Gottesdienst am 2. Weihnachtsfeiertag (26.12.2000) in der Stephanuskirche Deilinghofen

mit einer schlichten Predigt über Johannes 1, 14 und 11 bis 12

 

Vorbemerkung: In diesem Gottesdienst am 2. Feiertag sind ja traditionell immer die Apricker bei uns in der Stephanuskirche zu Gast. Am Stephanustag (26.12.) kam auch diesmal wieder der Bürger-Verein Apricke – diesmal mit zwei Chören: dem Frauenchor und dem Männerchor. Eingangs hatten wir von Friedrich Spee gesungen: Zu Bethlehem geboren ist uns ein Kindelein, das hab ich auserkoren, sein eigen will ich sein, eia, eia, sein eigen will ich sein (EG 32, 1-4), und zu Friedrich Spee hatten die anwesenden Frauen biographische Informationen von einer Adventsveranstaltung im Martin-Luther-Huas, bei der der Frauenchor aus Apricke auch gesungen hatte (vgl. in der Predigt unten).

 

Gnade sei mit Euch und Friede von Gott, unserm Vater, und unserm Herrn Jesus Christus. Amen.

Liebe Gemeinde, liebe Apricker Chormitglieder, Männer und Frauen heute am 2. Feiertag!

Nach mehreren "üppigen" Gottesdiensten seit dem Heiligen Abend ist jetzt die Predigt eher schlicht gehalten. Der ausgewählte Text der heutigen Predigt ist kurz und steht in Johannes 1, 14, das ist also der Wochenspruch dieses Festes und dieser Woche, wo ich die Verse 11 und 12 noch hinzusetze:

Und das Wort ward Fleisch und wohnte unter uns und wie sahen seine Herrlichkeit. Er kam in sein Eigentum; und die Seinen nahmen ihn nicht auf. Wie viele ihn aber aufnahmen, denen gab er Macht, Gottes Kinder zu werden, denen, die an seinen Namen glauben.

So lautet die Zusammenfassung der ganzen Weihnachtsgeschichte beim Evangelisten Johannes, kein Wort steht da von der Krippe, kein Wort von den Hirten: ganz konzentriert aber wird da das Wichtigste gebündelt, wird gleichsam die Quersumme von Weihnachten, was es damals bedeutete und hier Menschen heute bedeuten kann, angegeben, in diesen wenigen Sätzen aus Johannes 1:

Und das Wort ward Fleisch und wohnte unter uns und wie sahen seine Herrlichkeit. Er kam in sein Eigentum; und die Seinen nahmen ihn nicht auf. Wie viele ihn aber aufnahmen, denen gab er Macht, Gottes Kinder zu werden, denen, die an seinen Namen glauben.

Wie oft sind Worte doch nur Schall und Rauch! Wie oft sind Wünsche, die man mit Worten andern sagt, ganz inhaltsleer!

Ich habe es zwar als schön empfunden, dass ich so oft das die Worte "Frohe Weihnachten" oder "Frohes Festtage" hörte – seit Sonntagabend, wohl 100 Mal oder öfter haben‘s mir Leute gesagt, und Ihnen wird es nicht anders gegangen sein seit Sonntagabend, aber allzu leicht kann es eben auch mit den beiden Worten "Frohes Fest" so sein wie bei "Guten Tag" und "wie geht’s": dass man das quasi automatisch sagt, auch ohne dass man sich einen Kopf drum macht, wie es dem andern geht und ob der denn nun einen guten Tag hat.

"Frohe Festtage", das kann dann so ein frommer Wunsch sein, der wie Schall und Rauch ist: beim Sagenden nicht ganz ernst gemeint, und bei dem, an den es gerichtet ist, kommt es dann auch nicht als sehr wichtig an.

Erst wenn man es verfremdet, dann sitzt es plötzlich, bei mir selbst geschehen vor einiger Zeit als mir zum Fest eine Kate vom Jugendamt ins Haus flatterte; das war eine Weihnachtsglückwunschkarte – vorne mit so einer ulkigen Naschkatze drauf und dabei stehen die Worte – und da musste ich schon 2x hingucken, als ich das las – : "Frohe Fresstage" stand da zu lesen, statt Frohe Festtage stand da einfach, derbe verfremdet der Glückwunschgruß: "Frohe Fresstage!" Dass ich damit recht unfeierlich und derbe die Situation des 2. Feiertag treffe, da bin ich mir ziemlich sicher: denn eins haben viele gemeinsam wohl, dass das Fest in dieser Hinsicht viel gab. Ich weiß nicht wie es sich bei Ihnen in Gürtelhöhe anfühlt, aber ich nehme an, das ist bei vielen ähnlich wie bei mir... ;-))

Und grade was die Konsumsituation des Christfestes 2000 angeht, darf ich noch was dazusetzen, was gestern zum Mittagessen in Hennen bei meiner Mutter passierte: da waren an zwei langen Tischen 20 ihrer Kinder und Enkel versammelt, und Pute gab’s in Hülle und Fülle. Prompt fragten mehrere nach: "Pute? Pute?" Und dann ging es unweigerlich weiter in der Richtung, was denn aus den Rinderrouladen würde, die es sonst immer bei meiner Mutter gab und die sie besonders gut kann. Und in typischem Grothschen schwarzen Humor, den alle meine Geschwister reichlich haben, wurde da beschrieben, dass jetzt nicht mal das Essen eine ungetrübte Weihnachtsfreude brächte und das Heil des Festes da auch nicht mehr liege, und meine ernährungsbewusste Mutter wurde – nicht ganz ernst gemeint - genervt mit spitzfindigen Fragen nach Tiermehl in Putenmägen.

Und eigentlich ist das alles ja mehr als ein Gag! All das Gesagte bis hierher steht für die Frage nach Weihnachten als Ganzem: Was nehmen wir davon mit (außer den Kilos)? Was nehmen wir davon mit und zwar in einer Welt, in der neben der kaum zu ertragenden Friedlosigkeit alle möglichen Nebenkriegsschauplätze uns die Gemütlichkeit vermiesen: wo da Maßstäbe aufs Schlimmste verrückt wurden, von den Rindern an bis dahin, wenn man nur an die Projekte denkt, Kinder bzw. Embryonen klonen zu wollen und Kinder mit idealen Genen zu züchten – und vieles andere, was drauf hinweist, dass der Mensch sein Maß total verloren hat.

Liebe Gemeinde, vielleicht haben sie es gesehen: Freitagabend vor dem Fest wurde im Fernsehen der eindrucksvolle Spielfilm über das Leben des Christen und Widerstandskämpfers im Dritten Reich Dietrich Bonhoeffer gezeigt: wie er sich als Christ bewährte in einer Zeit, in der schon einmal, mit den heillosesten Folgen, jegliche Maßstäbe des Menschlichen pervertiert hatten. Und von diesem Bonhoeffer stammen die Worte, dass die Menschwerdung Gottes die wiedergefundene Menschwerdung des Menschen nach sich ziehen, weil "Gott wird Mensch": nach Bonhoeffer zweierlei in sich schließt: Weil Weihnachten war, Gott in Jesus Mensch wurde, der Mensch, der das annimmt den Maßstab wiedergefunden hat, der ihn erstens davor behütet und beschützt, andere Menschen und Menschengemachtes zu vergötzen, und der zweitens ebenso davor behütet und beschützt, andere Menschen zu verachten. Mit unserm Text gesprochen: Weil das Wort Fleisch wurde, weil Gott Mensch wurde, ist für Christen – so Bonhoeffer – Menschenvergötzung ebenso ausgeschlossen wie jegliche Menschenverachtung. Eine neue Sicht des Menschen, ganz anders als: dass der Mensch vom Brot allein lebt, nein, Weihnachten war, und deswegen hat der Mensch an diesem Menschen Jesus eine neue Mitte, einen Maßstab, was der Mensch nach Gottes Willen sein soll, einen Maßstab, der für Bonhoeffer Programm und Lebensauftrag wurde, er ging dafür sogar in den Tod, hingerichtet von denen, die menschliche Mächte und menschliche Personen an die Stelle stellten, wo Gott zu stehen hat.

Unser weihnachtlicher Text meint genau so etwas, wenn er die frohe Botschaft von Weihnachten mit den Worten zusammenfasst:

Und das Wort ward Fleisch und wohnte unter uns und wie sahen seine Herrlichkeit.

Und wenn dann dicht dabei der andere Satz steht: "Er kam in sein Eigentum; und die Seinen nahmen ihn nicht auf", dann kann man sich das am heiligen Abend veranschaulichen, um 16 Uhr hier in dieser Kirche beim Krippenspiel der Kindergottesdienstkinder, wo es eindrucksvoll nachgespielt wurde, wie da drei Wirte und eine Wirtin mit lautem "Nein, nein, nein!!!" die Herberge der schwangeren Maria und ihrem Josef verweigerten – und da erschien dann zur kleinen Predigt ein Dia ganz groß da auf der Kirchenvorderwand, das Bild eines Künstlers, das jedes Kind verstand, und das abends im überfüllten Mitternachtsgottesdienst mit Abendmahl nochmals gezeigt wurde: Der dicke fette Wirt, der sich selbst den Bauch vollschlägt, und der über seinem Konsumieren ganz abgewandt und getrennt ist von der Krippe mit dem Licht, das von da ausgeht. Den eigenen Bauch vollkriegen, haben, haben, haben, ist diesem Wirt und seinen vielen Geistesverwandten Licht genug... So wie es damals schon da stand von der Weihnacht: das der in sein Eigentum Gekommene von den Seinen grade nicht aufgenommen wurde, und wie es bis heute ist: wo sich immer neu die Frage stellt: Willst du es mit Gott wagen, mit Christus, der Maß, Sinn und Ziel in Menschenleben schenkt – oder drehst du dich weiter nur um dich, um den eignen Bauch, nur um die eigene Achse wie ein rotierender Hamster im Käfig. Nicht aufgenommen, außen vorgelassen – von der Herbergssuche an bis zum Kreuz von Golgatha hin, wo da über den Leidenden und Gekreuzigten die Menschen Anstoß nehmen, die Nase rümpfen und nicht ahnen, wie dieser Tod zum Leben führt. Genauso wie bis heute – Weihnachten hin oder Weihnachten her – Jesus lieber als eine Art Märchengestalt für kleine Kinder in Krippenspielen gesehen wird und da als anmutig empfunden, aber als Herr des eigenen Lebens meint man, Anstoß nehmen zu müssen an ihm, die Nase rümpfen zu können, nicht ahnend, wie Weihnachten, recht begriffen zum Leben führt – zum Leben mit ihm, zu einem Leben mit Sinn und Verstand, in dem heillos Verrücktes bei diesem Heiland Heilung findet.

Denn so heißt es weiter im dritten Vers, den ich las aus dieser Zusammenfassung des Weihnachtsgeheimnisses nach Johannes, und so gilt es damals zur Zeitenwende wie heute im Jahr 2000 danach auch hier für dich und mich:

Wie viele ihn aber aufnahmen, denen gab es die Macht Gottes Kinder zu werden. Ganz kindlich und zärtlich, wie in einem Kinderlied oder in einem Liebeslied, hatte der katholische Theologe und Christ Friedrich Spee das in dem schönen Weihnachtslied vom Anfang heute zusammengefasst: Zu Bethlehem geboren ist uns ein Kindelein, das hab ich auserkoren, sein eigen will ich sein, eia, eia, sein eigen will ich sein. Wer das singt und wem das aus dem herzen kommt, der ist schon mitten dabei, bei denen, die Macht haben, Gottes Kinder zu werden. Und gerade an diesem Friedrich Spee kann man sich klarmachen, dass das, was der von Jesus glaubte, nicht nur eia, eia ist und auch nicht eiapopeia. Ich habe da einen text über Friedrich Spee vorgelesen beim Frauenhilfsadvent, als unsere Apricker Frauen auch sangen, dass der gegen Ende des 30jährigen Krieg, weil er an Jesus glaubte, ein mutiges Buch gegen die Hexenverbrennungen schrieb und gegen den Wahnsinn jener Verblendung protestierte, ein Vorkämpfer wurde für die Menschenrechte, der genau das vorwegnahm in seiner Zeit, was dann auch Bonhoeffer für seine und unsere Zeit einschärfte: Das Wort wurde Fleisch, Gott wurde Mensch, wer von Weihnachten herkommt und sich unter die Kinder Gottes zählt, hat was entgegenzusetzen gegen Menschenvergötzung und auch gegen Menschenverachtung, denn wer wie Spee eia, eia singt und damit meint: dein eigen will ich sein, der hilft als Christ in seinem Umkreis heilen, so dass vom Licht der heiligen Nacht was ins Heute kommt, auch bis hier hin, nach Apricke und Deilinghofen, wo eben am Ende nicht nur "Frohe Fresstage" der Sinn der Sache sind, sondern Frohe Festtage im Gedächtnis bleiben sollen von Menschen, die sich die Macht geben lassen, Gottes Kinder zu heißen, weil sie Jesus folgen. Amen.

www.pastoerchen.de und www.mlhweb.de und www.stephanus-kirche.de