest. Manchmal meinen wir ja in unserer Generation, wir wären die ersten, die an Anfechtungen zu leiden hatten und keine Generation vor uns hätte es schwerer gehabt als wir mit unserm Glauben. Da hinein predigt für mich allein unser Presbytergestühl und belehrt uns eines anderen, da hinein predigt auch das Kapitel Daniel 6 und stellt uns als Sinnbild den Daniel vor Augen, Daniel, der unterirdisch etwas mit dem leidenden Jesus gemeinsam hatte. Daniel, da denke ich an meine Jungscharzeit in Schwerte, wo wir uns den jungen Mann Daniel nach der Geschichte des Alten Testamentes als großes Vorbild vor Augen hatten, wenn wir in unserm bekannten Jungscharlied sangen: "Fest und treu wie Daniel war, nach des Herrn Gebot sei der Kinder Gottes Schar auch in der größten Not", und dieses "Fest und Treu" war in der Schwerter Jungschar unser Losungswort, daß wir am Ende jeder Stunde uns alle bei den Händen faßten im Kreis und "Fest und treu" sagten und dabei immer den Daniel vor Augen hatten mit seinem Mut in ganz schwerer Zeit. Kennen Sie die Geschichte noch so genau? Daniel, Kind einer Verbanntenfamilie aus Gottes Volk, der in fremder Umgebung in Babylon zuerst beim mächtigen Nebukadnezar und Belsazer, dann bei Darius seinen Glauben lebte, der sich mit seinen Gefährten zusammen weigerte, das götzenhafte Herrscherstandbild anzubeten, Daniel, der dann mit seinem Mut schließlich Schiffbruch zu erleiden schien, als er sich durch schlimme Antiglaubens-Intrigen am Hof des Darius durch dessen Unterhofmeister im dunklen Verließ dort bei den Löwen wiederfand, oben mit einem versiegelten Stein abgesichert, lebendig begraben und dem Tod geweiht zwischen den Bestien. Begraben mit einem großen Stein oben drauf, hingeworfen den Bestien der Unterwelt. Etwas, was in ähnlicher Weise, dann am Ende seines Passionswegs an Jesus von Nazareth auch geschah, als alle Welt hämisch meinte, den haben wir los! Das Danielbild kommt da in der Tat ganz eng mit dem Bild des gekreuzigten Jesu zusammen, mit dem: "Laß mich sehn dein Bilde in deiner Kreuzesnot".

Doch was lesen wir da in Daniel 6? Auf wunderbare Weise hat Gottes Engel den Bestien das Maul zugehalten und als der hier auf beiden Bildern abgebildete Darius nachsah, weil er gar nicht mit der Vernichtung des von ihm Verurteilten einverstanden war, als er nachguckte im finsteren Loch dort, da war der dem Tod geweihte unversehrt, und er der Verurteilte, erfuhr, daß einer mit Gott immer die Mehrzahl ist und daß Beten nicht zuschanden werden läßt. Ja, er Daniel, das Kind der Verbannung, das dort im Heidenland immer schon ein "offenes Fenster nach Jerusalem" auf seinem Söller gehabt hatte, wie in Daniel 6 vorher steht, "ein offenes Fenster nach Jerusalem". "Ein offenes Fenster nach Jerusalem", ein Ausdruck, der mich schon als Kind sehr beeindruckte, wie der Daniel da regelmäßig gebetet hat in Richtung des Tempels aus dem Heidenland heraus und gerade damit angeeckt hat. Und er konnte am Ende sehen, daß "einer mit Gott immer die Mehrzahl" ist, auch in allerschlimmsten Lebenslagen, in Anfechtung und Kreuz mitten unter den Bestien.

Das Bild heute von Deilinghofens Presbytergestühl, das die Pestzeit und andere Zeiten überstand erinnert an den Glauben, der an seinen tiefsten Punkten am meisten von Gottes Nähe erfährt. Solchen Glauben braucht man nicht nur 1588 uns 1618-48, solchen braucht man 1999 und im nächsten Jahrtausend, wenn wir's erleben. Menschen brauchen wir, die ein "offenes Fenster nach Jerusalem haben", die beten und daraus Mut schöpfen. Und diese Betrachtung heute schließt sich mit einem zweiten Daniellied ab, das wir früher gerne gesungen haben und das man heute noch singt: "Laß mich an die glauben, wie Daniel es tat, was kann dem geschehen, der solchen Glauben hat, sie warfen ihn den Löwen hin, er betete zu Gott und der erhörte ihn." Ja, ein offenes Fenster nach Jerusalem und von daher die Losung wie bei Daniel für uns: Fest und treu! Amen.

Von hier gehtís zum Bild genau gegenüber auf dem "neuen" Presbytergestühl von 1859, zu Joseph, der nach Ägypten verkauft wird:

www.centernet.de/pastoerchen/PA9399.htm

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