Altenabendmahlsgottesdienst am Sonntag Judica, 29.3.98

in der Stephanuskirche Deilinghofen


Gnade sei mit Euch und Friede von Gott, unserm Vater, und unserm Herrn Jesus Christus. Amen.

Liebe Gemeinde, vom Schreien [Aus tiefer Not schrei ich zu dir, Herr Gott, vernimm mein Rufen, M. Luther] sangen wir gerade, vom Schreien, das vor Gott kommt, und mit "lautem Schreien" fängt es heute an in unserem Text. Sie haben ein Textblatt vorliegen mit dem Lied, das wir gerade sangen, einem Bild und dem heutigen Predigttext, über den jetzt überall in den deutschen Kirchen Menschen nachdenken wie wir hier. Dieser zur Passionszeit passende Abschnitt stammt aus dem Hebräerbrief; dort in Kapitel 5, in den Versen 7-9 heißt es:

Und Jesus hat in den Tagen seines irdischen Lebens Bitten und Flehen mit lautem Schreien und mit Tränen dem dargebracht, der ihn vom Tod erretten konnte; und er ist auch erhört worden, weil er Gott in Ehren hielt. So hat er, obwohl er Gottes Sohn war, doch an dem, was er litt, Gehorsam gelernt. Und als er vollendet war, ist er für alle, die ihm gehorsam sind, der Urheber des ewigen Heils geworden.

Liebe Gemeinde! Ein Mann wollte einen fliegenden Vogel abzeichnen, aber er hatte damit seine Schwierigkeiten. Immer, wenn er auf dem Papier war, da war aus dem fliegenden Vogel ein stehender Vogel geworden: ein Vogel, der in der Luft stand. Fliegende Vögel zu zeichnen, zu malen ist schwer und fast unmöglich. Nach der gleichen Logik kann man auch keine Töne malen. Und schon gar nicht einen Schrei - einen Schrei zu malen, einen Schrei auf Papier zu bringen, das ist normalerweise ein Ding der Unmöglichkeit!

Ein Blick auf unser Textblatt hier belehrt uns da eines anderen. Man kann einen Schrei malen! Der bedeutende norwegische Maler und Grafiker Edvard Munch, gestorben 1944, hat das getan - und wie! Ich bin sonst nicht der große Kunstkenner, aber dieses Bild das hat's mir angetan. Es war damals schon drin in unserm Lesebuch, als ich Schüler von 12 war, und wenn ich's betrachte, spricht's mich heute noch an, dies Bild mit dem Titel: "Der Schrei", von dem expressionistischen Künstler Edvard Munch, in dem sich natürlich auch eine ganze Menge von Grauen des zweiten Weltkrieges mitabbildet - Lebenserfahrungen und Leidenserfahrungen, wie Munch sie gemacht hatte. Und daß er dieses Bild, diesen Holzschnitt, nicht mit kaltem, sondern mit einem brennenden Herzen gemacht hat, das kann man auch da herausfühlen, wenn man nicht so ein Kunstfan ist.

Sehen Sie sich das Bild mal genauer an: ganz zentral im Vordergrund eine Frau mit weit aufgerissenen Augen, mit weit aufgerissenen Mund - die Hände an den Kopf, wie zum Schutz vor Schrecklichstem: die ganze Frau ist nur noch Schrei, wie sie da auf der Brücke steht, hinten zwei Personen von ihr abgewandt, sich entfernend - endlos weit weg, und die Frau vorne, die Frau, die ganz Schrei ist in totaler Ich-Einsamkeit. Und da rätsele ich jedesmal, wenn ich das betrachte: wie das denn gemeint ist, daß sich der Schrei in den gefährlich wirren Linien in der Umgebung der Frau, in der Landschaft vorne, auf dem Wasser hinten, auf der Brücke auch widerspiegelt, Wellen und Kurven, alles in Bewegung, als drehe es sich alles wie in einem Karussell. Ist es so, als setze die Frau mit ihrem Schrei sozusagen die ganze Welt in Brand und in Bewegung. Oder ist es umgekehrt so, daß die Umwelt, die gefährlich bewegte Umgebung, die Frau zu ihrem Schrei bringt. Ich weiß es nicht. Aber der Edvard Munch dort, der hat so etwas wie einen fliegenden Vogel in der Bewegung zu Papier gebracht, mehr noch: solche Kunst, die sichtbar aus den Lebenswunden der Existenz entstanden ist, die hat untergründig für mich ganz viel mit dem zu tun, was sich in Leuten abspielt, die als Christen etwas vom Passionsweg Jesu in ihr Leben aufnehmen.

Denn liebe Gemeinde, die ganze Zeit sind wir durch die Betrachtung dieses Bildes bei der Auslegung des Hebräerbrieftextes von heute, bei diesen drei kleinen Versen, die auf unserm Programmblatt neben dem Bild stehen.

Predigen von der Passion Jesu, liebe Gemeinde, seine Leiden für uns begreifen wollen, sie anschaulich machen und in ihrer Tiefe uns nahegehen lassen, da kann es einem Prediger auf der Kanzel leicht so gehen wie dem, der den Vogel beim Fliegen malen wollte und auf dem Papier war’s nur ein läppisches Standbild. Aber wenn unser Text aus Hebräer 5 vom "Schrei" spricht, davon daß Jesus in den Tagen seines irdischen Lebens mit lautem Schreien und mit Tränen seine Sache zuletzt vor Gott brachte mit Bitten und Flehen, dann müßte man ein Munch sein, um das Ganze hier abzubilden – auch in der Predigt...

Die Evangelien, Matthäus, Markus und Lukas besonders, die beschreiben‘s genau so: Zuletzt war er nur noch Schrei, der Eine, an dessen Kreuz alles hängt, nur noch Schrei war er – in jener Atmosphäre des Totenkopfberges Golgatha, der Schädelstätte, wie es in den Evangelien heißt. Und die Luft flimmerte und flirrte, ähnlich wie da auf dem Bild, alles schien sich zu drehen wie eine Achterbahn, und ER mitten drin, war nur noch Schrei und aufgelöst in Tränen, bei seinem Gebetskampf zuerst da im Garten Gethsemane und dann den weg zum Kreuzesberg hoch, da im Elend eines fürchterlichen Todes: Einer der nur noch Schrei ist! Er schreit Warum, so steht’s bei Lukas, und bei Matthäus und Markus, liebe Gemeinde, da mündet’s beidesmal ein in den schrecklichen Satz, der das Ende beschreibt und der lautet: "Und Jesus schrie abermals laut und verschied." Ich hab es in der Bibel nachgeprüft: 62 Mal (!) steht das Wort "schrie" im neuen Testament, und in den Geschichten mit Jesus – da ist es wie eine Kette, daß die Hilfesuchenden, die von bösen Geistern Besessenen und die Kranken zu Jesus kommen und schreien, ihre ganze Not herausschreien, und so oft, so oft, hat er sich ihrer erbarmt, er, der dann selber ganz Schrei war zuletzt, er, der schrie und verstarb.

So wie es da in Hebr. 5 steht, liebe Gemeinde, so weckt’s Erinnerungen an seine Erdentage, an seine Passion und sein Ende. Von Beten und Flehen in seinen irdischen Tagen steht da, von ihm, der ganz Schrei war, der mit lautem Schreien und Tränen alles vor Gott brachte. Und es ist da für den, der es von innen hört, als wär' in diesem Wort "Schrei" die Not der am tiefsten Kaputten und Jesu eigene ganz eng zusammen gekommen, als vermische sich der Schrei der Mühseligen und Beladenen mit Seinem Todesschreien am Kreuz.

Das auszulegen freilich, daß es bis in die Tiefe dringt, da müßte man ein Künstler sein wie Munch es war. Manche Passionsdarstellungen des Gekreuzigten haben das ähnlich erreicht, z.B. die vom sterbenden Jesus am Isenheimer Altar, von der ich Dienstag in der Passionsandacht sprach: wo da ein Bild viel tiefer reinhaut als eine Predigt vom Papier...

Und doch - der Schmerz Jesu da am Kreuz, auch wenn wir es nicht annähernd nachzeichnen können: Beschreiben müssen wir’s!

Auch wenn man es nur von außen betrachtet, ganz von außen, dann merkt man: so wie da bei dem Jesus, der nur noch Schrei ist, in Tränen aufgelöst, so wird nirgends in der ganzen Religionsgeschichte, nirgends in der ganzen Weltgeschichte von Gott gesprochen! Daß Gott selbst "ganz Schrei wird", und mit uns unsern Schmerz trägt, nirgends anders auf der ganzen Welt kannst Du so einen Gedanken finden, ein Gedanke und viel mehr als ein Gedanke! Es ist eine Tatsache, die alles sonstige Reden von Gott und vom Erlangen des Heils völlig und total aus den Angeln hebt!

Man vergleiche es nur mit Buddha im Buddhismus: auch da gibt’s Leiden freilich. Aber am Ende da ist dort das Nirwana, in höheren Sphären erreichbar als Ruhe für den, der sich meditativ hocharbeitet, Leiden abarbeitet und abstreift, und diese Buddhagestalt, die schreit nicht, die lächelt nur grinsend und scheinbar wissend, die ist völlig, elementar anders zu dem, was hier geschieht: mit Seinem lauten Schreien und den Tränen kommt er am tiefsten zu uns runter, macht sich mit uns gemein, mit diesen Schreien und den Tränen, die ganz wie unsre sind...

Wo aber komm ich da vor bei dem Ganzen, wo kommst Du da vor, ob das jetzt noch hier jemand fragt??! Die selber zu schreien hatten in letzter Zeit, z.B., die hören’s vielleicht von der anderen Seite und merken, daß sie mit ihrem ureigenen Schrei längst mitten drin sind in unserm Predigttext, hineinverwickelt.

Genauso nämlich verwickeln die Evangelien das Schreien des Gekreuzigten mit denen, die schrien und denen er geholfen hatte, ihr Kreuz tragen zu können. Und der Hebräerbriefschreiber damals am Ende des ersten Jahrhunderts schreibt unseren Text an seine ersten Hörer und Leser, die in der Zeit der herandrohenden Christenverfolgungen nur zu gut wußten, was solches Schreien bedeutet, solche Tränen und Glaubensproben – solche bewegte, bewegende Angst.

Und jener Schrei, liebe Gemeinde, von dem hier zu predigen ist, der ist nicht ins Leere gegangen: so einmalig der Schrei, so einmalig die Rettung, daß das gleiche Kreuz für die Leute, die im gekreuzigten Gott finden, Zeichen der österlichen Rettung wurde, der Rettung, die sich an diesem Jesus festmacht, an ihm und keinem andern!

Da steht: Er hat an dem, was er litt, Gehorsam gelernt, er hat in seinem "Gehorsam bis zum Tode, ja bis zum Tode am Kreuz", wie es Paulus sagt in Phil. 2, unsere Talsohle durchschritten und uns vorgelebt - und mehr noch! - vorgestorben, wie der Weg ins Leben geht – durch Tiefen und Tränentäler, durch Strecken, die zum Schreien sind, hindurch.

Ich seh' da Situationen, wo Menschen vor mir, deren Leben wie ein einziger Schrei ist: der kleine Junge von 6, der neulich herzzerreißend schrie am Grab seines Opas, die Schwerstkranke, die gar nicht mehr schreit, aber deren Blick der Schreienden von Munch zum Verwechseln ähnlich ist. Ich seh' den Brief vor mir, den ich am Freitag erhielt aus Essen, der ein einziger Schrei war, wo der letzten Juni hier getaufte junge jordanische Moslem Mahmoud Shueib in Todesängsten ist, weil sein Asylantrag abgelehnt ist und ihm die Abschiebung droht, und wie er meint, die Ermordung in Jordanien ist zu erwarten, weil da schon eine Bibel zu haben und eine Beziehung zu Jesus zu haben, Kreuz und Leid nach sich zieht, Todesdrohungen auch in der eigenen Familie und Sippe, und die aktiven Essener Christen dort in Mahmouds Umgebung, die beschrieben, was der es sich kosten läßt, Christ zu sein: und der ganze Brief war wie ein Hilfeschrei, helft mit, auch in Deilinghofen, daß man hier darum betet und gegenanschreit, daß Mahmoud nicht noch in größere Ängste gestürzt wird.

Ja, es ist wie auf dem Bild da: manchmal ist alles nur Schrei, da scheint der vielgenannte "liebe Gott" weit weg zu sein, und ich mit meinem Schreien allein. Und es ist – Gott sei Dank auch wie in dem Text da, daß da zwar nicht der vielzitierte "liebe Gott", sondern der liebende Gott denjenigen, der in den Tiefen gehorsam den Weg geht, an Jesus, dem Urheber der Erlösung, Anteil haben läßt, Anteil an seinem ewigen Heil, Anteil daran, daß wir mit Jesus schreien, Anteil daran, daß wir wie Jesus Hilfeschreienden beistehn, sie betend und handelnd mit ihm verbinden und verbünden, mit ihm, dem Einzigeinen, der weiß was Schreien heißt.

So schließe ich mit den auf dem Textblatt unten stehenden Worten von Johannes Hansen aus Witten, die mich fast 20 Jahre besonders begleiteten und genau in den Zusammenhang gehören; Johannes Hansen, der im Oktober auf der Deilinghofer Evangelisation predigen wird, bekennt:

Wen Gott heilt,
den verletzt Er zuvor.
Wen Gott aufrichtet,
den stürzt Er zu Boden.
Wen Gott erweckt,
den läßt Er vorher sterben. –
Tief reißt Er den Boden auf,
wenn Er Seine Saat
in unser Leben wirft.
Er zersprengt die Fundamente,
auf die wir unser Haus bauten,
wenn Er uns zu seinem Tempel macht.
Ehe wir lachen können,
läßt Er uns bitter weinen.
Männer verlieren ihre Kraft,
damit Er sie gebrauchen kann.
Wenn es Morgen werden soll,
müssen wir vorher durch die Nacht.
In unserm Dunkel
läßt Er Sein Licht aufleuchten.
Gott arbeitet gründlich,
fängt tief unten in uns an,
wenn Er uns verwandelt...
Ach Herr,
Du gehst hart mit mir,
Du tust mir weh,
doch ich danke dir. Amen.