Predigt am 2. So. nach Epiphanias, 11.1.2004,
beim Abendmahlsgottesdienst in Ramsbeck
 

Gnade sei mit Euch und Friede von Gott, unserm Vater, und unserm Herrn, Jesus Christus. Amen.

Liebe Gemeinde hier in Ramsbeck, Röm 12, 1-8, das ist der heute am 1. So. nach Epiphanias in unseren Kirchen vorgeschriebene Predigttext. Wie wir hören und sehen werden, ist das ein Kerntext, ein Basistext des Glaubens bei Paulus, der das, was für den Glauben ganz grundsätzlich ist, zusammenfasst, bündelt und erklärt. Hören wir jetzt auf diese acht Verse; da heißt es am Anfang von Römer 12:                                

Ich ermahne euch nun, liebe Brüder, durch die Barmherzigkeit Gottes, dass ihr  eure Leiber hingebt als ein Opfer, das lebendig, heilig und Gott wohlgefällig ist. Das sei euer vernünftiger Gottesdienst. Und stellt euch nicht dieser Welt gleich, sondern ändert euch  durch Erneuerung eures Sinnes, damit ihr prüfen könnt, was Gottes Wille ist, nämlich das Gute und Wohlgefällige und Vollkommene. Denn ich sage durch die Gnade, die mir gegeben ist, jedem unter euch, dass niemand  mehr von sich halte, als sich's gebührt zu halten, sondern dass er maßvoll von sich halte, ein jeder,  wie Gott das Maß des Glaubens ausgeteilt hat. Denn  wie wir an einem Leib viele Glieder haben, aber nicht alle Glieder dieselbe Aufgabe haben, so sind wir viele ein Leib in Christus, aber untereinander ist einer des andern Glied, und  haben verschiedene Gaben nach der Gnade, die uns gegeben ist. Ist jemand prophetische Rede gegeben, so übe er sie dem Glauben gemäß. Ist jemand ein Amt gegeben, so diene er. Ist jemand Lehre gegeben, so lehre er. Ist jemand Ermahnung gegeben, so ermahne er.  Gibt jemand, so gebe er mit lauterem Sinn. Steht jemand der Gemeinde vor, so sei er sorgfältig. Übt jemand Barmherzigkeit, so tue er's gern.
 

Liebe Gemeinde, am letzten Dienstag (ich war dabei) hat Ihre Ramsbecker Gemeinde drüben im Rathaus von Bestwig den ersten Abend des großen Glaubenskurses gehabt, und das war sehr schön! Es war so eine Art Konfirmandenunterricht für Erwachsene, für Leute, die ganz neu fragen wollen: Was ist für mich denn am Glauben dran – und was ist für mich im Glauben dran, also was habe ich zu tun, wo habe ich von Gott eine Aufgabe. Der Titel dieses Ramsbecker Glaubenskurses ist: „Christ werden – Christ bleiben“ – und die Veranstaltungen in dieser Reihe finden an vielen Abenden in diesem Monat Januar 2004 statt.

Wenn man die Reihe der vorgeschriebenen Predigttexte betrachtet, liebe Gemeinde, die Perikopenordnung unserer Kirche, dann könnte man auf den Verdacht kommen, dass für die drei ersten Sonntage nach Epiphanias da auch ein "Glaubensgrundkurs" vorgesehen ist, so ein biblischer Grundkurs, Konfirmandenunterricht für Erwachsene... Denn nächsten Sonntag ist Römer 12, 9-14 dran, der direkt an den gelesenen Text anschließende Abschnitt, und heute in 14 Tagen (wenn ich drüben in Bestwig zu predigen habe) „Römer zum dritten“, auch ein Kern- und Basistext aus Römer 1.

Und heute besonders – beim eben gehörten Text, liebe Gemeinde, da könnte in der Tat die Überschrift: „Christ werden – Christ bleiben heißen“.

Genau darum geht’s: „Christ werden – Christ bleiben“! Sie haben sicherlich noch den markanten Anfang im Ohr, dass uns der Paulus zeigen will, was eigentlich „vernünftiger Gottesdienst“ ist. Also nicht nur ne Stunde absitzen heute morgen als fromme Übung, sondern ganz anders. „Vernünftiger Gottesdienst“, das heißt für Paulus: HINGABE! Dass ihr nämlich eure Leiber hingebt – als ein Opfer, welches Gott wohlgefällig ist. So sagt’s Paulus in Vers 1 und erklärt das dann in Vers 2: Stellt euch nicht dieser Welt gleich, sondern erneuert euch durch Veränderung eures Sinnes. Wenn ich diesen Vers lese, muss ich an den Pfarrerssohn denken, der sich vor fünf Jahren diesen Vers heraus suchte aus der Bibel und sagte: "Das ist er!" und sich diesen Vers auswählte als seinen Konfirmations-Denkspruch. Ich meine meinen Sohn Sebastian *), vorvorgestern 19 geworden, dem das was sagte, Sebastian, der überhaupt nicht so ein Frommer ist. In Sebastians Sprache ausgedrückt, sagte ihm der Vers: Ich will nie einer werden, der mit dem Strom schwimmt, nie einer von den Spießern, die das tun, was alle tun und das glauben, was man glaubt, die das anziehen, was alle anziehen. Ich rede von meinem Sohn Sebastian, der bei den Jesus-Punks in Deilinghofen - in der WG der "Jesus Freaks" - wohl manchmal mehr fand und findet als bei den „Normalos“ unter den Gottesdienstbesuchern, für die Gottesdienst nur sonntags ist und eine Sache für den Hintern...

„Christ werden – Christ bleiben“ – Paulus meint das nicht viel anders: niemals gleichgeschaltet mit aller Welt, und er schreibt: Verändert euch durch Erneuerung eures Sinnes, dass ihr erkennt, was Gottes Wille ist, nämlich das Gute und Wohlgefällige und Vollkommene.

Was lernen wir in diesem „Glaubenskurs“ bei Paulus? Dass Gottesdienst noch einen Tick anders ist, als wir ihn immer wieder nur verstanden haben! Er ist der Meinung, dass vernünftiger Gottesdienst keineswegs nur eine Sache ist, die mit dem Hintern abgesessen wird – etwas schläfrig, sonntags ab 10, auf relativ harten Kirchenbänken. Nein, Gottesdienst, das ist für ihn HINGABE: dass jemand sich nicht mit dieser Welt gleichschalten lässt, sondern anfängt, nach Gottes Willen zu fragen und sich damit total zu verändern – in einem neuen Denken und in einem gänzlich veränderten Tun!

Ich fasse das Bisherige zusammen: Glaubensgrundkurs – dreimal Römerbrief  an drei Sonntagen – Inhalt: „Christ werden – Christ bleiben“, Gottesdienst nicht nur auf dem Hintern abgesessen, sondern durch Menschen, die total sich verändernd, eine neue Richtung einschlagen, indem sie prüfen, was Gottes Wille ist…

Komischerweise war es oft der sonst als so schwierig an die Seite geschobene Römerbrief, der Menschen aufrüttelte, der sie Gottesdienst neu verstehen ließ und nach dem Willen Gottes fragen auch. Lassen Sie es mich an einem Beispiel, an einer wahren Geschichte verdeutlichen:

Da ist ein hoch begabter junger Mann, wissenschaftlich gebildet, der sehr gut reden kann. Früh hat er’s zum Professor der Rhetorik gebracht; er bildet an der Uni junge Leute aus. Und dabei liebt er das Leben in vollen Zügen, nicht nur als Wissenschaftler und Philosoph ist er bekannt, sondern auch als Liebhaber von Wein, Weib und Gesang, als Herzensbrecher in seiner Umgebung, der dabei auch wirklich gar nichts auslässt… Sehr zum Leidwesen seiner frommen Mutter, die ganz bewusst Christin ist, gerät unser junger Playboy ganz auf die schiefe Bahn, und nicht einmal der dunkelste Punkt ist es, dass er einen unehelichen Sohn hat.

Doch in all diesem Rausch von Wissen und Genießen hat sich dem jungen Mann die tiefste Frage des Lebens nicht beantwortet: Was überhaupt ist der Sinn meines Lebens? Man schreibt das Jahr 386 nach Christus, es ist September in Mailand, wo der junge Playboy, der 32jährige Augustin, jetzt lebt. Er hat alles durch: Er kennt die Wissenschaften, er kennt die Kirchen und Sekten seiner Zeit. Und von seiner Mutter Monika her, die jeden Abend für ihn betet, kennt er (so meint er) auch die Bibel – von Kindesbeinen an. Was ist der Sinn des Lebens? Auf diese Frage hat er in keinem Buch der Welt und nirgends sonst eine tragende Antwort gefunden. Zutiefst verzweifelt, ja, depressiv geht er dort bei seinem Mailänder Haus in den Garten und wirft sich unter einen Feigenbaum.

Da plötzlich – von nebenan – eine Stimme. Ein Kind singt ein ganz kindliches Lied mit einem lateinischen Text: Tolle, lege, tolle, lege! Das heißt auf deutsch: Nimm und lies, nimm und lies! Augenblicklich weiß Augustinus: In diesem läppischen Kinderlied spricht Gott mich an. Er muss auf der Stelle die Bibel aufschlagen, just beim Römerbrief, und er bezieht das, was er da liest, ganz und gar auf sich selbst: Lasst das alte Leben in Sünde, zieht den Herrn Jesus Christus an, also eine ganz ähnliche Römerbriefstelle wie unsere heute, dass man sich verändern darf und neu werden. Und dieses „Tolle, lege, nimm und lies!“ – diese Lektüre des Römerbriefs, die krempelt ihn, den Playboy mit all seinem Lebenshunger total um: „Verändert euch durch Erneuerung eures Sinnes“ – was da in Römer 12, 2 steht, wird da Wahrheit. Christus ruft diesen Augustin durch die Bibel, durch den Römerbrief in den Dienst. Augustin erlebt seine Bekehrung. Und einige unter uns werden es wissen, dass Augustinus vor Luther der bedeutendste Kirchenvater in der Geschichte der Kirche wurde.

Merkwürdigerweise ist solches „tolle, lege“ im Zusammenhang mit dem Römerbrief dann noch ein zweites Mal geschehen, nicht minder dramatisch, wie zum Beispiel alle wissen, die den neuen Luther-Film im Kino gesehen haben. Ja, der Römerbrief brachte das Aha-Erlebnis bei Luther, der Römerbrief ließ es „Klick“ machen bei ihm und befreite den Martin Luther aus all seinen gesetzlichen Gedanken und Zwängen, die Menschen in der Kirche ihm auferlegt hatten, und diese Freiheit ohne des Gesetzes Werke, durch die schaffte dann Gott die Erneuerung der Kirche. M.a.W.: Diesem Luther rückte Jesus ganz energisch auf den Leib und das was Jesus für ihn getan hat, und da konnte nicht mehr zählen, was „man“ tat, auch in frommen Kreisen, da galt nicht mehr als Evangelium, was die Leute sagen, da zählte Gottes Wille: Was Christus mir getan hat und was ich dann – gegen den Strom – als seinen Willen erkenne.

Und wir hier, liebe Gemeinde, sind freilich ja alles andere als Kirchenväter nach der Art von Paulus, von Augustin oder Luther. Und trotzdem gilt’s bis heute, wir sind genauso aufgefordert wie damals ein Augustin: Tolle, lege! Nimm und lies und tu die Augen auf, du findest da in diesem Grundtext in Römer 12, was eine Wende für dein Leben ist – und was für die Kirche im Ganzen eine große Wende bedeuten kann.

Paulus nennt das HINGABE, dass man anfängt, Gott mit dem Leib, also leibhaftig zu dienen: Stellt euch nicht dieser Welt gleich, sondern verändert euch nach Gottes Willen. Leib als Opfer, steht da. Und Paulus ist diese „Leibhaftigkeit“ so wichtig, dass er da in Römer 12 – die Christen als einen Leib bezeichnet, als einen Körper, wo jedes Körperteil, auch das scheinbar geringste, eine wichtige Aufgabe hat. Wir sind ein leib in Christus, aber untereinander Glieder. So las ich es am Anfang. Ja, es gibt schon verschiedene Stufungen von Fähigkeiten, aber scheinbare Höhere sollen sich nicht von scheinbar Tieferen absetzen, damit der Leib nach innen wächst und gedeiht, und damit er nach außen etwas ausstrahlt für andere von dem, was „vernünftiger Gottesdienst“ ist.

Ich fürchte, was Paulus hier vom "Leib" schreibt, das ist im Blick auf die meisten Gemeinden, die ich im Kirchenkreis Arnsberg kenne, noch Zukunftsmusik, sicherlich auch hier in Ramsbeck. Und was Paulus vom „vernünftigen Gottesdienst“ schreibt, dass wir uns im Alltag hingeben als Glieder dieses Leibes, auch das ist wohl noch Zukunftsmusik.

Aber „tolle, lege!“ – das gilt jetzt schon, hier, heute morgen! Das gilt hier als Aufforderung von Gott her: Lest und tut! Nehmt’s heute beim Wort, das mit dem „Christ werden – Christ bleiben“! Wie’s da in Römer 12 steht: Ändert euch durch Erneuerung eures Sinnes. Wohl dem von uns, auch hier in Ramsbeck, da meine ich auch die zu dem Glaubenskurs gehen, wo wir Menschen sind, die Gottesdienst nicht nur Sache für Pastorinnen und Pastoren bleiben lassen. Nein, wo Gottesdienst ein Auftrag ist, der gerade alltags auch gilt – für alle: wo ich Montag das im Leben weiter wirken lasse, was der Sonntag brachte, wo der Alltag von da her Kraft kriegt – und montags und dienstags – manchmal – auch was zu andern davon rüber kommt…

Die Welt soll was sehen und heilsam spüren davon, dass Gemeinde als Leib Christi kein Leichnam ist, sie soll was begreifen davon, dass der Jesus der Bibel Leben hat, und sie kann es nur begreifen durch das Zeugnis von Menschen, die das weitergeben und ganz, leibhaftig, dahinter stehen und was "rüberbringen". So wie es hier in diesem Gottesdienst auch eine ganz leibhaftige Einladung gibt, von dem Einzigeinen, der uns bei Brot und Wein hier an seinen Tisch ruft und dir wie mir zusagt: Mein Leib, für dich gegeben, mein Blut, für dich vergossen. Und Gott sei Dank spricht dieser Jesus bis heute Menschen so einladend an und hat heute Morgen auf seine Weise auch hier gesprochen!

Ich schließe mit einem Gebet des genannten Augustin: Auf dich hin, Herr, sind wir geschaffen, und unser Herz ist unruhig, bis es Ruhe findet in dir. Amen.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus.

Amen.

Zusatz nach dem Gottesdienst: Es war für den Prediger mit das Beglückendste in diesem Gottesdienst, dass jener genannte Sohn Sebestian (19) um 10 Uhr in Ramsbeck auf einmal unter den Gottesdienstbesuchern saß - und bei der Predigt über seinen Konfirmationsspruch zuhörte und dann auch mit zum Abendmahl ging! Sebastian war eigenständig von Hemer dorthin gekommen. Ich hatte ihm um Mitternacht (also 10 Stunden zuvor) eine SMS aufs Handy geschickt mit dem Text: SMS an Basti: 0179/xxxxxxx. Die Nachricht lautete: "Wär sooo schön,wenn Du morgen 10h in Ev. Kirche Ramsbeck mit welchen kämst. Wäre: AB Hüsten-Meschede-Bestwig bis Ende, durch Bestwig durch, mitten i.d.Stadt rechts ab, Schild Ramsbeck 7km. Wir würden FG-Handy bis kurz vor 10 anlassen. 1h Fahrt. Wenn nicht, auch egal! FG"
 



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