Gottesdienst am 2. Advent, 8.12.2002 in der Auferstehungskirche und dann in der Erlöserkirche zu Arnsberg

Orgelvorspiel, Begrüßung mit Wochenspruch: Steht auf und erhebt eure Häupter, weil sich eure Erlösung naht. (Lk 21, 28b)

Eingangslied: Eg 11, Wie soll ich dich empfangen, 1, 2, 4, 6

Im Namen... Unsere Hilfe...
Wir hören als Eingangstext einen adventlichen Text aus Jesaja 9: Das Volk, das im Finstern wandelt, sieht ein großes Licht, und über denen, die da wohnen im finstern Lande, scheint es hell. Du weckst lauten Jubel, du machst groß die Freude. Vor dir wird man sich freuen, wie man sich freut in der Ernte, wie man fröhlich ist, wenn man Beute austeilt. Denn du hast ihr drückendes Joch, die Jochstange auf ihrer Schulter und den Stecken ihres Treibers zerbrochen wie am Tage Midians. Denn jeder Stiefel, der mit Gedröhn dahergeht, und jeder Mantel, durch Blut geschleift, wird verbrannt und vom Feuer verzehrt. Denn uns ist ein Kind geboren, ein Sohn ist uns gegeben, und die Herrschaft ruht auf seiner Schulter; und er heißt Wunder-Rat, Gott-Held, Ewig-Vater, Friede-Fürst; auf dass seine Herrschaft groß werde und des Friedens kein Ende auf dem Thron Davids und in seinem Königreich, dass er's stärke und stütze durch Recht und Gerechtigkeit von nun an bis in Ewigkeit. Solches wird tun der Eifer des HERRN Zebaoth. Kommt, lasset uns anbeten! EHR SEI DEM VATER...

Sündenbekenntnis: Herr, du weißt, wir warten auf alles Mögliche, aber sehr wenig warten wir auf dich. Wir hoffen auf alles Mögliche, aber wenig setzen wir unsere Hoffnung auf dich und dein Licht. Advent als Zeit des Wartens und Hoffens hat bei uns so oft den Sinn verloren, weil du nicht in der Mitte bist bei uns bei unserm Denken und Tun. Das macht unser Leben so gehetzt und leer, unser Handeln so oberflächlich, an dir und an den Nebenmenschen, die uns brauchen, vorbei. Wir bekennen dir, o Herr, die Friedlosigkeit im Großen in unserer Welt, die eine Folge davon ist, dass man ohne dich, den lebendigen Gott, meinte leben zu können. Herr, vergib uns unsere Schuld und lass es wirklich Advent bei uns werden, indem du zu uns kommst und unser Leben zurechtbringst. Herr, erbarme dich unser!
KYRIE

Gnadenzuspruch: So spricht im letzten Buch der Bibel Jesus, der Erhöhte Herr: Siehe, ich stehe vor der Tür und klopfe an. Wenn jemand meine Stimme hören wird und die Tür auftun, zu dem werde ich hineingehen und das Abendmahl mit ihm halten und er mit mir.
[ EHRE SEI GOTT...ALLEIN GOTT IN DER HÖH...DER HERR SEI... entfällt]

Lasset uns beten: Herr, schenk du uns Mut zum Glauben, schenk uns Ohren zu hören, wie Jünger hören. Lass uns auf den Höhen unseres Lebens und erst recht an dessen tiefsten Punkten Mut fassen, ganz mit dir zu rechnen. Gib uns solchen Mut. Zeige uns, wie wir uns mitten in eienr Welt übermütiger Ungerechtigkeit und Unwahrheit als Christen bewähren können. Hilf uns, gegen alle Selbstgerechtigkeit und Selbstzufriedenheit an deinem Kommen jetzt und in Zukunft festzuhalten. Wir rechnen mit dir, Herr Jesus Christus, der du mit dem Vater und dem Hl. Geiste lebst und regierst von Ewigkeit zu Ewigkeit. AMEN.

Epistellesung (Frau Merz) Jak 5, 7-8                      
Liedeinschub 11, die letzte (10)
Evangelium Lk 21, 25-33

Lied vor der Predigt: Eg 7 O Heiland reiß, 1-7


Predigt Römer 13, 12 f. und Jochen Kleppers Die Nacht ist vorgedrungen (EG 16)

Gnade sei mit Euch und Friede von dem, der da ist und der da war und der da kommt: Jesus Christus. Amen.


Liebe Gemeinde heute am 2. Advent!
Wir hören aus der Adventsepistel des vorigen Sonntags (das heißt aus der Brieflesung, die sicherlich auch in dieser Kirchen vorigen Sonntag gelesen wurde) einen Ausschnitt, der heute auf besondere Weise ausgelegt wird: In Römer 13, V.12-13 schreibt Paulus:

Erkennt die Zeit, nämlich dass die Stunde da ist, aufzustehen vom Schlaf, denn unser Heil ist jetzt näher als zu der Zeit, da wir gläubig wurden. Die Nacht ist vorgerückt, der Tag aber nahe herbeigekommen.

Und besonders dieser letzte Satz soll in der heutigen Adventspredigt bedacht werden, und zwar heute einmal mit einer ganz schlichten Liedpredigt über das bekannteste und schönste Adventslied des Dichters Jochen Klepper, in schwerer Zeit am 18.12.1937 geschrieben und 1938 veröffentlicht in seinem bedeutenden Band  „Kyrie“, dem häufig aufgelegten und in jener Zeit und später nach dem Krieg sehr wichtig gewordenen Buch mit Kleppers Kirchenliedern. Die Paulusworte  Die Nacht ist vorgerückt, der Tag aber nahe herbeigekommen - die hat Klepper förmlich in seine schlimme Zeit als Adventstrost hineingezogen, von diesen Schriftworten hat er sich tief ansprechen lassen  und sie auf ureigene Weise in seine Zeit neu hineingesprochen: Und das gesamte Lied geht um dies Thema der ersten Strophe: Die Nacht ist vorgedrungen, der Tag ist nicht mehr fern, so sei nun Lob gesungen dem hellen Morgenstern, auch wer zur Nacht geweinet, der stimme froh mit ein: Der Morgenstern bescheinet auch deine Angst und Pein.



Liebe Gemeinde, es ist das Thema, worüber man sonst nicht spricht; manche hier kennen das, was ich anspreche: um die Nacht geht’s da, die überschwer zu ertragen ist, wenn der Leidende da mit sorgenzerwühlten Kissen und sorgenzerwühltem Innenleben nicht weiß, wie er die Nacht rumkriegt. Es ist das Thema, worüber man sonst nicht spricht (kennst du das auch??): Wenn da einer nachts wortlos ins Kissen weint und keiner hört ihn, und er wird halb wahnsinnig: Wär doch die Nacht erst vorbei! Manchmal nach einer solchen Marternacht kennen’s welche, dass endlich das erste Morgengrauen so etwas wie Erlösung bringt, dass man dann merkt, dass die Mitte der Nacht der Anfang des Tages wird, wie es in einem Sprichwort aus dem Osten heißt.

Der Dichter signalisiert uns, von Paulus ausgehend: Du, genau das kenn ich! Solche Nächte kenn’ ich, diese ganze Nachtseite des Lebens kenn’ ich sehr! Aber in Gottes Namen, im Namen dessen, der adventlich kommt, sollen diese Nächte nicht endlos sein, Gott sei Dank!: Es kommt nicht das endlose Nichts, es kommt der Morgenstern, und am Ende steht Gottes großer Tag! Singen wir Strophe 1 von Jochen Kleppers Lied: [Die Nacht ist vorgedrungen...; singen].

Liebe Gemeinde, Jochen Klepper wäre heute 99 Jahre alt, in drei Monaten wäre er 100 geworden. Er wurde am 22. März 1903 in Beuthen an der Oder in Niederschlesien als Sohn eines Pfarrers geboren; er studierte dann schließlich auch selbst Theologie, ging aber nicht in den Pfarrdienst, sondern wurde Dichter und Schriftsteller. Z.B. mit seinem bedeutenden Roman „Der Vater“ wurde er einer der großen deutschen christlichen Schriftsteller dieses Jahrhunderts, aber sein packendstes Werk, das sind die von ihm nach seinem Tod herausgegebenen Tagebücher „Unter dem Schatten deiner Flügel“, in denen er sein Lebensschicksal von 1932 bis 1942, also bis zu seinem Tod, in der für ihn unermesslich grausamen Nazizeit beschreibt.

Ich habe hier ein anderes Buch über Jochen Klepper: mit dem Titel: Daß ich ihn leidend lobe - über Jochen Kleppers Leben und Werk. Das wurde sein Motto, das er sich nicht selbst auferlegt hatte, er beschrieb es in den Tagebüchern 1935 einmal so: „Mir ist, als wäre erst jetzt, wo ich so müde und geängstigt bin, das Thema meines Lebens gefunden: ‘Dass ich ihn leidend lobe, das ist’s, was er begehrt’“. Um dieses näher sich klarmachen zu können, muss man wissen, dass er, der inzwischen bekanntgewordene Dichter 1931 standesamtlich die 13 Jahre ältere Witwe Hanni Stein, die er sehr liebte, geheiratet hatte, und Hanni Stein - genau wie deren 2 Töchter, die sie mit in die Ehe brachte, waren Jüdinnen, und jene Hetzjagd die nach der Machtergreifung und in der Zeit der Judenverfolgungen auf den sich aufs klarste zu Christus bekennenden, sehr sensiblen Dichter Klepper begann, die ist unbeschreiblich. Es spitzte sich immer mehr zu, die Gestapo war dauernd zu Gast, Zwangsscheidung wurde ihm, dem einigermaßen Prominenten, eingeredet, eine Zerreißprobe ohne Ende, und in alledem die Sorge, dass die geliebte Frau - eine der Töchter hatte im Ausland Asyl gefunden - in den Abtransport ins KZ zur Vergasung kam, wurde unerträglich. Was Nacht war, wusste der wirklich dieser Jochen Klepper. Aber nirgends so intensiv wie durch die Nacht hindurch hat er buchstabieren können, was wirklich Christsein in der Tiefe als Trost und Kraftquelle heißt, und seine Frau hat er dann auch durch sein Zeugnis hineingeholt in den Glauben an Christus, und 1938 am vierten Advent wurde Hanni christlich getauft und direkt danach heirateten die beiden kirchlich - also genau in dem Jahr, als das Lied Die Nacht ist vorgedrungen veröffentlicht wurde.  
Dem Klepper in seiner Situation war alles oberflächliche Eiapopeia und Flitterglanz zum Advent und vor Weihnachten zuwider, und er wollte mit seinem Lied von der Nacht und dem Licht auch nicht bloß Sprüche sagen wie: Wenn du denkst, es geht nicht mehr, kommt irgendwo ein Lichtlein her! Das genügte ihm nicht! Nein, Gott sollte den Himmel aufreißen und diese sündige und schuldbeladene Welt neumachen, daß man ganz neu seine Rettung in dem Kind findet, in dem Knecht Gottes, in Jesus, und dass die Nacht im Schwinden ist, das wollte er nicht an irgendwelchen Sprüchen vom herkommenden Lichtlein aufhängen, sondern festmachen an dem Kind im Stall, an dem Knecht, der die Schuld der Welt trägt, an Jesus, der ihm mitten in seinen Lebensprüfungen wichtiger geworden war und tiefer nachgegangen war als je. Dies alles Entscheidende kommt in den Strophen 2 und 3 unseres Liedes das wir jetzt singen, zum Ausdruck: [singen].

Liebe Gemeinde! Am Anfang eines manchen von Ihnen bekannten Klepper-Gedichtes aus der gleichen Zeit zum Thema Weihnachten heißt es - ähnlich wie eben gesungen: Mein Gott, dein großes Fest des Lichtes hat stets die Leidenden gemeint, und wer die Schrecken des Gerichtes nicht als der Schuldigste beweint, dem bleibt dein Stern noch sehr verhüllt und deine Weihnacht unerfüllt. Die ersten Zeugen, die du suchtest, erschienen aller Hoffnung bar. Voll Angst, als ob du ihnen fluchtest und elend war die Hirtenschar. Den Ärmsten auf verlassnem Feld gabst du die Botschaft an die Welt. Und im gleichen Gedicht kommt später vor der Satz: „Und hinter deiner Krippe schon seh ich dein Kreuz, o Menschensohn!“

Advent - dass die Nacht schwindet und der Tag anbricht, das kann man nur durch Kreuz und Nacht hindurch begreifen, das war Kleppers Erfahrung - dass es dann nicht nur um den holden Knaben im lockigen Haar und um Tannengrün und Flitterglanz ging, sondern um das Kind, den Kreuzesmann, dass von Gottes Angesichte uns die Rettung herkam, was nur und ausschließlich die begreifen, die solche Tiefen und Glaubensanfechtungen und solche Nächte - wie beschrieben - im eignen Leben kennen. In unserm Lied kommt das in den Strophen 4 und 5 ganz klar zutage: dass all unsere Nächte unter einer großen Verheißung stehen, die kein Tod auslöschen kann, dass die Weihnacht und die Osternacht in diesem Kind und Kreuzesmann ein entscheidendes Licht ins Leben gebracht hat, das man annehmen kann, ja mehr noch: dass in diesem Licht Jesus wiederkommen und in seinem großen ‘Zweiten Advent’ alles gutmachen wird, bei denen, die sich nicht vom Dunkel überwältigen lassen, dass Jesus für sie der ist, der richtend und rettend kommt - „als wollte er belohnen so richtet er die Welt“. Diese Botschaft von der Rettung aus der Nacht, das ist hier die Botschaft Kleppers, die wir mit dessen beiden letzten Strophen jetzt singen. [Singen].

Menschlich gesprochen, liebe Gemeinde, war es alles andere als ein ‘happy end’ - mit Hanni und Jochen Klepper, als nach allem Schweren die Deportation und die zu erwartende Ermordung der gebürtigen Jüdin und auch ihres Mannes vor der Tür stand - damals am 11. Dezember 1942 (kommenden Mittwoch vor genau 60 Jahren!). Es war für Klepper und seine Frau die größte Prüfung ihres Lebens, dass sie sich entschieden, der Ermordung zuvorzukommen und aus dem Leben zu gehen. Ohne dass man das schönfärben kann, billigen oder drüber richten. ist wahrzunehmen, dass für Kleppers diese tiefste Nacht nicht das Letzte war. Ganz klar hat Klepper in seinem Tagebuch drüber Auskunft gegeben - zwei Tage vor jenem Tod schrieb er: „Gott weiß am besten, dass ich es nicht ertragen kann, Hanni und das Kind in die grausamste aller Deportationen gehen zu lassen“ - und am Todestag schreibt er - ich zitiere die beiden letzten Sätze, die er eintrug: "Über uns steht in den letzten Stunden das Bild des segnenden Christus der für uns ringt. In dessen Anblick endet unser Leben“. (im Bild die letzte Tagebuchseite)



Lassen wir es uns, jeder in seiner Situation von Paulus her und von diesem hartgeprüften Christuszeugen sagen und an Leidende neben uns weitergeben als Botschaft vom Advent, dass Christus, der kommt und der Nacht ein Ende macht, das letzte Wort hat. Die Nacht ist vorgedrungen, der Tag ist nicht mehr fern. So sei nun Lob gesungen dem hellen Morgenstern. Auch wer zur Nacht geweinet, der stimme froh mit ein: Der Morgenstern bescheinet auch deine Angst und Pein. Und der Friede... AMEN.

Eg 37 Ich lag in tiefster Todesnacht, 3

Glaubensbekenntnis

Eg 213,1-3

Abk. und Fürbitten

(in der Erlöserkirche: Abendmahl)

Lied 1, 5

Segen, Orgelnachspiel

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