Zwei Predigten in der Karwoche : 23.10.1997 und 10.4.1998

1.

Festpredigt zur Goldenen Konfirmation
(Pastor Ravenschlags beiden ersten Konfirmationsjahrgänge '47 und '48)
So. Palmarum, 23.3.97, Stephanuskirche Deilinghofen

Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des hl. Geistes sei mit euch allen. Amen.

Meine lieben Goldkonfirmandinnen und Goldkonfirmanden, liebe Gemeinde am heutigen Palmsonntag!

Stichwort Konfirmandenprüfung - das ist jetzt hier der rote Faden! Mit der Konfirmandenprüfung beginne ich heute an diesem Festtag die Predigt! Für den älteren Jahrgang von Ihnen war die damals in dieser Kirche am Sonntag Judica, dem 23. März 1947, eine Woche vor der Konfirmation - und der damals noch neue Pastor Alfred Ravenschlag testete seine Jungen und Mädchen auf Herz und Nieren. Sage und schreibe über 70 Liedstrophen waren zu lernen, so wurd's mir berichtet, gestern noch einmal, samt all den Katechismuserklärungen und den Psalmen und so weiter. Und wer weiß, ich stell mir das vor - vielleicht hat damals an jenem 23. März Alfred Ravenschlag mitten in der Prüfung z.B. den Konfirmanden Klaus Bartmann aufgerufen und gefordert: "Klaus, sag mal das Christuslied von Paulus aus dem Philipperbrief auf, Phil. 2, 5-11". Sicherlich mußte Sie den auch lernen; es ist sozusagen ein Psalm aus dem Neuen Testament, von Paulus zitiert im Brief an die Philipper, in diesem Brief, der aus dem Gefängnis geschrieben wurde. Und der Konfirmand Klaus Bartmann soll diesen Christushymnus jetzt aufsagen (bitte schön!) - es ist nämlich jetzt unser Predigttext. Damit Herr Bartmann aber nicht bloßgestellt wird, darf er beim Aufsagen des Christuspsalms, des heute vorgeschriebenen Predigttextes, die Seite 1 des Programmblatts vornehmen, wo alles steht, und wir alle zusammen helfen ihm; wir lesen den Predigttext nämlich alle gemeinsam laut:

Ein jeglicher sei gesinnt, wie Jesus Christus auch war. Er, der in göttlicher Gestalt war, hielt es nicht für einen Raub, Gott gleich zu sein, sondern entäußerte sich selbst und nahm Knechtsgestalt an, ward den Menschen gleich und der Erscheinung nach als Mensch erkannt. Er erniedrigte sich selbst und ward gehorsam bis zum Tode, ja zum Tode am Kreuz. Darum hat ihn auch Gott erhöht und hat ihm den Namen gegeben, der über alle Namen ist, daß in dem Namen Jesu sich beugen sollen aller derer Knie, die im Himmel und auf Erden und unter der Erde sind, und alle Zungen bekennen sollen, daß Jesus Christus der Herr ist, zur Ehre Gottes, des Vaters.

Liebe Festgemeinde, meine lieben Jubilarinnen und Jubilare!

"Konfirmandenprüfung" - wenn wir den heute für den Palmsonntag vorgeschriebenen Predigttext auslegen, bleiben wir allen Ernstes und ganz ohne "Gag" bei diesem Stichwort. Denn als ich an die Predigtvorbereitung dieser Predigt ging, da habe ich keineswegs nur an den Paulus damals gedacht, an die Lebensumstände des Paulus, wie der - in Fesseln gebunden, eingekerkert in Ephesus - den Brief an die Gemeinde in Philippi schrieb. Nein, ich habe die Liste der 27 Männer und Frauen hier vor Augen gehabt und mir zu vielen von Ihnen einiges vorgestellt, was alles in den 27 x 50 Jahren seit Ihrer Einsegnung geschehen ist und was damals war: als Sie 14 waren, am Palmsonntag 1947 und am Palmsonntag 1948 - vor 50 und 51 Jahren!

Vieles weiß ich aus Ihren Schilderungen, von den Gesprächen, die wir zur Vorbereitung des heutigen Tages geführt haben - und viel davon kommt heute noch im Lauf des Tages mit Sicherheit im Martin-Luther-Haus noch zur Sprache. Lassen Sie mich nur einige Stichpunkte von damals hier nennen:

Der eine der Konfirmanden, Herr Adolf Alberts, erzählte, wie ihm in der direkten Nachkriegsnot mit 14 für ein oder zwei Pfund Butter beim Schneider ein Konfirmandenanzug angefertigt werden konnte, beim andern, Klaus Bartmann, wurde der Stoff eines Uniformmantels dunkel eingefärbt und zum Festtagsanzug umgearbeitet. Sie erzählten von Lebensmittelkarten, von Stromsperren und den Schwierigkeiten bei der Essensbeschaffung: daß z.B. der Pastor bei einem Festtagsmahl bei einer Konfirmation 1947 Erbsensuppe kriegte und bei einer anderen 1948 ein Jahr später dort auf dem Bauernhof an der Hönnetalstraße schon Karnickelbraten; Sie erzählten, wie sie in ihrer Kindheit Tiefflieger und Angst des Krieges noch mitgekriegt haben, auch hier im Dorf; ganz zu schweigen von denen unter Ihnen, die als Kinder durch den Krieg den Vater verloren haben. Und ich kann mich - glaube ich - ein klein bißchen hineinversetzen in die innere Verfassung Ihres Konfirmators Alfred Ravenschlag, der ja direkt aus dem Krieg gekommen und unmittelbar bei der Gründung seiner Familie, es hier im Dorf nicht so leicht hatte, Fuß zu fassen, Alfred Ravenschlag, der Palmsonntag 1947 zum ersten und Palmsonntag 1948 - heute vor 50 Jahren - zum zweiten Male hier Jungen und Mädchen der gebeutelten Kriegsgeneration in Deilinghofen in der Stephanuskirche einsegnete an diesem Altar.

Konfirmandenprüfung: Wer weiß, vielleicht war gar nicht das die eigentliche Prüfung für Ravenschlag, aus den über 70 Strophen sich was aufsagen zu lassen von Jungen und Mädchen. Vielleicht war es eine viel größere Prüfung für ihn, nach all dem, was in Deutschland passiert war mit Männern seiner Generation und unter Hitler, bewußt - Jesus Christus und sein Wort bezeugend - Jugendliche rauszuschicken ins Leben - in der Hoffnung auf eine neue Zeit, in der man von Vergebung und Versöhnung lebt und in einem neuen Anfang Schuld bewältigt. Genau davon hat mir Pastor Ravenschlag unter vier Augen oft etwas gesagt (so offen wie ich es von Männern seiner Generation übrigens selten hörte): daß er sich und seine Generation als eine von Schuld gezeichnete ansah.

Und "Konfirmandenprüfung", meine lieben Jubilarinnen und Jubilare, das kann für Sie, die Sie hier in den ersten Reihen sitzen an Ihrem Festtag, heute auch noch in einem bißchen anderen Sinne verstanden werden: nicht zuerst als Abfragen damals am Sonntag vor Palmarum, Konfirmandenprüfung, das kann heißen: daß Sie jetzt an vieles Schöne Ihrer Jugend zurückdenken, aber sicherlich auch an viele Prüfungen und Feuerproben, durch die Sie seit damals, als Sie Konfirmanden mit 14 waren, durchmußten. Von manchen von Ihnen weiß ich das besonders gut: was Sie in den 50 Jahren seit '47 und '48 durchmachten, manche habe ich auch ein Stück in solchen Situationen begleiten können bei Gesprächen in schweren Krankheitszeiten und dunklen Trauerzeiten. Und wenn wir diese Erfahrungen von 27 x 50 Jahren hier zusammenpacken, wenn wir diese Erfahrungen auch von Proben und Prüfungen in diesen zusammen fast 1500 Jahren zusammennehmen, dann ist die ernsteste Prüfungsfrage die: Kann ich nach all meinen Erfahrungen noch ehrlich die Hände falten und an Gott glauben? Oder anders gesagt: Würdest Du die Konfirmandenprüfung 50 Jahre danach bestehen, wo die richtige Lösung lautet: Ich halte allem erlebten und durchgemachten Kreuz zum Trotz zu diesem Jesus Christus und versteh mich mit ihm im Bund, durch dick und dünn, mit diesem Jesus Christus, auf den ich getauft bin und zu dem ich mich vor 50 Jahren bei meiner Konfirmation bekannte - zu dem will ich mich heute bekennen!

Unser Text heute, liebe Gemeinde, ist ja eigentlich - recht verstanden - ein Prüfungstext, nicht ein Prüfungstext zum Richtig-Aufsagen von Auswendiggelerntem, sondern ein Prüfungstext anderer Art. Wie ich schon andeutete, ist der Philipperbrief in Fesseln entstanden und nicht am Schreibtisch ausgedacht, von einem, der aus Glaubensgründen eingelocht wurde, und der gerade da Not und Tod massiv vor Augen, hart geprüft, den Einen bekennt, der ihn nicht fallen läßt: Jesus Christus, den Gekreuzigten.

Und dieser berühmte Christushymnus: Ein jeglicher sei gesinnt, wie Jesus Christus auch war, der nicht reich blieb, sondern ganz tief runter ging, gehorsam war bis zum Tode, ja, bis zum Tode am Kreuz, das ist für Paulus keine Auswendiglernsache und keine Schreibtischsache; das ist sein Glaubensbekenntnis und Lebensbekenntnis mitten in schwersten Leiden und Prüfungen, da wo man Warum fragt und wo Gott - menschlich gesehen - abwesend zu sein scheint, da ist es Menschen, die es wie Paulus halten, geschenkt, zu bekennen: ER, mein Ein und Alles, ER, der Gekreuzigte, ist erfahrbar auch und gerade am allertiefsten Punkt als der Herr, und - Gott sei Dank, bis heute erfahren genau so etwas Menschen, die zu beten wagen: ich bin gehalten, sogar an meinem tiefsten Punkt, von IHM, dem Einzigeinen, der für mich starb der, den untersten Weg ging und gehorsam war bis zum Tode, ja, bis zum Tode am Kreuz.

Liebe Gemeinde, ich habe Männer vor Augen und Frauen auch, die sich erhaben vorkamen, an solch einen Gott noch zu glauben, die fertig zu sein meinten mit diesem Gott und all den Geschichten ihrer Kindheit, und die dann, an tiefsten Punkten des Kreuzes, mitten in eigenen Suchtproblemen, mitten in Intensivstationerfahrungen, mitten in tiefen Trauererlebnissen oder sogar den eigenen Tod vor Augen ihre Hand nach diesem Retter ausstreckten und da - in eigenen Tiefendimensionen ihres Lebens - manchmal auch - Gott sei Dank! - in meinen letzten 15 Jahren hier in Deilinghofen ihn, den Retter noch fanden, ihn fanden, der tief zu uns runter kam, ganz tief, daß er gehorsam wurde bis zum Tode, ja, bis zum Tode am Kreuz. Ganz gewiß, wenn ich um solche lebendige Erfahrungen nicht wüßte - mitten im oft lauen und unglaubwürdigen Kirchenalltag -, wenn ich um solche Erfahrungen nicht wüßte, aus dem eignen Leben und dem Leben von anderen, dann ständ ich heute nicht hier und hätte meinen Talar längst in die Ecke gepfeffert. Und Gott sei dank - sogar einige der heute 14jährigen Konfirmanden, die Anfang Mai hier eingesegnet werden, haben mitten in schweren eigenen Lebensprüfungen zu Gott gefunden und verstehen, so jung sie sind, "Konfirmandenprüfung" nicht nur als Auswendiglernsache.

Und der allgemeinen Strophe, Gott "von gestern" sein soll, daß Gott tot sein soll gar, wie es die Spatzen von den Dächern zu pfeifen scheinen, setzen wir hier an diesem Festtag sehr kräftig und aus vollem Herzen eine andere Melodie und eine andere Schlußstrophe entgegen: sie steht auf dem Programmblatt auf Seite 1 und wurde von uns gemeinsam gelesen im Predigttext. Denn da geht es nicht um das "Lied vom Tod", da geht es um das Lied des Lebens, den Christuspsalm, der jubelnd endet: diesen Christus, den sie für tot erklären wollten damals und bis heute wollen allerorten, den hat Gott erhöht und hat ihm den Namen gegeben, der über alle Namen ist, daß in dem Namen Jesu sich beugen sollen aller derer Knie, die im Himmel und auf Erden und unter der Erde sind, und alle Zungen bekennen sollen, daß Jesus Christus der Herr ist, zur Ehre Gottes, des Vaters.

Das heißt auf gut deutsch: egal wie gut du singen kannst, egal wie gut du Frommes auswendig lernen kannst, fang neu an, von Herzen dieses Lied mitzusingen, dies Glaubens-Lied, daß Jesus Christus der Herr der Welt und Herr deines Lebens sein will und ist, dies Lied, daß Jesus Christus als König herrscht und alles ihm untertänig wird, daß sich alle Mächte vor ihm beugen werden und aller Knie: im Wissen daß Karfreitag mit all dem Kreuz und Warum nicht das Letzte war und daß seit Ostern der Name Jesu, dieser herrliche Name Jesus der Name wurde, der über alle Namen ist.

Und wenn das hier das Ende der Predigt ist, liebe Konfirmanden und liebe Gemeinde, dann gibt es im Namen dieses Christus vielleicht noch eine Zusatzpredigt an einige persönlich hier, wenn gleich die alten Denksprüche, die Ihr Konfirmator vor fünfzig Jahren verlas, den gleichen Menschen im Namen Jesu noch einmal zugesprochen werden und sie ansprechen, und wer weiß, vielleicht erfahren wir hier es auch am Altar bei Brot und Wein, daß Glaube neu anfängt und Neuanfang ermöglicht, wo wir im Namen Jesu uns persönlich sagen lassen: "Christi Leib für dich gegeben, Christi Blut für dich vergossen". Das heute so verstehen zu können, das gebe hier Gott! Wohl dem von uns, der die richtige Konfirmandenprüfung besteht und heute neu erfährt, daß Gott nicht tot und nicht "von gestern" ist, sondern für dich und für mich das Leben hat für heute und morgen und bis in Ewigkeit! Amen.

 

2.

Predigt am Karfreitag, 10.4.98 in der Stephanuskirche Deilinghofen

Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserm Vater, und unserm Herrn Jesus Christus. Amen.

Liebe Gemeinde an diesem Karfreitag, kein Brief des neuen Testamentes zeigt so deutlich, daß Paulus betont ein Theologe der Kreuzes ist, ein Christ in der Leidensnachfolge des Gekreuzigten von Golgatha, wie der zweite Korintherbrief. Wie schon einige Male in diesem Kirchenjahr ist jetzt für den heutigen Karfreitag wieder ein Text aus dem zweiten Korintherbrief zu predigen vorgeschrieben in der Ordnung der Predigttexte. Hören wir auf 2.Kor. 5,18-21, die Zusammenfassung dessen, was von Paulus aus das Kreuz von Golgatha zu sagen hat:

Gott hat uns mit sich selber versöhnt durch Christus und uns das Amt gegeben, das die Versöhnung predigt. Denn Gott war in Christus und versöhnte die Welt mit sich selber und rechnete ihnen ihre Sünden nicht zu und hat unter uns aufgerichtet das Wort von der Versöhnung. So sind wir nun Botschafter an Christi Statt, denn Gott ermahnt durch uns; so bitten wir nun an Christi Statt: Laßt euch versöhnen mit Gott! Denn er hat den, der von keiner Sünde wußte, für uns zur Sünde gemacht, damit wir in ihm die Gerechtigkeit würden, die vor Gott gilt.

Gebet: Herr, stärke mich, dein Leiden zu bedenken, mich in das Meer der Liebe zu versenken, die dich bewog, von aller Schuld des Bösen mich zu erlösen. Laß du deinen Geist uns hier leiten zum rechten Reden und Hören. Amen.

Liebe Gemeinde, vor fünf Tagen am Palmsonntag bei der Goldenen Konfirmation dachten an einem unvergeßlichen Tag viele an ihre Konfirmation und an Pastor Ravenschlag damals bei seiner ersten und zweiten Konfirmation in Deilinghofen. In dem Zusammenhang fiel mir die letzte Predigt von Pastor Ravenschlag in die Hände, die er auf dieser Kanzel hielt, es war Gründonnerstag 1984, und diese Predigt beginnt mit den Versen, die er am Eingang eines Friedhofs einmal gelesen und notiert hatte:

"Wir sind ein Volk,
vom Strom der Zeit
gespült ans Erdeneiland
voll Unruh und voll Herzensleid,
bis heim uns holt der Heiland.

Ein Vaterhaus ist immer nah,
und wechseln auch die Lose:
Es ist das Kreuz von Golgatha,
Heimat für Heimatlose".

Das mag sich in den Ohren mancher altertümlich anhören, angestaubt und überholt, das mag die Welt nicht hören wollen oder als sentimental verlachen, genau das ist die Mitte des Karfreitags und die Mitte des christlichen Glaubens: ein Vaterhaus ist immer nah, es ist das Kreuz von Golgatha, Heimat für Heimatlose. Wenn’s irgendeinen Punkt gibt, der mich bei Gott hält, der mich in dieser Kirche – bei allem, was wackelt – dennoch dabeibleiben und auf festen Füßen stehen läßt, dann ist es dieses Kreuz von Golgatha, die Heimat für Heimatlose. Und was mich an Paulus fasziniert – gerade am zweiten und auch am ersten Korintherbrief, das ist seine Einseitigkeit, mit der er nicht den Glanz der Kirche und die Großtaten der Christen preisen will, wie seine großkotzigen Gegner, sondern allein den einen: Christus den Gekreuzigten; "ich will nichts anderes wissen als Christum den Gekreuzigten", das sagt er da einmal und das durchzieht all sein Tun und Reden. Fest steht man nirgends anders als da auf diesem Boden jenes Hügels, bei dem von allen Seiten verlachten und verachteten Gekreuzigten und seiner Versöhnung am Kreuz von Golgatha, wo Heimatlose Heimat finden, Trostlose ihren Trostgrund, Schuldbeladene ihren neuen Anfang und Wankende und Angefochtene das Einzigeine, was sie in der Tiefe hält.

Paulus in unserm Text heute zum Karfreitag beschreibt diese Mitte des Glaubens mit dem Wort Versöhnung. Er blickt da nach Golgatha, auch wenn er mit keinem Wort die Geschehnisse dort erwähnt, und er beschreibt das, was ihm die Mitte ist mit den Worten:

Gott hat uns mit sich selber versöhnt durch Christus und uns das Amt gegeben, das die Versöhnung predigt. Denn Gott war in Christus und versöhnte die Welt mit sich selber und rechnete ihnen ihre Sünden nicht zu.

Nein, bloß nicht falsch verstehen: das ist keine billige Allversöhnung, so wie’s manche juxend beim Schunkeln zu singen pflegen: "Wir kommen alle alle in den Himmel, weil wir so brav sind, weil wir so brav sind". Es ist nicht jene billige Gnade, die ein Bonhoeffer als die Hauptkrankheit in der lauen Christenheit bezeichnete, es ist eine teure Gnade, die anzunehmen ist: wir sind teuer erkauft, es kostete ihn das Leben, der für uns litt und starb. "Teuer erkauft", so wie es knapp und präzise an der Friedhofskapelle auf dem schwarzen Kanzeltuch zu lesen ist: wir waren Gott das Teuerste wert, wir waren Gott seinen Christus wert, den er für uns gab bis hinein in die Leidens- und Tiefendimensionen des Lebens, bis hinein in den Tod.

Und das Amt, das die Versöhnung predigt, das ist der Ruf zur Buße: Komm dahin unter dies einzigeine Kreuz, wo du, der du dich verlaufen hast und heimatlos in die Irre gehst, wieder Sohn wirst und Tochter, wo du Kind Gottes wirst und - mit Gott versöhnt - ins Reine kommst. Insofern ist wirklich das Kreuz von Golgatha das Vaterhaus, das immer nah ist, und die Heimat für Heimatlose.

Liebe Gemeinde, sieben Wochen lang haben wir uns in dieser Kirche in diesem Jahr in den Passionsandachten fortlaufend mit Texten der Passionsgeschichte des Evangelisten Johannes beschäftigt. Wir haben dort auch gesehen, wie im Johannesevangelium der Weg Jesu in die Tiefe seiner Leiden – mit rechten Augen betrachtet – immer auch ein Weg zur Verherrlichung dessen ist, der Ostern der wahre König, der Herr über alles, blieb. Und heute vollends im Schlußabschnitt des Johannesevangeliums kam das eben bei der Lesung [Joh.19] wieder raus: Sie wollten Jesus verhöhnen und schrieben in allen Sprachen der König hängt da, und in Wirklichkeit hing er, aufgerichtet und inthronisiert, er, der Eine, der versöhnend der Herr über alles wurde. Und da am Kreuz aufgerichtet, wo sie juxen und würfeln um seine Kleider, wie haargenau dort vorne abgebildet – sehr drastisch – an unserm Altar, da versöhnt er, macht den Jünger, den er lieb hat, noch am Kreuz zum Sohn seiner Mutter, die weint, wie auch dort vorne zu sehen ist. Das Kreuz, hier aufgerichtet auf dem mittelalterlichen Altar, erinnert uns Sonntag für Sonntag an diese Versöhnung.

Paulus aber, liebe Gemeinde, in unserm Text des 2. Korintherbriefs drückt das Gleiche auf seine Weise aus: Aufgerichtet wurde nicht nur das Kreuz, aufgerichtet wurde das Wort von der Versöhnung.

Und jetzt kommt das faszinierndste Wort unseres Textes: aufgerichtet wurde das Wort von der Versöhnung, und er hat uns gemacht zu Botschaftern, zu Botschaftern an Christi Statt! Da lohnt sich’s innezuhalten: Botschafter, so überlegten wir auch am Mittwoch in der Frauenhilfe zu genau diesem Vers: Botschafter sind doch Repräsentanten eines anderen Reiches in einer fremden Umgebung, Botschafter sind Stellvertreter, die für ihr Land und für ihr Reich stehen und sogar zeichnungsberechtigt sind. Und hier sogar zugespitzt: Botschafter an Christi Statt, in seinem Namen sprechend und handelnd: nicht mehr und nicht weniger dürfen wir sein! Er litt alles stellvertretend für uns, und wir dürfen dann stellvertretend – zum Kreuz von Golgatha hinweisend - für ihn sein Mund heute werden, als Botschafter der wichtigsten Botschaft für unsere Welt, und die Botschaft lautet: "Laßt euch versöhnen mit Gott!"

Wohlgemerkt, nur von dieser Mitte her gesehen ist Versöhnung kein Schwafelwort für Sonntagsreden! Auch nicht nur ein Wort für Pastoren allein. Nur vom Kreuz aus und von nirgends anders ist Versöhnung in der Welt: daß Gott uns dank seines Sohnes – wo wir ihn finden – zu seinen Söhnen und Töchtern macht, zu seinen Kindern werden läßt, die dann untereinander verbunden sind und auch vertikal Versöhnung stiften, wie da am Kreuz im Bild, Versöhnung schaffen und leben – wie es da zum ersten Mal passierte, als der eine der Schächer am Kreuz noch Heil fand und Maria und der Jünger neu miteinander verschwistert und versöhnt und verbunden werden durch die Botschaft der Versöhnung.

Und umgekehrt kreuzigen wir ihn neu, wo wir untereinander an diesem Kreuz, an diesem "teuer erkauft" vorbeileben, uns nicht mit Gott versöhnen lassen und dann uns gegenseitig die Versöhnung verweigern.

Unter uns aufgerichtet ist das Wort von der Versöhnung im Namen des Gekreuzigten - Gott sei Dank! - bis heute! Der Ort, sich als Sohn und als Tochter, als Kind Gottes zu verstehen, ist und bleibt nur da, am Kreuz von Golgatha, der Heimat für Heimatlose. Mag das verstaubt klingen und altmodisch, mag die Welt mit allen möglichen Medien spannendere Botschaften, tollere "messages" unter die Leute bringen wollen als diese anfechtbare ärgerlich-schlichte Karfreitagsbotschaft hier, mag sie andere glänzendere Heilswege finden und sich dabei nur umso mehr verirren, ich möchte mich jedenfalls an das halten, was schon den Paulus hielt und nichts anderes als Mitte meines Lebens wissen als Christus den Gekreuzigten, und in dessen Namen möchte ich, mit Gott versöhnt, um meine Heimat im Glauben wissen und Heimatlosen im Glauben und Heimatlosen im Leben eine Heimat bieten und Trostlosen einen Trost, der in der Tiefe trägt, und Versöhnung schaffen und leben, wo immer ich kann im Blick auf dies aufgerichtete einzigeine Wort von der Versöhnung, wie wir es angeboten erhalten auch im Brot und im Wein hier an seinem Tisch, um es in uns aufzunehmen und durch uns wirken zu lassen, durch uns, die Botschafterinnen und Botschafter, daß es Frucht der Versöhnung bringe und an Christi statt wirke, der durch uns ruft: Laßt euch versöhnen mit Gott! Gelobt sei Gott, der den, der von keiner Sünde wußte, für uns zur Sünde gemacht hat, daß wir im fröhlichen Wechsel – wie Luther das sagte – die Gerechtigkeit würden, die vor Gott gilt! Amen.