Gottesdienst am 11. So. nach Trin., 26. August 2001,
in der Stephanuskirche Deilinghofen

 

Orgelvorspiel

Abkündigungen und Eingangslied Die güldne Sonne, 1-4 und 8

Gottesdienstordnung nach Burkhard Heim, Beten im Gottesdienst, grüne Mappe zum heutigen Sonntag (S. 114 und 115)

Wir hören die Epistel des heutigen 11. Sonntags nach Trin., wie sie aufgezeichnet ist im Epheserbrief Kapitel 2, den Versen 4-10:
4 Aber Gott, der reich ist an Barmherzigkeit, hat in seiner großen Liebe, mit der er uns geliebt hat,
5 auch uns, die wir tot waren in den Sünden, mit Christus lebendig gemacht - aus Gnade seid ihr selig geworden -;
6 und er hat uns mit auferweckt und mit eingesetzt im Himmel in Christus Jesus,
7 damit er in den kommenden Zeiten erzeige den überschwänglichen  Reichtum seiner Gnade durch seine Güte gegen uns in Christus Jesus.
8 Denn  aus Gnade seid ihr selig geworden durch Glauben, und  das nicht aus euch: Gottes Gabe ist es,

9  nicht aus Werken,  damit sich nicht jemand rühme.
10 Denn wir sind sein Werk, geschaffen in Christus Jesus  zu guten Werken, die Gott zuvor bereitet hat, dass wir darin wandeln sollen.

Halleluja, Herr, Dein Wort ist unseres Fußes Leuchte und ein Licht auf unserem Wege, Halleluja!

Glaubensbekenntnis und Lied vor der Predigt: Jesus nimmt die Sünder an, 1-4 und 8

Predigt über Lukas 9, 39-51

Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des hl. Geistes sei mit Euch allen. Amen.

Liebe Gemeinde, eingeladen sein – das eine schöne Sache, so wie jetzt nach dieser Serie heißer Tage in der zuende gehenden Grillsaison. Da sitzt du abends bei Bekannten am Tisch, so wie ich vorgestern bei netten Leuten, die ich vor kurzem kennen lernte. Ja, da saßen wir in Hemer drüben im Garten in einer schönen Laube, der Hausherr holte die Getränke und schaffte das Gegrillte ran, und dann ging’s los! Den ganzen Abend bis weit nach elf Uhr wurde erzählt und gescherzt, gegessen und getrunken, und da war manchmal durchaus das Thema, dass ich nun gerade Pastor von Deilinghofen war. Und man merkte ihm an, dem Gastgeber da aus Hemer, dass er den Pastor aus Deilinghofen brennend gerne mal näher kennen lernen wollte, auch’n bisschen rauskriegen, wie der privat so ist.

So ähnlich geht auch die uns allen bekannte Geschichte, die heute dran ist als Predigttext in den meisten deutschen Kirchen, in denen jetzt gepredigt wird. Es ist die Geschichte vom „Eingeladensein“ aus Lukas 9, 36-50, die ich uns hier lese und die der heutigen Predigt zugrunde liegt:

Es bat ihn aber einer der Pharisäer, bei ihm zu essen. Und er ging hinein in das Haus des Pharisäers und setzte sich zu Tisch. Und siehe, eine Frau war in der Stadt, die war eine Sünderin. Als die vernahm, dass er zu Tisch saß im Haus des Pharisäers,  brachte sie ein Glas mit Salböl und trat von hinten zu seinen Füßen, weinte und fing an, seine Füße mit Tränen zu benetzen und mit den Haaren ihres Hauptes zu trocknen, und küsste seine Füße und salbte sie mit Salböl. Als aber das der Pharisäer sah, der ihn eingeladen  hatte, sprach er bei sich selbst und sagte: Wenn dieser ein Prophet wäre, so wüsste er, wer und was für eine Frau das ist, die ihn anrührt; denn sie ist eine Sünderin. Jesus antwortete und sprach zu ihm: Simon, ich habe dir etwas zu sagen. Er aber sprach: Meister, sag es! Ein Gläubiger hatte zwei Schuldner. Einer war fünfhundert Silbergroschen schuldig, der andere fünfzig. Da sie aber nicht bezahlen konnten, schenkte er's beiden. Wer von ihnen wird ihn am meisten lieben? Simon antwortete und sprach: Ich denke, der, dem er am meisten geschenkt hat. Er aber sprach zu ihm: Du hast recht geurteilt. Und er wandte sich zu der Frau und sprach zu Simon: Siehst du diese Frau? Ich bin in dein Haus gekommen;  du hast mir kein Wasser für meine Füße gegeben; diese aber hat meine Füße mit Tränen benetzt und mit ihren Haaren getrocknet. Du  hast mir keinen Kuss gegeben; diese aber hat, seit ich hereingekommen bin, nicht abgelassen, meine Füße zu küssen. Du hast mein Haupt nicht mit Öl gesalbt; sie aber hat meine Füße mit Salböl gesalbt. Deshalb sage ich dir: Ihre vielen Sünden sind vergeben, denn sie hat viel Liebe gezeigt; wem aber wenig vergeben wird, der liebt wenig. Und er sprach zu ihr: Dir sind deine Sünden vergeben. Da fingen die an, die mit zu Tisch saßen, und sprachen bei sich selbst: Wer ist dieser,  der auch die Sünden vergibt? Er aber sprach zu der Frau:  Dein Glaube hat dir geholfen; geh hin in Frieden! 

Gebet: Herr, lass uns hören von deiner Liebe, und das annehmen, was du uns sagen und geben willst. Segne das Hören und das Reden. Amen.

Eingeladen sein, liebe Gemeinde, sagte ich eben zum Anfang, ist eine schöne Sache. Hätte ich aber eben statt von Vers 36 von Vers 34 an unsere Geschichte verlesen, dann hätte man da schon gemerkt, dass Jesus in den feineren Kreisen recht selten eingeladen wurde. Dort bei den Kirchenleuten, bei den Gesetzestreuen und Schriftgelehrten, den theologisch Studierten, bei den Oberen 10.000, da hatte er einen schlechten Ruf und eine schlechte Presse. Jesus beklagt sich bezeichnenderweise gerade zwei Verse vor unserm Text, eben in Vers 34, dass sie ihn als "Fresser und Weinsäufer" tituliert haben, ausgemeckert als "Freund der Zöllner und Sünder". Und so einen lud man eben nicht ein... Soll er doch mit seinen Leute fressen und saufen, er, der Tischgeselle der Zöllner und Sünder, so einer käme bei uns nicht an den Tisch! So die Meinung da im Lager von Jesu Feinden, bei den Pharisäern.

Aber eben unser Simon, auch einer von der Fraktion der Gesetzestreuen, seines Zeichens auch ein angesehener Pharisäer, ist nicht so wie alle! Nein, das ist offenbar einer, der brennend gern Jesus gesehen hätte, ihn richtig kennen gelernt, um sich ein eigenes Urteil zu bilden, vielleicht ganz ähnlich wie mein Gastgeber vorgestern in jener Laube beim Grillen. Ja, den mal richtig bei sich haben, mit ihm essen am Tisch, auch was trinken: in solcher Atmosphäre kommt man sich näher als sonst, und da kann man da prima rauskriegen, was bei dem dahinter ist... Und wer weiß, vielleicht zerstreut er ja all die Vorurteile, die die Pharisäerkollegen da immer über diesen Jesus kolportieren und ihm hinterher klatschen.    

So kommt es zu diesem schönen Abend. Simon hatte gerufen und eingeladen: "Komm, Herr Jesus, sei du unser Gast!", und ich stelle mir da vor, Jesus mit seinen Jüngern ist dann hingekommen in das Haus des Herrn Simon. Ja, es muss ein ganz festlicher und auch recht gemütlicher Abend gewesen sein, denn eine ganze Runde, so hörten wir ja, ist dort versammelt: alles Leute von der Konkurrenz, so stelle ich mir das vor, die sich das aber alle gerne gefallen lassen, wie er da Wein trinkt bei ihnen und auch isst, nicht nur am Tisch der Sünder als Fresser und Weinsäufer, sondern hier mal am Tisch der feinen Leute, der Geachteten und Hochstehenden, die es hier mal genossen, Jesus in ihrer Mitte zu haben bei der gehobenen Fete im Hause Simon. 

Bis dann auf einmal alle bisherigen Vorurteile und Anklagungspunkte, alle bisherigen Klatschgeschichten, weit in den Schatten gestellt werden durch das, was da passiert bei diesem Fest im Hause Simon. Es klopft, und „sie“ kommt reingeschneit, sie, die schöne Frau mit den sehr langen Haaren, die überall nur „das Flittchen“ hieß, sie die Stadtbekannte, die man hinter vorgehaltener Hand "Bordsteinschwalbe" nannte oder schlimmer, die stadtbekannte große Sünderin. "So eine" – hier bei uns in Simons Haus in dieser ach so feinen Gesellschaft!?? Sie, die Skandalnudel, bei der bloß keiner der Männer zugeben durfte, sie näher zu kennen, ausgerechnet sie hier!??

Und dazu kommt: Damals im Judentum durchaus, da hatten überhaupt und dann auch beim Feiern Männer das Sagen, die lagen zu Tisch, Frauen spielten höchstens die zweite Geige, durften das Essen ranbringen, wenn’s hoch kam. Und das ist ja auch so ein Punkt: dass Jesus Bewunderinnen hatte, ganz anders, als man durfte, Frauen als Jüngerinnen, das wird unmittelbar hinter unserm Text noch einmal vermerkt und aufgelistet (Luk. 8, 1 ff.): wie viele Frauen da mit Jesus gingen, an ihn glaubten, an ihn, den diese Unterschiede eben viel weniger scherten als seine Umwelt. Und hier, bei der edlen Fete im Hause Simon, da war das vollends unerträglich: eine Frau platzt da in die feine Gesellschaft herein, ist plötzlich der Mittelpunkt, und dazu noch „so eine“, sie, „das Flittchen“, da kommt diese unmögliche Person, geht schnurstracks auf Jesus zu.

Und dann folgt etwas, was einem erst recht den Atem stocken lässt. Sie nimmt ihr teures Parfüm, ihr Alabasterglas mit dem Salböl, kommt von hinten hinter ihn, küsst seine Füße, weint aus tiefsten Herzen, salbt die Füße mit diesem Parfüm und nimmt ihre offenen Haare und trocknet ihm damit die Füße.

Anzüglicher und skandalträchtiger kann überhaupt nichts sein, damals und heute. Wo heute etwas Entsprechendes passierte in irgend einer Wohnung bei einem Fest, in irgend einer Laube beim Grillen, man wäre entsetzt gewesen, und man hätte hinterher leicht sagen können: Jetzt macht er sich seinen Ruf, der halb gerettet war durch den Abend bei Simon, noch selber kaputt! Mit so einer Person geht man nicht so freizügig um, solche fragwürdigen Emotionen lässt man doch nicht zu! Auf Tuchfühlung mit dem Flittchen da!!! Dann stimmt es also doch: „Zeige mir, mit wem du umgehst, und ich sage dir, wer du bist!“...

Und genau das, was dieses Sprichwort meint, liebe Gemeinde, hat unser Simon da auf dem Herzen: Dann stimmt es wohl doch mit dem Fresser und Weinsäufer und „der Zöllner und Sünder Geselle“. Und durchaus verständlich ist das, was Simon als Gastgeber da im Blick auf das merkwürdige Paar in seiner Wohnung formuliert: Wäre der einer, der von oben gelenkt wird, wär der ein Prophet, dann wüsste der, die ist „so eine“, dann könnte das mit den Haaren und das mit dem Küssen und Trocknen nicht sein!    

Und Jesus? Der nimmt den Simon für sich: Simon, ich habe dir was zu sagen. Wenn ein Schuldner von seinem Geldgeber 1.000 Mark Schulden erstattet kriegt und der andere 10.000 Mark Schulden, wer von beiden liebt den mehr, der ihm das Ganze schenkt und erlässt? Und als Simon antwortet, die Liebe ist größer bei dem mit der größeren Summe, da auf einmal - der Dreh dieses Gleichnisses auf ihn, auf Simon hin:  Siehst du diese Frau? So fragt da Jesus. Dumme Frage, muss Simon gedacht haben. Keiner sieht was anderes als diese Frau, seit die das Wohnzimmer betreten hat und ihren Skandal angezettelt.

Sie, sie hat geliebt, so Jesus da, weil ihre vielen Sünden vergeben sind, und in unserm Text heißt es dazu wörtlich in Jesu Rede zu Simon, seinem Gastgeber: „Du hast mein Haupt nicht mit Öl gesalbt; sie aber hat meine Füße mit Salböl gesalbt. Deshalb sage ich dir: Ihre vielen Sünden sind vergeben, denn sie hat viel Liebe gezeigt; wem aber wenig vergeben wird, der liebt wenig. Und er sprach zu ihr: Dir sind deine Sünden vergeben.“

Und genau da endet meine Schilderung, meine Nacherzählung  jener Szene damals – sie endet mit dem Entsetzen der Gäste dort, die das „den größten Hammer“ finden: Wie in aller Welt kann der auch noch Sünden vergeben und einen großen Freispruch zu erteilen? Und alles mündet da ein in den einen kleinen Satz, den kleinen Satz Jesu an die große Sünderin: Dein Glaube hat dir geholfen; geh hin in Frieden!

Liebe Gemeinde, eingeladen sein ist eine schöne Sache, sagte ich am Anfang dieser Predigt. Eingeladen sein beim Abendmahl erst recht, wenn man da heute noch – wie bei Simon damals – bei Jesus und mit Jesus zu Tisch ist und Brot und Wein kriegt, und dann zum Schluss das Wort hört wie die da jene Frau: Gehe hin in Frieden!

Und diese ganze Geschichte vom Eingeladensein aus Lukas 7, die zielt auf unser Eingeladensein an seinen Tisch hier und die zielt auf unsern Frieden: dass ich mir genau das sagen lasse von Jesus, was dort eine Frau mit bösem Leumund aus seinem Mund hört: Gehe hin in Frieden. Dass ich mir meine Kästchen und Vorurteile, in die ich Menschen eingruppiere, von Jesus heilsam durcheinander würfeln lasse, und auf einmal Menschen mit Jesu Augen liebend sehen lerne, neu sehen lerne, anders als nach Pharisäerart. Auch das gehört zu dem Glauben, der uns helfen kann, wo wir dann von Jesus hören: Deine Sünden sind dir vergeben, dein Glaube hat dir geholfen, gehe hin in Frieden! Ja, dass Jesus Vollmacht hat, Sünden zu vergeben und dass er Neuanfänge setzt und Freispruch ausspricht bis heute, das – was damals erst recht der Skandal war für die Leute! – das gehört bis heute zu diesem Satz, wenn wir gleich am Ende des Abendmahls gesendet werden mit den Worten: Gehe hin in Frieden!

Ja, eingeladen sein ist eine schöne Sache, aber am schönsten wäre es, wenn du und ich dann hingehen, von seinem Tisch kommend, mit den Worten seiner Liebe, die wir ernstnehmen und ganz persönlich nehmen können, dass er uns sagt und wir das weitertragen: Gehe hin in Frieden! Amen.    

Allgemeine Beichte

Lied vor dem Abendmahl: Kommt, sagt es allen weiter, 1-3

Fürbittengebet, „Herr, wir bitten, komm und segne uns“, Segen und Orgelnachspiel

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