Wieder Schleichwerbung für das "Deilinghofer Käseblättchen" (dieser Abschnitt erschien in der Aprilausgabe 2016)


Das Deilinghofer Kirchenarchiv: Ein Schatzkästchen,
randvoll mit spannenden Geschichten von damals…
Heute fast ein Kirchenkrimi mit dem jungen Pastor Carl Ludwig Josephson

 


Im vorigen "Käseblättchen" (März 2016) berichteten wir über Deilinghofen in ersten Drittel des 19. Jahrhunderts:
über den hiesigen Pfarrer Carl Franz Friedrich Basse und dessen Ehefrau Lotte Basse. Der früh verstorbene Deilinghofer Heimatforscher und Presbyter Harald Korsch-Gerdes (1954 - 1997; Bild links) war es, der durch intensive Forschungen im Kirchenarchiv vorher unbekannte interessante Geschichten "ausgegraben" hatte, die man im großen Basse-Kapitel der "Blätter für Deilinghofer Kirchengeschichte", Heft 3, nachlesen kann. Zum Beispiel fand Korsch-Gerdes aus dem Schatzkästchen des Kirchenarchivs heraus, dass der prominente preußische Kirchenminister und Bischof Rulemann von Eylert (Bild unten rechts) ein ganz enges freundschaftliches Verhältnis zum Deilinghofer Pastor Basse unterhielt. Auch die zu der ungewöhnlichen und spannenden Josephson-Geschichte, die sich an die Basse-Zeit unmittelbar anschloss, entdeckte Korsch-Gerdes sehr frappierende Einzelheiten aus dem Kirchenarchiv. Wir können das Ganze hier aus Platzgründen nur andeuten, verweisen aber auf umfassende Darstellung des von Korsch-Gerdes und Groth verfassten Josephson-Kapitels im Internet: http://tinyurl.com/PastorJosephson.
Schon die Geschichte der Herkunft des Pastors Carl Ludwig Josephson wirkt wie ein Romanstoff: Zwei jüdische Kaufleute aus Unna, Söhne des Hennener Juden Joseph Meyer, ließen sich im August 1805 zusammen mit ihrer ganzen Sippe taufen (elf Personen in einem Gottesdienst), weil sie sich in einer echten Glaubensentscheidung dem Glauben an Jesus Christus zugewendet hatten. Der christliche Nachname nach der Taufe, den sie annahmen, war "Josephson" ("Söhne von Joseph" - Joseph Meyer). Aus dieser Sippe der frommen Josephsons traten besonders zwei Männer hervor, die beide der erwecklich-pietistischen Richtung angehörten und sehr ähnlich hießen: Carl Ludwig Josephson (1811 - 1888), der Hilfsprediger des kranken Pfarrers Basse in Deilinghofen, und dessen Vetter Ludwig Carl Josephson (1809 - 1877), der Hilfsprediger und später Nachfolger der Pfarrers an der Bauernkirche Johann Abraham Strauß. Wir hatten schon in der letzten Folge bemerkt, dass die Pfarrfrau Lotte Basse im Blick auf die Geschicke der Gemeinde gerne die Fäden in der Hand hatte und dass sie sogar ihrem Ehemann die Predigten geschrieben haben soll. Als ihr Ehemann, der alte Pfarrer Basse, kränker wurde, wurde ihm der genannte Carl Ludwig Josephson an die Seite gegeben, und dieser kam als Prediger und Seelsorger sehr gut bei der Gemeinde an.
Vor allem schätzte ihn auch Lotte sehr als hervorragenden Geistlichen für Deilinghofen, der doch bitte schön nach Basses Tod dort auch dessen Nachfolger werden sollte. Sogar verwandt wurden die Basses mit Josephson: Einer der Basse-Söhne, der in Deilinghofen "Im Turm" - im noch heute erhaltenen! - Fachwerkhaus wohnende Carl Basse (Vater des Gründers von B&U), wurde auch mit Josephsons Schwester Theodora verheiratet. Dieser Carl Basse kommt gleich im Text weiter vor… Die Hälfte der Gemeinde mochte den jungen und frischen Pastor Josephson sehr und stimmte damit mit der Pfarrfrau zusammen. Wenn da nicht jene Opposition gewesen wäre, im Presbyterium und im Dorf! Wir haben hier ganz knappzusammenzufassen: Man brachte einiges gegen Josephson vor, dass er nämlich das erforderliche Alter noch nicht habe; beim Tod Basses 1833 war er 22 Jahre alt. Die Deilinghofer Gruppe, die für Josephson stimmte, schätzte dessen erwecklichen Ton und dessen jugendlichen begeisternden Schwung, die Gegner fanden ihn gerade deswegen nicht so geeignet. Und sie setzten beim Superintendenten durch, dass mehrere Kandidaten Probepredigten hielten. Wie sich das langsam zu einem Kirchenkrimi zuspitzte, geht aus einem Zitat aus dem Kirchenarchiv hervor, das Korsch-Gerdes erschloss, die amtliche Zeugenaussage des "Strätners" J.D. Sirringhaus (aus der Sirringhaus-Familie, die heute noch an der Hönnetalstraße wohnt); wir zitieren ausführlicher:
"Am Samstage Abend vor dem Tage, wo der H Candidat Josephson vor 26[st]en [Oktober 1833] in Deilinghofen sein Probepredigt hielt, ging ich mit einigen meiner Freunde um Jagdschutzung außerhalb Deilinghofen; kam um Mitternacht mit Bernadt Schulte und Wiethöft nach dem Dorfe zurück, ich bemerkte schon von weitem in dem Pastorathhaus Licht, hierüber wurde ich nebst meinen beiden Gesellschafts-Männern aufgebracht indem ich wußte, daß das Pastorathhaus schon seit einiger Zeit nicht mehr von der Wittwe Basse bewohnt warm ging also näher um zu untersuchen, wo das Licht in dem Pastorathause herkömme bei dem Annähern des Hauses hörete ich, daß großer Tumult und viele Menschen in und vor dem Hause auf dem Hofe waren und fortwährend passasige von Carl Bassen Hause nach der Pastorath und von da zurück sich wechselten; mittlerweile ging die ganze Versammlung von da weg nach dem Kirchhofe, wir traten wiederum näher und fanden daselbst eine für die Nacht unzählbare Anzahl von Menschen beiderlei Geschlechts, die unter Lärm und Taumeln mit dem Aufrichten eines Ehrenbogens worinnen ein Kranz mit einer Herzfigur hing beschäftigt waren, es waren diese Menschen größtentheils aus Deilinghofen, auch aus Apricke und einige wenige auswärtige Fabrickarbeiter von der Oese, ich habe noch dabei zu bemerken, daß mehrere Frauenzimmer […] davon liefen als wir auf den Kirchhoff kamen, denen ich zurief sie sollten sich unserenthalben an ihrer Arbeit nicht stören worauf dieselben zurück kamen -
Der folgende Morgen also am Tage wo der bemerkte H Candidat seine Probepredigt verrichtete, versammleten sich einige Kinder vor dem Pastorathhaus diese wurden von der Wittwe Basse ins Haus gerufen, über eine Weile standen dieselben Kinder vor Carl Basses Hause, aus diesem kam der H Candidat Josephson empfing die Kinder mit einem Drückelhändchen und ging mit denselben in Geleitschaft zur Kirche.
Am Abende aber versammelten sich wiederum eine Menge Menschen die mit Klaenetblasene und Taumeln durchs Dorf gingen und die Worte ausstießen Pattrioten heraus, auch unter dieser Musik zum Kirchhofe gingen, und den am vorigen Abend gesetzten Ehrenbogen nebst Kranz wegnahmen und unter vorbemerkten Blasen damit nach Carl Bassen gingen [der "Im Turm" wohnte], wo der Herr Candidat Josephson von Unna in logis war. Dieselbe daselbst unter Lärmen Fluchen und schmutzigen Liedersingen ans Haus richteten und sodann mit dem vor erwähnten Klaenetblasen sich zurück ins Dorf begaben. Weiter ist mir von dieser Sache nichts bekannt, die Wahrheit desselben kann ich auf Verlangen bestätigen C D Sirringhaus".
Das heißt im Klartext, dass sich sogar Fabrikarbeiter aus der Oese mit dem jungen Deilinghofer Hilfsprediger solidarisierten und dass es durchaus eine ungewöhnliche Demonstration für Josephson gab, der sich bis zu seiner Wahl in seinen Heimatort Unna zurückgezogen hatte. Bei der eigentlichen Wahl - Josephson war unter den "top 3" der Deilinghofer Kandidaten, gab es Ende des Jahres eine weitere nicht minder spektakuläre Demonstration; wir zitieren wieder aus den "Blättern zur Deilinghofer Kirchengeschichte":
"Und am 7. August 1834 war endlich der Wahltag!
Vor dem Deilinghofer Kircheneingang war auch an diesem Tage wieder Spektakuläres zu beobachten. Dort hatten sich zwei ‚handfeste Bauernburschen" aufgepflanzt, die "zwischen sich hoch-erhoben ein Schild' zeigten,
‚auf dem weithin zu lesen war:
Ueb immer Treu und Redlichkeit
bis an dein kühles Grab
und weiche keinen Finger breit
vom Josephsone ab!'"
(aus Blätter zur Deilinghofer Kirchengeschichte, Heft 3).
Als übrigens viele Jahre später Josephsons Sohn Max Johannes Josephson (1854 - 1928; übrigens der Gründer des CVJM Deilinghofen!) zum Pfarrer in Deilinghofen gewählt wurde und man im Gespräch auf die Demonstration vor der Kirche bei der Wahl des Vaters kam und auf die beiden Schildträger, stand beim Festessen ein ehrenwerter Greis auf und bekannte: "Ich war einer von den beiden!"
Dem Vater Carl Ludwig Josephson aber war es verwehrt, "richtig" Deilinghofer Pfarrer zu werden! Er wurde zwar gewählt, aber dann kam Dramatisches dazwischen!



Carl Ludwig Josephson - hier als Pfarrer von Barmen-Wupperfeld


Als Theologiestudent in Halle hatte er der Burschenschaft angehört, nicht von jener verstaubten und reaktionären Art, wie sie Burschenschaftler heute oft haben, sondern motiviert von der Leidenschaft, deutsche Einheit und Freiheit zu erkämpfen. 1834 holte den gerade gewählten Deilinghofer Pfarrer Josephson diese "politische" Vergangenheit ein: er wurde in der Berliner Hausvogtei für lange Zeit inhaftiert, er schrieb dort auch eindrucksvolle Gedichte, die sogar an Bonhoeffers Verse aus dem Gefängnis erinnern, und er wurde danach - das wurde ein wirkliches Happy End: ein wirkungsmächtiger und gesegneter, allseits geachteter Pfarrer - nicht in Deilinghofen, sondern in Barmen-Wupperfeld. All das hier auf engem Raum Ausgelassene ist unter
http://tinyurl.com/PastorJosephson  zu finden.


Stephanuskirche und Ebbergs Haus - sechs Jahrzehnte nach der Basse-Zeit:
anno 1896 (aber hier keine Demo wie im Text…)