Predigt Markus 16, 9-20 am 21.4.2003 (Ostermontag) in der Christuskirche Belecke
und in der Woche darauf in der Pauluskirche Neheim


Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserm Vater, und
unserm Herrn Jesus Christus. Amen.

Liebe Gemeinde hier in Belecke an diesem Ostermontag! Von Jean-Paul Sartre, dem französischen Dichter, stammt ein eindrückliches, grauenerregendes Theaterstück, das wir damals auch in der Schule durchnahmen und dann auch auf der Bühne sahen, das Theaterstück: „Geschlossene Gesellschaft“. In diesem Stück schildert Sartre auf seine Art, wie er sich die moderne Version der Hölle vorstellt. Da in diesem Stück wohnen Gäste in einem schmierigen, sehr trostlosen Hotel, sie wohnen in stinkigen überheizten Zimmern ohne Fenster, ohne Spiegel und hinter geschlossenen Türen, Türen, die man nur von außen öffnen kann. Zwar ist da eine Klingel für den Kellner, aber die funktioniert nicht; Kontakt mit der Außenwelt: Fehlanzeige! Und in dieser trostlosen Umgebung suchen die Gäste, einander zu begegnen, aber das geht erst recht nicht. Sie scheinen einzig und allein dazu bestimmt zu sein, einander auf die Nerven zu gehen, sich zu quälen und zu zerfleischen: jeder ein Henker des andern, in dieser modernen Hölle, wie Sartre sie sieht- diese Menschen da sind in ihrer Trostlosigkeit - nach außen wie nach innen - total zu, total zu, ganz und gar zu, hinter verschlossenen Türen, in dieser geschlossenen Gesellschaft.

Unser Text, den ich las, liebe Gemeinde, schildert auch so eine geschlossene Gesellschaft, die Gesellschaft jener 11, die da verängstigt und resigniert herumsitzt und nicht mehr aus noch ein weiß. Das ist nicht minder die Hölle, wenn alle Entbehrungen umsonst ist: der wichtigste Mensch ihres Lebens ist nicht mehr: der Meister ist tot; seine Worte, an die man sich erinnert, sind offenbar leer und hohl, überholt, Vergangenheit... Man glaubt nicht mehr. Auch nicht der Frau aus Magdala, der Maria Magdalena, die er doch immerhin geheilt hatte; man bezweifelt ebenso die Kunde der Männer von dem, was ihnen vor dem Dorf Emmaus widerfahren war. Es ist aus. Mit dem Tod ist alles aus! Die Sache mit Jesus ist ein Pleiteunternehmen, bei dem sie höchstens noch die Konkursmasse verwalten könnten. Aber das lohnt ja nicht... So denken sie. Und das ist die Hölle für sie, nach dem schlimmsten Tag ihres Lebens, dem Karfreitag. Und so sitzen sie da, nach außen wie nach innen ganz zu, hinter verschlossenen Türen, eine geschlossene Gesellschaft: die Tür ist nur von außen zu öffnen...

Diesem verzweifelten Haufen, diesen trostlosen resignierten Kleingläubigen aber wird eine alles verändernde ungeheure Erfahrung zuteil: Es wird Ostern für sie! Es wird Ostern für sie, und sie verändern sich: Unser Text sagt es ganz knapp, ohne psychologisch auszumalen. Da steht: „Zuletzt, da die 11 zu Tische saßen, offenbarte er sich und schalt ihren Unglauben. Und er sprach zu ihnen: Gehet hin in alle Welt und predigt das Evangelium aller Kreatur. Wer da glaubet und getauft wird, der wird selig werden.“

So kurz, liebe Gemeinde, wird das große Wunder da angerissen, dass aus einem Haufen resignierter verschlossener Menschen Christen werden, wie da Menschen die Türen auf kriegen, wie sie frohe Menschen werden, die die „zuen Türen“ bloß hinter sich lassen und dann ausgerichtet werden, eine Freudenbotschaft hinauszutragen, eine Freudenbotschaft für die ganze Welt, der ganzen Schöpfung zugute, eine Botschaft, die verschlossene Türen auf macht! Ja, das neue Testament ist von vorn bis hinten getragen von der tiefen Gewissheit, dass OSTERN es nicht bloß mit der Seele des Einzelnen, nicht bloß mit dem letzten Stündlein und dem Jenseits und nicht bloß mit dem leben nach dem Tod zu tun hat, sondern gerade auch mit dem Leben vor dem Tod, mit dem Diesseits, mit aller Welt, mit der gesamten Schöpfung! Jesus beauftragt da seine 11 und seine Jünger heute, und es ist da in unserm Text ja, als würde Ostern, Pfingsten und Himmelfahrt ganz eng zusammen rücken, dort am Markus-Schluss, wo wir von ihm, dem auferstandenen Gekreuzigten, vernehmen, was die Summe von Ostern ist: „Gehet hin in alle Welt und predigt das Evangelium aller Kreatur. Wer da glaubet und getauft wird, der wird selig werden.“

Liebe Gemeinde, da wird also den Leuten Jesu versprochen, dass weder Tod noch Hölle, weder verschlossene Türen noch verschlossene Herzen das letzte Wort haben müssen, sondern diese Freudenbotschaft, die in die Welt hinaus muss und Türen öffnet, die Freudenbotschaft, dass aus resignierten, innerlich toten und verzweifelten Menschen Christen werden dürfen. Im Namen des Auferweckten ist da Erweckung versprochen: „Gehet hin in alle Welt. Wer da glaubet und getauft wird, der wird selig werden.“

Und das mit dem Taufen dort, das heißt nun keineswegs: Lasst massenhaft Taufscheine ausfüllen mit Stempeln drauf und erzeugt mit ein paar Spritzern Wasser Scheinchristen mit einem Scheinglauben, einem gutkirchlichen Taufscheinglauben, der lediglich als gute Gewohnheit in Ehren gehalten wird. - - - Genau das Gegenteil ist gemeint: Wo der österliche Jesus uns offenbar wird, da wird Totes lebendig, da wird die tote Christenheit aus dem Schlaf der Sicherheit geweckt, auch aus der Sicherheit eines Scheinglaubens und Taufscheinglaubens – denn da wird von Erweckung was sichtbar, und da gehen Türen auf, da bleibt die Kirche nicht ein Pleiteunternehmen, das sich mit Kindertaufen finanziell über Wasser hält in unseren schweren Zeiten. Denn viel Tieferes wird uns in unserm Abschnitt zugesagt: Erweckung des Glaubens, der Türen öffnet, auf die Welt hin. Und so wird den Jüngern in Markus 16  am Ende eine Verheißung mitgegeben, die Verheißung von den „Zeichen der Vollmacht“, die dem Glauben folgen werden. 

Die Zeichen aber, die folgen werden denen, die da glauben, sind diese: in meinem Namen werden sie  böse Geister austreiben,  in neuen Zungen reden, Schlangen mit den Händen hochheben, und wenn sie etwas Tödliches trinken, wird's ihnen nicht schaden;  auf Kranke werden sie die Hände legen, so wird's besser mit ihnen werden.

Liebe Gemeinde, mag sein, dass mancher hier das etwas ratlos hört und nicht richtig kapiert: ist das aus einem Märchenbuch, oder: sind da den Jüngern Jesu parapsychologische oder okkulte Zauberkunststücke versprochen!??

Aber Vorsicht, liebe Gemeinde, denn recht verstanden drückt sich in diesen Zeichen, die dem Glauben folgen, nichts anderes aus als das:

OSTERN hat Folgen, OSTERN setzt Zeichen! Wo Jesus, der österliche Herr die Türen öffnet, da geht die Tür so auf, dass der ganze Mensch und nicht nur das fromme Innenleben geheilt und erneuert wird. Und da gibt’s viele Beispiele für: Wo der Auferstandene in seiner Gemeinde im Mittelpunkt  steht, da wird Kaputtes heil, und da finden Gesundungen statt, die das Leibliche und Kreatürliche mitbetreffen. Da wirkt sich der Sieg Jesu so aus, dass bis ins Geistleibliche, bis ins Unterbewusste, bis ins Psychosomatische und bis ins Gemeinschaftsleben rein Menschen ganz heil werden, dass Gebundene frei werden, Verwirrte klar werden, und dass durch die Sünde und das falsche Leben Verwundete in Ordnung kommen. Die bösen Geister der Vergangenheit sind entmachtet durch den, der nicht nur den Tod, sondern alles, was damit zusammen hängt, besiegt hat.

Und das ist nicht nur graue Theorie, mit diesen Zeichen der Vollmacht, dass unter uns Türen aufgehen und das Heil von Ostern bei den Menschen ankommt.

Lassen Sie’s mich jetzt am Ende der Predigt andeuten an einem Beispiel, was im Sinne von Markus 16 die „Summe von Ostern“ ist.

Da haben in Württemberg zwei einfache Pfarrer gewirkt von der Mitte des 19. Jahrhunderts bis in die Zeit des ersten Weltkriegs. Das sind die bekannten Pfarrer Blumhardt, der Vater, Johann Christoph Blumhardt und sein Sohn Christoph Blumhardt. Deren Bild hab ich Ihnen hier aus meinem Arbeitszimmer mitgebracht – seit 20 Jahren, seit meiner Doktorarbeit habe ich immer viel geschrieben über Württemberg und diese beiden Blumhardts. In Möttlingen im Schwarzwald nah bei Calw fing’s an, und später  in Bad Boll bei Göppingen ging’s weiter. Diesen beiden Blumhardt Vater und Sohn ist ein Satz wegweisend geworden, ein ganz und gar österlicher Satz: „Jesus ist Sieger!“ Und das, was da im heutigen Text steht, von den Zeichen, die dem Glauben folgen, das war da in Möttlingen und später in Boll handgreiflich zu beobachten. Die beiden Blumhardts, die glaubten nicht an einen gedachten Gott und nicht an einen auswendig gelernten Jesus, die glaubten nicht an all das kirchliche Schein- und Taufscheinchristentum der guten Gewohnheit in ihrer Zeit. Die rechneten mit der Kraft, dass Jesus, der Auferstandene, Veränderung schafft und Erweckung, dass er Totes lebendig machen kann und Kaputtes heil, die glaubten kurz gesagt daran, dass Jesus Sieger ist und davon auch was zeichenhaft sichtbar machen kann. Erst war es in Möttlingen ein gebundenes junges Mädchen, das sich besessen fühlte von der Macht des Bösen, die da 1842 heil und neu werden durfte nach vielen Kämpfen und Gebeten. Und mit der Zeit waren es viele 1000 seelisch, psychisch und körperlich Kranke, die da nach Möttlingen und nach Bad Boll kamen und ihre Leiden los wurden. Aber diese – wie wir sagen – „Wunderdinge“, die hatten typischerweise gar kein eigenes Gewicht für die Blumhardts, das waren bloß „mitfolgende Zeichen“, keine mysteriösen Zaubereien aus eigener Macht, sondern einzig Hinweise und Spuren daraufhin, dass Jesus der Auferstandene Sieger ist. Und das war die Hauptsache da in Möttlingen und Boll, dass da seit 1842 eine große Erweckung geschah, dass viele Tausende erweckt wurden zum lebendigen Christsein. Und das, was die Blumhardts taten, das war kein frömmelndes Spinner-Christsein in höheren Sphären, da blieb’s der Erde treu, so treu, dass Christoph Blumhardt, der Sohn, sich um die Leiden der entrechteten Arbeiter kümmerte und im Zusammenhang mit der damaligen sozialistischen Arbeiterbewegung württembergischer Landtagsabgeordneter wurde, der dort auch im Landtag mutig bezeugte, dass Jesus der Sieger ist. Viele in Württemberg und drüber hinaus haben es seitdem bezeugt, dass beide Blumhardts ihnen die Tür für Jesus und für das, was Ostern heißt, geöffnet hat, dass sie durch diese Zeugen davon geprägt wurden, zu kapieren, dass Ostern nicht graue Theorie ist, weil Jesus Sieger ist.

Die Frage wäre: Was ist Ostern für uns? Hat’s hier was mit dem Öffnen von Türen zu tun? Dass wir Jesus, den Sieger, in unsere geschlossene Gesellschaft, hinter unsere verschlossenen Türen endlich reinlassen und damit rechnen, dass ER durch uns Zeichen setzt!? Zeichen, dass hier Erweckung geschieht!? Erweckung toten, resignierten Taufscheinchristentums!?

Ich glaube, so was gibt’s, dass man auch hier in Belecke wie bei mir in Hemer auf einmal zeichenhaft wieder entdeckt: er ist ja der Sieger, Gebetserhörungen, die schenkt er, ja wunderbar ist er und Zeichen setzt er, bei mir, bei uns... Und vielleicht wäre es das das erste und wichtigste Zeichen, wenn wir – wie es in unserm Text heißt – ermächtigt werden, mit neuen Zungen sprechen, also die Sprachlosigkeit unseres Glaubens und die Verschlossenheit unserer Herzen überwänden: so dass da die Tür nach außen auf geht – und die draußen, die von Ostern kaum mehr was wissen und Ostern nur als sonniges Frühlingsfest sehen, was davon mitkriegen durch uns, dass Jesus kein gedachter Gott ist, keine auswendig gelernte Tradition ist, sondern dass er lebt, auch durch uns hindurch, und zeigt, dass er der Sieger ist, der auch bei andern um uns herum die Herzen bezwingt und die Türen öffnet. Der Herr ist auferstanden, ER ist wahrhaftig auferstanden. Und der Friede Gottes, der höher ist als alle menschliche Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.