Bestwiger Predigt am 3. So. nach Epiphanias, 25.1.2004: Römer 1, 14-17

Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Hl. Geistes sei mit Euch allen Amen.

Liebe Gemeinde hier in der Bestwiger Kreuzkirche! „Römer zum ersten, Römer zum zweiten - und heute - Römer zum dritten!“ Manche hier wissen das vielleicht: Zum dritten Mal wird an diesem Sonntag in unseren Kirchen (wie in einer kleinen Predigtreihe) nach den vorgeschlagenen Texten über einen zentralen Texte aus dem Römerbrief gepredigt. Hatte ich vorvorigen Sonntag drüben in Ramsbeck am 1. So. nach Epiphanias über den Anfang von  Römer 12  zu predigen und Pfr. Tiemann vergangenen Sonntag hier über die Fortsetzung aus Römer 12, so geht’s heute - am 3. Sonntag nach Epiphanias - nach der vorgeschriebenen Ordnung der Predigttexte um Römer 1,14-17. Da bekennt Paulus:


Ich bin ein Schuldner der Griechen und der Nichtgriechen, der Weisen und der Nichtweisen;
darum, soviel an mir liegt, bin ich willens, auch euch in Rom das Evangelium zu predigen. Denn ich schäme mich des Evangeliums nicht; denn es ist eine Kraft Gottes, die selig macht alle, die daran glauben, die Juden zuerst und ebenso die Griechen. Denn darin wird offenbart die Gerechtigkeit, die vor Gott gilt,welche kommt aus Glauben in Glauben; wie geschrieben steht: »Der Gerechte wird aus Glauben leben.«

 

Wir beten: Herr, lass Dein Wort bei uns ankommen, nicht nur in den Ohren, sondern in den Herzen, und lass mich nicht anderen predigen und selbst verwerflich werden. Amen.

Liebe Gemeinde! „Über Schulden spricht man nicht!“ Zu den unausgesprochenen Regeln des bürgerlichen Zusammenlebens scheint zu gehören, dass so ein Thema merkwürdigerweise total tabu ist. Würde ich mich hier hinstellen und sagen: so und so viel verdiene ich und trotzdem habe ich zur Zeit durchaus Miese auf dem Konto der Hemeraner Stadtsparkasse, dann würden hier welche naserümpfend denken: „Pfui, ein anständiger Mensch hat doch keine Schulden! Ein ehrbarer Bürger hat das Konto immer glatt! Und wenn nicht, dann ist man ruhig: Rote Zahlen gehen keinen was an!“ Da nun aber zur Zeit wirklich das Girokonto bei mir rote Zahlen aufweist, oder wenigstens rosa Zahlen, die am ersten Februar wohl wieder – gottseidank! - schwarz werden, leiste ich’s mir und bin so frei und so unverschämt, das hier offen zu sagen, und mich „outend“ preiszugeben: „Jawohl, ich habe Schulden! Z.Zt. 1040 Euro, sagte jetzt mein Auszug...“

Und Paulus in unserem heutigen Text fordert ja geradezu auf, die vornehme Zurückhaltung aufzugeben, unverschämt zu sein und zu bekennen – sich zu „outen“, auf Neudeutsch gesagt. Das werden wir gleich noch weiter hören in dieser Predigt zu Römer 1. Und so beginnt er da den Abschnit in seinem Römerbrief schon mit dem outenden und ganz unverschämten Satz, aus dem Nähkästchen geplaudert, dass er Schulden hat und ein Schuldner ist. Ich bin ein Schuldner der Griechen und der Heiden, der Weisen und der Nichtweisen. So wortwörtlich beginnt ja der heutige Predigttext. Paulus hat seine Schulden also nicht auf dem Girokonto der Stadtsparkasse Hemer oder Bestwig. Nein, er hat in anderer Weise „sein Konto nicht glatt“, und was es da mit seinen „Schulden“ auf sich hat, das kann man sich gar nicht dramatisch genug vorstellen! Einen Eindruck davon kriegt man, wenn man die Bibel aufschlägt, nein: ich meine jetzt nicht den Römerbrief, sondern hier hinten in der Bibel den Anhangsteil [zeigen]. Da stehen ja die sog. "Missionsreisen des Apostels Paulus" - "erste Reise", "zweite Reise", "dritte Reise" und viertens zum Schluss "die Reise nach Rom"! Er also hat, so sagt Paulus hier am Anfang des Römerbriefes, Schulden bei den Juden, aber auch Schulden international bei den griechisch sprechenden Menschen im ganzen römischen Reich: und die da hinten abgebildete Landkarte in der Bibel signalisiert's: es war ein unglaublich strapaziöser Weg kreuz und quer durch die ganze damals bekannte Welt, dieser Weg, auf dem Paulus die frohe Botschaft unter die Menschen brachte, buchstäblich alle verfügbaren Hilfsmittel, heute würden wir sagen alle Medien hat er eingesetzt, um die wunderbare Rettungsbotschaft unter den Leuten Kreise ziehen zu lassen.

Und hier in unserm Text sagt er's, was das tiefste Motiv und den Ansporn ist zu diesem Großprojekt: Ich bin ein Schuldner, sagt er! Ich schulde den Menschen, dass die Frohe Botschaft sie erreicht. Ich habe den Buckel voll Schulden, denn dass er aus mir, dem Verfolger und Christenmörder sein Kind gemacht hat, seinen Boten, aus mir dem Sünder einen begnadigten Sünder, damals vor Damaskus, das kann ich einfach nicht für mich allein behalten: Das muss unter die Heiden, das muss in die Welt der Kulte, der Götter und der Geheimreligionen, das muss in die Welt der philosophisch Gebildeten und der armen Hafenarbeiter der Stadt Korinth, ja, das muss schließlich bis hin nach Rom: Christus ist der Retter, Jesus lebt, und er allein und nicht der Kaiser von Rom ist der Kyrios, der Herr der Welt.

Ja, liebe Gemeinde, vielleicht hätten Psychiater gesagt, der hat'n Tick, der hat'n Schuldkomplex oder 'n „Schuldenkomplex“ - aber dieser Paulus da, der steht zu seinen Schulden: die Welt hat nix nötiger als diesen Christus als Kyrios anzubeten - koste es, was es wolle, und koste es mir das Leben!

Was ich hier Ihnen kurz zu schildern versuchte, dieser "Schuldenkomplex" des Paulus, der findet sich in unserm heutigen Text so ausgedrückt: Ja, ich möchte das Evangelium bis nach Rom bringen, bis zu Euch, Ihr Christen in Rom, am Ende, ich bin ein Schuldner der Griechen und der Heiden, der Weisen und der Nichtweisen. Darum, soviel an mir liegt, bin ich willens, auch euch in Rom das Evangelium zu predigen.

Liebe Gemeinde, in einer theologischen Zeitschrift las ich neulich die Sätze, sinngemäß, dass es widersinnig und hirnverbrannt ist in unserer Kirche, dass alles und jedes da erlaubt ist: du kannst mit allem kommen, nur nicht mit so einem missionarischen Eifer! Dann wirst Du geächtet und fertig gemacht. Manche in der Kirche nehmen das Wort Mission ja schon gar nicht mehr in den Mund, als kriegte man davon Aussatz auf die Zunge. Und missionarische Gruppen, die andere Menschen für Christus gewinnen wollen, werden am stärksten in der Kirche angegriffen: Atheist kannst du sein in der Kirche, aber wehe, du bist entschieden! Ja, die Volkskirche hat so einen großen Magen, dass da alles und jedes drin verdaut werden kann, nur eins wird weithin nicht ertragen - bei aller Toleranz sonst: wenn Menschen deutlich werden und sagen: Es geht darum, Menschen zu gewinnen für Christus, es geht darum, dass aus Kirchenmitgliedern Christen werden, es geht darum, dass Leute, die wie Heiden leben, ein neues Leben anfangen und sich bekehren: vom "Mitläufer" zum Nachfolger Christi werden!  Oder anders gesagt: vom Taufschein-Christen zum Bekenner, der selbst den Drang hat, andere zu gewinnen.

Was dort in jener theologischen Zeitschrift steht, das kann man sich am heutigen Text leicht klarmachen. Unsere Kirche ist so am Boden, dass sie sogar schon wagt über Schulden zu reden: ich les‘ das fast jeden Tag in der Zeitung und sehe es von Dienst wegen im Internet als Nachrichten überall, und es kommt mir schon oben raus: Finanzkrise, diese arme, arme Kirche, mit den Kirchensteuer-Mindereinnahmen und den Heerscharen von weglaufenden Leuten. Schulden über Schulden, davon sind die Zeitungen voll und auch die Köpfe von vielen Kirchenleuten und Presbyterien: Aber viel viel weniger Leute in der Kirche wagen es - Gott sei es geklagt - die wirkliche Schuldenkrise der Kirche, die wirkliche Schuldenkrise unserer Gemeinde beim Namen zu nennen. Es ist haargenau die Schuldenkrise, über die man sonst fast nie redet, und über die der Paulus hier ganz unverschämt deutlich redet: Wir schulden den Leuten ringsum Jesus Christus, wenn der Menschen nicht erreicht, sind die verloren und wir können den Laden sowieso zumachen: Wir sind Schuldner, wie Paulus schreibt, Schuldner, dass dumme und klügere, junge und alte was glaubwürdig und unüberhörbar deutlich von Jesus mitkriegen. Z.B. der Junge im Kindergottesdienst, 13 Jahre, vor einiger Zeit, der bei mir im Kindergottesdienst saß und der ganz offen meinte, mitten bei der Behandlung der biblischen Geschichte, er würde nur so tun, als wenn er betete, er könnte an keinen Gott glauben, er bete nur zum Schein in der Kirche, um nicht anzuecken: dem Jungen und ähnlichen sind wir das Evangelium schuldig: dass sie in der verbleibenden Unterrichtszeit noch mitkriegt - dass das Ganze, worum's hier geht in der Kirche, eine große Liebesgeschichte ist, und dass das Ganze, worum's da bei Paulus im Römerbrief geht, nichts anderes als ein Liebesbrief ist: ein einladender und leidenschaftlich geschriebener Liebesbrief: Mensch, komm zu dir, und komm zu Gott, finde in Jesus dein Ein und Alles, den Sinn deines Lebens. Der Römerbrief, so kann man’s mit Fug und recht sagen, ist der gewaltigste und leidenschaftlichste und wirkungsmächtigste Liebesbrief der Weltgeschichte, und er lädt ein, dass du zur Liebe deines Lebens kommst: Und wer ihn so gelesen hat (wir sprachen neulich in Ramsbeck von Augustin, von Luther, die ihn so gelesen haben, den Römerbrief), der hat die Leute in der Kirche damit geweckt und zu den Wurzeln zurückgeführt und motiviert: dass in Kraft und Dynamik was unter die Leute kam von der Wucht der Liebe, die hier Evangelium, Frohe Botschaft, heißt. Auch da erinnere ich an die beiden Predigten der vergangenen Sonntage, wo für Paulus - Römer 12 - „Gottesdienst“ hieß: das sitzt man nicht auf einer Backe ab, das ist nicht Sache die Ohren und für den Hintern, das ist eine Sache, um aufzustehen, es in leidenschaftlicher Liebe mit Sprengkraft und mit Mut unter die Leute zu bringen.

Hier am Anfang des Römerbriefs im heutigen Text, da macht’s der Paulus uns schon ganz klar: das, was uns fehlt und was die Kirchenkrise und die Schuldenkrise behebt. Er drückt’s da aus mit dem Satz, den manch einer als Konfirmationsspruch hat: Denn ich schäme mich des Evangeliums nicht; denn es ist eine Kraft Gottes, die selig macht alle, die daran glauben, die Juden zuerst und ebenso die Griechen. Auf gut deutsch gesagt heißt das: Christsein ist eine ganz unverschämte Sache, eine Sache, wo man die sonst übliche vielzitierte „vornehme Zurückhaltung“ aufgibt und Farbe bekennt, sehr eindeutig Flagge zeigt.

Wie sagte es eine bekannte Schauspielerin neulich in einer Fernseh-Talkshow? Vielleicht haben’s Sie auch gesehen, ich glaube es war bei Johannes B. Kerner, da meinte die Schauspielerin: „Ja, ich habe zum Glauben zurückgefunden und bin wieder in die Kirche eingetreten, aber das ist bei uns komisch: Wenn jemand sagt, ich glaube jetzt, ich habe Christus gefunden, dann tippt man sich an den Kopf und tut so. als müsste man sich schämen, aber wenn einer bei uns sagt: Ich bin Buddhist geworden, dann sagt man: ‚Oh toll, wie interessant, spirituell, großartig!’“ So ist das mit dem Schämen - damals bei Paulus und heute...

Wer unverschämt, ohne roten Kopf zu kriegen, zu dieser Sache steht, zur Sache mit Jesus, wer da hintersteht, wird unweigerlich dann rausgehen und selber zum Missionar werden und danach streben, dass die neben ihm auch Lust kriegen zu beten, zu glauben und Jesu Liebe weiter zu geben. Vater Bodelschwingh sagte vor 150 Jahren: „Sie brauchen Jesus, sie sterben sonst drüber!“ Wir sind’s ihnen schuldig! So wie es drüben in Deilinghofen zum Beispiel ein Christ tat, der ziemlich oft sonntags in den Gottesdienst kam und es sich zur guten Gewohnheit machte, direkt im Anschluss an den Gottesdienst jedesmal einen beinamputierten Rollstuhlfahrer bis zu dessen Tod zu besuchen, der von sich aus kaum was mit dem Glauben am Hut hatte. Genau so etwas ist hier gemeint mit Mission, und das meint Paulus mit dem Evangelium als Kraft Gottes: unverschämt zum Evangelium stehen, weil’s eine Kraft Gottes ist. Da steht statt Kraft „dynamis“ im Griechischen, das ist mit Dynamo verwandt, mit Dynamik und mit Dynamit. Erst wer diese Liebesgeschichte so begreift, dass er selber zum Boten wird, steht unter dieser Verheißung, dass hier was Dynamisches geschieht, etwas was wie eine große Liebe mitreißt und Kreise zieht, dass man in der Kirche, in der Gemeinde Jesu die vornehme Zurückhaltung verlässt und den Hintern hochkriegt.

Ich möchte’s an einem unverschämten, aber sehr genau passenden weltlichen Beispiel illustrieren, was Paulus meint mit Dynamis und mit Nicht-Schämen.  Das war 1997 in einem großen Fußballstadion im Ruhrgebiet - ich war dabei! Die Fans standen wie ein Mann hinter ihrer Mannschaft, gerade bei den wichtigen Europacupspielen, und das gab der Mannschaft Flügel. Alle standen dahinter, und alle alle standen - wie ein Mann! Nur auf der Haupttribüne, wo die besseren Plätze waren, da gab man sich vornehmer, in vornehmer Zurückhaltung - und ein Lied, das seitdem sehr bekannt und fast sprichwörtlich geworden ist, ließ auch die auf der Tribüne hochkommen, und sie kommen bis heute - immer wenn gesungen wird: „Steht auf, wenn ihr Schalker seid!“

Was Christen in Bestwig und im ganzen Kirchenkreis davon lernen können im Sinne von Paulus Römer 1 heißt ohne alle Fußballschleichwerbung: Leute, wir müssen lauter singen: „Steh auf, wenn du für Jesus bist!“ Wir sind’s den Leuten schuldig, und wir sind’s dem schuldig, der uns her in seinen Dienst ruft! Und das gilt auch für diese Gemeinde, die ja z.Zt. einen ohne Pfarrer ist und einen neuen braucht. Das Wichtigste ist so zu beschreiben: Wollen wir froh sein, zu sehen, wo wir Riesenschulden haben, wo wir Leuten hier was von dieser brennenden Jesusliebe von dieser Dynamis-Kraft schuldig sind. Wollen wir froh sein, dass Jesus lebt und auch heute noch ruft, dass er Sünder zu Gerechten macht - auch hier bei Brot und Wein, so wie’s da in Römer 1 Paulus am Schluss unsres Textes sagt: In der Guten Nachricht macht Gott seine Gerechtigkeit offenbar, der Gerechte wird aus Glauben leben. Genau das war übrigens für Luther das Römerbriefwort, das ihn umkrempelte und ihn den ganzen Glauben mit neuen Augen sehen ließ! Es wurde das wichtigste aller Römerbriefworte für ihn und die große reformatorische Wende: Aus Glauben leben - als gerechtfertigte Sünder - in Dynamis und unverschämt mit Jesus leben, so dass mit Kraft und Dynamik was unter die Leute kommt von der großen Liebe, die uns treibt. Ob man uns das anmerkt, dass wir  in Jesus unsere große Liebe, unser Ein und Alles haben? Amen. Und der Friede...

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