Predigt über Markus 14, 3-9 im Gottesdienst am  Palmsonntag, 20.3.2005, in der Martin-Luther-Kirche Olsberg

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Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserm Vater, und unserm Herrn Jesus Christus. Amen.


Liebe Olsberger Gemeinde am heutigen Palmsonntag! Der vorgeschlagene Predigttext, der zu dieser Stunde in vielen Hunderten von deutschen Kirchen gepredigt wird, findet sich in Markus 14, in den Versen 3-9:

Und als Jesus in Bethanien war im Hause Simons des Aussätzigen und saß zu Tisch, da kam eine Frau, die hatte ein Glas mit unverfälschtem und kostbarem Nardenöl, und sie zerbrach das Glas und goss es auf sein Haupt. Da wurden einige unwillig und sprachen untereinander: Was soll diese Vergeudung des Salböls? Man hätte dieses Öl für mehr als dreihundert Silbergroschen verkaufen können und das Geld den Armen geben. Und sie fuhren sie an. Jesus aber sprach: Lasst sie in Frieden! Was betrübt ihr sie? Sie hat ein gutes Werk an mir getan. Denn ihr habt allezeit Arme bei euch, und wenn ihr wollt, könnt ihr ihnen Gutes tun; mich aber habt ihr nicht allezeit. Sie hat getan, was sie konnte; sie hat meinen Leib im voraus gesalbt für mein Begräbnis. Wahrlich, ich sage euch: Wo das Evangelium gepredigt wird in aller Welt, da wird man auch das sagen zu ihrem Gedächtnis, was sie jetzt getan hat.

Liebe Gemeinde! Lassen sie mich ganz weltlich mit einem humorvollen Schock-Erlebnis anfangen, das mir vor einiger Zeit widerfuhr. Da war ich zu einem Besuch in der Nachbarschaft, und nach einem langen Gespräch dort ging ich nach Hause, musste dann aber – da etwas Wichtiges fehlte – umkehren. Ich stand da klingelnd wieder vor der Haustür und fragte, als sie kam, die Frau des Hauses: "Sagen sie schnell noch eins: Habe ich meine Brille bei Ihnen im Wohnzimmer gelassen? Ich find sie ums Verrecken nicht!" Doch die Frau guckte mich groß an, ziemlich verdutzt und verdattert: "Herr Pastor, Sie haben sie doch auf der Nase!" Woraufhin ich ganz fürchterlich lachen musste und es da erklärte: genau dasselbe war früher bei uns zu Hause in Schwerte drei- oder viermal meiner Oma passiert, und wir als Kinder hatten uns darüber kaputtgelacht: Stundenlang hatte unsre Oma die Brille gesucht und in ihrem pommerschen Platt alle gefragt: „Wo is min Brill, wo is min Brill???“  Ja, und sie hatte sie auf der Nase gehabt! Und jetzt, jetzt passiert es mir. – und jetzt war ich selber so einer, der sagt: „Wo is min Brill, wo is min Brill???“  Und hier auf meiner Nase ist sie… "So ist das eben mit dem Gedächtnis der alten Leute!", lachte mich die Frau an der Tür an und verabschiedete mich da...

 

Nun mögen hier welche sitzen in dieser Kirche, liebe Gemeinde, die es wissen, wie es mit dem Gedächtnis älterer Leute ist! Mit dem Langzeitgedächtnis z.B. ist das ja eine sehr merkwürdige und sonderbare Sache! Und das kommt dazu, das geht mir auch schon so: Ganz viele Erinnerungen von ganz früher aus der Kindheit besonders und aus der Jugendzeit, die sind in uns ganz tief und intensiv gespeichert und treten uns - je älter man wird - immer deutlicher ins Bewusstsein. Ja, sie sind tief verwurzelt in uns durch das Langzeitgedächtnis, aber das was gestern passiert ist, oder z.B. wo jetzt wieder die Brille ist - das weiß man manchmal gar nicht mehr so genau.

 

Langzeitgedächtnis - da ist es ja eigentümlich, liebe Gemeinde, dass Jesus sagt, die heutige Geschichte aus Markus 14, die ich uns als Predigttext las, werde sozusagen förmlich ins "Langzeitgedächtnis" seiner Gemeinde eingehen. Jene Frau, die ihn gesalbt hat, dort, ganz kurz vor dem Golgathageschehen, im Haus von Simon dem Aussätzigen, als sie da in die Gesellschaft hineinplatzte und allenthalben Kritik und Unwillen auf sich zog - jene Frau, die werde in Erinnerung bleiben sozusagen im Langzeitgedächtnis der Gemeinde. Denn Jesus sagt da ja ausdrücklich: Wahrlich, ich sage euch (und da steht im Urtext dies nachdrückliche: Amen, ich sage euch!): Wo das Evangelium gepredigt wird in aller Welt, da wird man auch das sagen zu ihrem Gedächtnis, was sie getan hat!

 

Lassen sie mich das, was sich unserem Langzeitgedächtnis einprägen soll, hier plastisch uns vor Augen stellen - als eine Liebesgeschichte besonderer Art, als eine Geschichte von Liebe und großer Hingabe – voll von verschwenderischer Hingabe....

 

Ich seh's so vor meinen Augen, wie ich es mir vorstelle: Abends fängt die Geschichte an, und zwar beim Abendessen der Familie Simon. Es ist dort bei einer Feier in der Familie, wo Gäste geladen sind, wo man fröhlich miteinander plaudert, wo man isst und Rotwein trinkt. und in der Tat, Herr Simon, der Hausherr, hatte etwas zu feiern! Er hatte an der Schwelle des Todes gestanden. Eine schwere Krankheit, Lepra, hatte ihn aus dem Verkehr gezogen. Aber das ist jetzt vorbei; er darf im Kreis seiner Familie, im Kreis seiner besten Freunde sich seines Lebens freu'n. Um ihn herum sind gute Bekannte aus dem Dorf, die Männer des Ortes, und eben ER, der Rabbi aus dem Norden, der, der Wunder getan und das Reich Gottes verkündigt wie kein anderer.

 

Es ist Jesus, der eben offenbar eine ganz besondere Beziehung zur Familie Simons hat. Jesus mitten in der Runde, dort in Bethanien, im Hause Simons, des früheren Aussätzigen, an dem es an jenem Abend auf einmal klopft. "Nanu, was ist das, jetzt noch ein Gast?? So spät?? Na, gut, komm rein, auf dass mein Haus voll werde!" Eine Frau kommt rein, eine Frau, die manche gut zu kennen scheinen, die andere argwöhnisch und kritisch betrachten. Sie isst einfach mit, die Frau und stört sich nicht an den kritischen Blicken. Manchmal guckt sie verstohlen rüber zu Ihm, zu dem Rabbi aus dem Norden, aus Galiläa. Und alles fragt sich, ob sie den kennt, ob sie für den was übrig hat. Ja, das hat sie! Auf eine besondere Weise hat sie was übrig für diesen Jesus und wie! Und genau das wird an diesem Abend dort in Bethanien fast zum Skandal, zu einer Szene, über die sich die klatschenden und tuschelnden Nachbarn wohl tags drauf noch schier die Mäuler zerreißen.

 

Ich stell mir das so vor an jenem Abend, dass die Leute gesagt haben: "Die spinnt doch, die Frau, die hat 'ne Schramme!" - denn was tut sie da auf einmal? Da zerbricht sie das Alabastergefäß mit dem sündhaft teuren Nardenöl und gießt dies Luxusparfüm Jesus über die Haare. Solches Salböl, liebe Gemeinde, muss man wissen, das war damals so etwas wie die "Sparkasse des kleinen Mannes", das stellte man sich in den Schrank, um für Notzeiten was zu haben. Und die Kritiker der Frau, da bei Simon, die haben Recht: So ein Alabastergefäß, das ist ungeheuer kostbar, da hätte man 300 Silberlinge für gekriegt, also 10x so viel wie Judas für seinen Verrat, umgerechnet nicht weniger als 100,- Euro, ein Vermögen in jener Zeit. Und Jesus gerät da ins Kreuzfeuer der Kritik: Was soll der Unsinn? Was soll die Verschwendung? Wo Jesus sonst doch auf allen Luxus verzichtet und ganz radikal die Sache der Allerärmsten vertritt! Da ist doch ein Widerspruch: Hier wird ein Vermögen vergeudet, und dort predigt er für die Armen! Und die kritische spitze Frage dort in jener Runde wird überlaut: "Pure Vergeudung von teurem Salböl, das alles hätten besser die Armen bekommen: z.B. eine Speisung für 300 Silberlinge!" Ja, Gemurmel entsteht da in Simons Haus in Bethanien! Und da mag noch was anderes mitgeschwungen haben. Bibelkenner unter uns mögen wissen, was ich meine… Wenn Sie nämlich unsere Markus-14-Geschichte nach den Parallelstellen lesen im Matthäus- und im Johannesevangelium, dann kann man annehmen, was so wortwörtlich da bei Markus nicht rauskommt: dass die Frau "eine von denen" ist, eine von denen, die einen ganz zweifelhaften Ruf im Blick auf Männerbekanntschaften haben und dafür stadtbekannt sind. Jesus im Zwielicht, könnte man meinen, ausgesetzt den Vorurteilen der guten Bürger von Bethanien.

 

Und Er, der Helfer vieler armer Menschen, lässt sich mit "so einer" ein, ja, er lässt sich mit so einer zweifelhaften Salbung feiern. Wie wird er antworten auf das allzu logische Argument, dass die Armen das alles besser gekriegt hätten, die 100 Euro!??

 

Für Jesus, liebe Gemeinde, ist die Sache weder zwielichtig noch schlüpfrig noch zweideutig, sondern ganz und gar eindeutig! Gerade in dieser Geste der Liebe erkennt er, dass sie in einer sehr anderen Weise zu ihm steht, als manche dort mutmaßen. Ihre verschwenderische Hingabe ist Liebe, wahre Liebe zu dem, der in den Tod muss, ist wahre Liebe zu dem, den Gott als Retter und Messias geschickt hat, als "Christus", das heißt ja auf Deutsch "Gesalbter", wie auf Hebräisch "Messias" "Gesalbter" heißt. Ja, aus Sorge um Jesus, ihren Christus, tut sie's, und solche Liebe, solche Hingabe hat ihre eigene Logik. Das ist eine Logik des Herzens, die alle Schlaumeier da in Bethanien nicht erkennen wollen oder können. Okay, sozial gesehen und im Sinne der "politischen Correctness" haben die Schlaumeier da ganz recht: 100 Euro als Speisungskosten für die Armen, das wär doch schon mal ein Anfang, auch in Jesu Sinn, in dessen Geist auch besser 20 oder 50 Euro am Karfreitag in die "Brot für die Welt"-Tüte kommen sollten als nur der Fünf-Euro-Schein, der oft drin ist. Aber da, an der Stelle wie da in Bethanien, da ist es was andres: Da geht's nicht um Geld bloß, da geht's um den ganzen Sinn des Lebens, da geht es um Liebe pur, so wie's der Tersteegen gedichtet hat in seinem altbekannten Lied: "Ich bete an die Macht der Liebe, die sich in Jesus offenbart! Ich will, anstatt an mich zu denken, ins Meer der Liebe mich versenken!" Oder wie Zinzendorf es singen lässt: "Zünde an die Liebesflamme, dass ein jeder sehen kann: Wir als die von einem Stamme stehen auch für einen Mann!"

Und genau das passiert da mit jener vielleicht zwielichtigen Frau bei Simons Feier: Sie gibt sich hin in Liebe, verschwenderisch in Liebe, und Jesus nimmt eindeutig Partei für sie: "Leute, Arme habt ihr allezeit, aber so wichtig das ist, Hingabe an mich, Salbung im Blick auf das bevorstehende Kreuz - solche Liebe reicht weit tiefer als alle eure ach so vernünftige Armenpflege!" Und in der Tat, liebe Gemeinde, so als wollte er der, die ihn zum Christus salbte, ein Denkmal setzen, so sagt er das, was sich dem Langzeitgedächtnis der Seinen tief einprägen soll: Ich sage euch, wahrlich, wo das Evangelium gepredigt wird - so wie heute morgen in vielen Kirchen Deutschlands - da wird man bei dieser Szene an jene Frau denken, der Jesus das Teuerste wert war und die uns zeigt, was Liebe zu Jesus und Hingabe ist.

 

Liebe Gemeinde! Heute ist Sonntag Palmarum, der frühere traditionelle Konfirmationsfesttag, an dem Tag, als sicherlich viele von Ihnen vor vielen Jahren eingesegnet wurden. Ja, manche Ältere mit einem guten Langzeitgedächtnis werden vielleicht auch daran denken.... Und das darf man auch heute an Palmarum so sehen: unser Text heute stellt dir und mir eigentlich auch heute – Jahre danach – eine Konfirmationsfrage, die Frage nämlich: was ist mir, was ist dir der Gesalbte wert, der der Christus wurde, gesalbt von jener Frau, der dann das letzte Abendmahl feierte, der im Garten Gethsemane den Kelch der Leiden kaum trinken konnte und dann litt und starb für meine Sünden? Was ist mir der wert?

 

Die heutige Geschichte von der Salbung ist bis heute etwas, was sich dem Langzeitgedächtnis der Kirche Jesu Christi neu einschärfen will und deinem und meinem Gedächtnis: Es ist die große Einladung von Jesus Christus her, sich ihm hinzugeben in Liebe, ihn die Nummer 1 sein zu lassen, egal wie viel es uns kostet, ihn in unser Leben reinzunehmen als das Kostbarste, was wir im Leben haben. Es ist ein liebender Anruf von ihm her: Mensch, halt dich an mich, ja, halte das als das Wichtigste in deinem Langzeitgedächtnis.

 

Und der Kirche im Ganzen heute sagt er durch diese Geschichte: Du Gemeinde in Olsberg, du Kirche im Kirchenkreis, du, krisengeschüttete Kirche in Deutschland, wahrlich, wörtlich: amen, ich sage dir: viel habt ihr an Geld zu denken, an Kindergärten, Diakonie und Mitarbeiter, die bezahlt werden – aber das Eine, das Einzig-Eine ist euerm Langzeitgedächtnis dabei oft entschwunden, dass nur da Glaube Land gewinnt, wo wie bei dieser Frau der Gesalbte, der Christus, in Liebe das Wichtigste der Welt wurde. ER, der beansprucht, die Nr. 1 zu sein, bewahre eure Herzen und Sinne, ER, Christus Jesus. Amen.

 

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