Christuskirche Neheim im Gottesdienst am Sonntag Quasimodogeniti, 18.4.2004:
Predigt 1. Petrus 1, 3-9
 

Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserm Vater, und unserm Herrn Jesus Christus. Amen.
Liebe Gemeinde hier in Neheim eine Woche nach dem Osterfest! Wir hören den für den heutigen Sonntag Quasimodogeniti vorgeschriebenen Predigttext, 1. Petr. 1, 3-9. Dort also, ganz am Anfang dieses Briefes, heißt es:

Gelobt sei Gott, der Vater unseres Herrn Jesus Christus, der uns nach seiner großen Barmherzigkeit wiedergeboren hat zu einer lebendigen  Hoffnung durch die Auferstehung Jesu Christi von den Toten, zu einem unvergänglichen und unbefleckten und unverwelklichen  Erbe, das aufbewahrt wird im Himmel für euch, die ihr aus Gottes Macht durch den Glauben bewahrt werdet zur Seligkeit, die bereit ist, daß sie offenbar werde zu der letzten Zeit. Dann werdet ihr euch freuen,  die ihr jetzt eine kleine Zeit, wenn es sein soll, traurig seid in mancherlei Anfechtungen, damit euer Glaube als echt und viel kostbarer befunden werde als das vergängliche  Gold, das durchs Feuer geläutert wird, zu Lob, Preis und Ehre, wenn offenbart wird Jesus Christus. Ihn habt ihr nicht gesehen und habt ihn doch lieb; und nun  glaubt ihr an ihn, obwohl ihr ihn nicht seht; ihr werdet euch aber freuen mit unaussprechlicher und herrlicher Freude, wenn ihr das Ziel eures Glaubens erlangt, nämlich der Seelen Seligkeit.

Liebe Gemeinde, der Schweizer Theologieprofessor Emil Brunner, einer der bedeutendsten Theologen des 20. Jahrhunderts, der auch ein ganz wichtiges und wegweisendes Buch über die Hoffnung der Christen schrieb, hat zum Thema Hoffnung Folgendes gesagt, was ich hier als längeres Zitat an den Anfang stellen darf:
„Was der Sauerstoff für die Lunge, das bedeutet die Hoffnung für die menschliche Existenz. Nimm den Sauerstoff weg, so tritt der Tod durch Ersticken ein. Nimm die Hoffnung weg, , so kommt die Atemnot über den Menschen, die Atemnot, die Verzweiflung heißt, die Lähmung der geistig-seelischen Spannkraft durch das Gefühl der Nichtigkeit und Sinnlosigkeit des Lebens. Der Vorrat an Sauerstoff entscheidet über das Schicksal der Organismen, der Vorrat der Hoffnung entscheidet über das Schicksal der Menschen.“

So weit der Christ und Theologieprofessor Emil Brunner zur Hoffnung, dem Sauerstoff des Lebens. Und was Brunner meint, hat ein altes lateinisches Sprichwort so ausgedrückt: Dum spiro spero; auf gut Deutsch: Solange ich atme, hoffe ich. Was man mit Fug und Recht auch umdrehen kann: Dum spero spiro, solange ich hoffe, atme ich. Denn da gibt’s sehr viele Beispiele dafür, dass wo Hoffnung fehlt, der Tod eintritt, eben weil die Hoffnung der Sauerstoff des Lebens ist.

Jeder von uns, liebe Gemeinde, weiß am eignen Beispiel, wie stark die Hoffnung unser Leben „beatmet“ hat, wie sehr sie uns Schwung gegeben hat und Spannung: „Wenn doch endlich mal Weihnachten wäre, dann…“; „Wenn doch mal endlich bald Sommer wäre…“; „Wenn doch bald mein Geburtstag käme, dann bin ich 14, und dann kommt’s doch erst…“; oder: „Wenn ich 18 wäre, dann geht’s doch erst richtig los mit Führerschein und allem!“ Und weiter – nach dem gleichen Schema: „Wenn ich doch endlich eigenes Geld hätte und einen Partner, den ich lieben kann!“ Und so weiter und so weiter, und wir kennen Beispiele genug, da wurden die Hoffnungen älterer Leute immer kleiner und immer geringer, und dann gab’s noch mal einen richtigen „Sauerstoffschub“ – im Bild gesprochen – als da Enkelkinder ins Leben reinkamen.

In der Tat: Ohne Hoffnung kann kein Mensch leben, auch wenn jeder Zurechnungsfähige weiß, dass das andere auch oft stimmt, was das Sprichwort so sagt: „Hoffen und Harren macht manchen zum Narren!“
In meiner Lutherbibel ist unser heutiger Predigttext überschrieben mit: „Lebendige Hoffnung“. Und diese lebendige Hoffnung umspannt zwar auch all die alltäglichen Hoffnungen, die ich nannte, die so wichtig sind, aber diese lebendige Hoffnung des ersten Petrusbriefes ist dann noch unendlich viel mehr als Geburtstag, Führerschein, als Partner und Enkelkinder…

Es ist nicht die Hoffnung, die ich mir mache es ist die Hoffnung, die Gott gesetzt hat, indem er den toten Gekreuzigten mit dem Ostermorgen zum Herrn über Tod und Nacht und zum Herrn der Zukunft unseres Lebens und der ganzen Welt gemacht hat.

Da, wo wir nur „zue“ Türen sehen und mit Felsen und dicken Steinen verrammelte Gräber, da offenbart sich Jesus auf seine Weise und sagt den Seinen, auch den ungläubigen „Thomassen“ [die Thomas-Ostergeschichte Joh. 20, 19-29 war ja an diesem Sonntag Evangeliumslesung]: ich lebe – und ihr sollt auch leben!

Ohne Ostern, ohne diese lebendige und mit neuem Leben gefüllte Hoffnung wär keine einzige Zeile des Neuen Testamentes aufgeschrieben worden, und deshalb fängt der gesamte erste Petrusbrief mit einem Abschnitt über lebendige Hoffnung an und unser Text eben mit dem Wochenspruch:

Gelobt sei Gott, der Vater unseres Herrn Jesus Christus, der uns nach seiner großen Barmherzigkeit wiedergeboren hat zu einer lebendigen  Hoffnung durch die Auferstehung Jesu Christi von den Toten.

Sicherlich öfter als 500mal habe ich genau diesen Vers, wie er auch in der Beerdigungsagende steht, auf dem  Friedhof in Deilinghofen gesprochen, wenn es da aus der Kapelle ging und man an ein Grab trat. Es ist das Wort, das dort das erste Wort ist bei einer Beisetzung – das erste Wort ist da, dass der Tod nicht das letzte Wort hat, ja, dass Ostern für Menschen, die sich das sagen lassen, wie eine Wiedergeburt ist, der Hoffnung, dass die Gräber und all die anderen dahingegangenen Hoffnungen für Christen – Gott sei Dank! – nicht das Letzte sind: Ostern der wirkliche Sauerstoff des Lebens, eine Hoffnung, die weiter reicht, als wir atmen können.

Liebe Gemeinde, da dürfen wir uns aber nichts vormachen: Solche lebendige Hoffnung, wie sie da der erste Petrusbrief beschreibt, die ist kostbar! Das ist nicht so eine Allerweltshoffnung. Im Gegenteil: Alle Welt ist dagegen und sagt, das wären Märchen, dass dieser Christus der Herr blieb über den Tod. Und alle Welt meint, sie könnten gut damit leben, dass er als einbalsamierter Leichnam da im Felsengrab schließlich verweste: eine Leiche der fernen Vergangenheit – nur ein Beispiel für verwelkte Hoffnungen.

Nein, eine Allerweltshoffnung ist es nicht! Und „mehrheitsfähig“ ist diese lebendige Hoffnung unter uns sog. Christen ebenfalls ganz und gar nicht! Würden alle eingeschriebenen Christen abstimmen lassen, ob solche Osterhoffnung für sie lebendig ist – ich wette, diese Abstimmung ginge jämmerlich verloren! Ich fürchte, viel zu viele würden sagen: „Nein, das ist meine Hoffnung nicht; ich halt mich lieber an Geburtstag und Führerschein, Familie und Enkelkinder. Denn das ist das Leben, und tot ist tot – basta!“

Ich denke, liebe Gemeinde, genau das ist der Sauerstoffmangel unserer Kirche im beginnenden 21. Jahrhundert! Genau das ist der Sauerstoffmangel, dass wir nicht brennend vor Hoffnung neu auf Jesus blicken, dass wir ihn behandeln, als wär  er ein Leichnam, dass wir auf sein Leben gar nicht hoffen und deshalb von lebendiger Hoffnung, die langen Atem gibt, oft weit weg sind.

Die UdSSR damals war so ein Land, wo man Ostern totschweigen wollte, wo man den Osterglauben kaputt machen wollte, wo man im Kreml lieber den einbalsamierten Leichnam Lenins als Kultersatz besuchen ließ – eine sozialistisch-weltliche Variante und Fehlform des christlichen Osterglaubens. Liebe Gemeinde, es war in diesem Lande bei solch einer Parteiversammlung in einer Stadt unweit von Moskau. Über zwei Stunden lang hatte da ein Parteifunktionär auf seine Zuhörer eingeredet und den „Beweis“ (in Anführungsstrichen) erbracht, es gebe keinen Gott, es könne keinen geben und es habe nie einer existiert.

Der Funktionär stellt am Schluss seiner langen Rede die stereotype Frage, ob jemand zu seinen Ausführungen noch etwas sagen und zu fragen habe. Er ist sich seines Erfolges ganz sicher. Da aber hebt ein unscheinbar aussehender Mann, ein einfacher Bauer, den Arm und bittet, nach vorn gehen zu dürfen. Der Bauer steigt zum Podium hinauf  und betritt das Rednerpult. Langsam dreht er sich der Menschenmenge zu, breitet seine Arme aus und ruft in den Saal: Christus ist auferstanden! Wie ein Mann springen alle von ihren Sitzen auf und schreien wie aus einem Munde: Er ist wahrhaftig auferstanden! - ein Osterbekenntnis, das dem, der da Widerstand geleistet hat, den Gang in die Verbannung kostete - wo wir heute sagen dürfen (ich habe viele freunde in der Nähe von Moskau, die Christen sind): Gott sei Dank, dass in diesem von falschen Hoffnungen kaputtgemachten Land Christen ganz andere Möglichkeiten haben, ihren Glauben zu leben!

Gewiss: mehrheitsfähig ist echte lebendige Hoffnung da so wenig wie hier, aber Gott sei Dank: Der EINE, der Menschen wiedergeboren hat und Menschen wiedergebären kann zu lebendiger Hoffnung, der ist nicht am Ende, und so ist Ostern noch lange nicht abgeschlossen, und überall, wo Menschen zu solch mutiger Hoffnung entflammt werden, da werden Zeichen gesetzt!

Wir warten auf ein unbeflecktes, unvergängliches Erbe, heißt es da in unserm heutigen Predigttext, und all die Anfechtungen können uns nicht kaputtmachen, denn echter Glaube hält da in Jesu Namen stand, er beweist sich wie Gold, das in Feuer geläutert wird - stand auch im heutigen Text! Gemeint ist, dass all die Feuerproben wie Läuterungen sind und die große Hoffnung nicht zuschanden wird, Gott sei Dank!

Da besuchte ich vor einiger Zeit eine schwerstbehinderte Frau im Altenheim, sie kann nichts sehen und sich nicht bewegen; ich gratulierte ihr zum 70. Geburtstag, und nach dem Gespräch sagte ich, ich müsste zu einer anderen sehr alten Frau, deren Tod bald zu erwarten ist.

Und die Schwerstbehinderte, eine glaubende Frau, die in ihrem Leiden wirklich "wie im Feuer geläutert" worden ist, die sagte zu mir: „Bitte, Herr Pastor, bezeugen Sie doch dieser Frau, dass diese Leiden nicht das Letzte sind, dass das Schönste noch kommt, wenn ER alle Tränen abwischen wird von unseren Augen!“

Mir war das eine der schönsten Osterpredigten in meinem ganzen Leben, was die Frau da sagte im Altenheim! Stellen sie es sich mal vor: eine Frau, die mit Christus in Ewigkeit rechnet, in lebendigen Hoffnung, die so atmen kann, obwohl ihr sonst alle kleinen Hoffnungen fehlen!

Und keine zwei Stunden später begegnet mir da jener junge Mann, der sich über den christlichen Glauben hermachen wollte: er glaube lieber an Außerirdische, da gebe es höhere Intelligenz, und Wiedergeburt sei Seelenwanderung für ihn, na klar! - da gäb’s religiös durchaus viel Hoffnung für ihn, und so drückte er sich aus: „Da brauch’ ich den Jupp am Kreuz nicht!“, da habe er Dinge, die seien viel besser bewiesen...   

Schenke Gott hier, dass die Hoffnung von Ostern uns neuen Atem gibt, ganz langen Atem, dass wir den kurzlebigen Hoffnungen, die Mode sind, was entgegensetzen, was trägt - im Leben und im Sterben. Schenke Gott hier Christen, die wiedergeboren zu seiner lebendigen Hoffnung hier Osterzeugen werden und Osterpredigten halten - wie jene genannte alte Frau. Schenke hier Gott, dass man einstimmt- nicht nur am Ostermorgen - in den lebendigen Hoffnungsruf voller Gewissheit: Der Herr ist auferstanden, ER ist wahrhaftig auferstanden. Denn - so sagt unser Text ganz am Ende - ihn habt ihr nicht gesehen und habt ihn doch lieb; ihr werdet euch aber freuen mit unaussprechlicher Freude, wenn ihr das Ziel eures Glaubens erlangt, nämlich der Seelen Seligkeit. Amen.

 

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