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Abendmahls-Gottesdienst am Reformationstag
unter Mitwirkung des Kirchenchores, Sonnabend, 31.10.1998,
in der Stephanuskirche Deilinghofen
Predigt Römer 3, 22-28:
Gnade sei mit euch und Friede von Gott unserm Vater und unserm Herrn Jesus Christus. Amen.

Wir hören den Predigttext, der für den heutigen Reformationstag in unseren Kirche zu predigen vorgeschrieben ist, Römer 3, 21-28; da schreibt Paulus:
 
Nun aber ist ohne Zutun des Gesetzes die Gerechtigkeit, die vor Gott gilt, offenbart, bezeugt durch das Gesetz und die Propheten. Ich rede aber von der Gerechtigkeit vor Gott, die da kommt durch den Glauben an Jesus Christus zu allen, die glauben. Denn es ist hier kein Unterschied: sie sind allesamt Sünder und ermangeln des Ruhmes, den sie bei Gott haben sollten, und werden ohne Verdienst gerecht aus seiner Gnade durch die Erlösung, die durch Christus Jesus geschehen ist. Den hat Gott für den Glauben hingestellt als Sühne in seinem Blut zum Erweis seiner Gerechtigkeit, indem er die Sünden vergibt, die früher begangen wurden in der Zeit seiner Geduld, um nun in dieser Zeit seine Gerechtigkeit zu erweisen, daß er selbst gerecht ist und gerecht macht den, der da ist aus dem Glauben an Jesus. Wo bleibt nun das Rühmen? Es ist ausgeschlossen. Durch welches Gesetz? Durch das Gesetz der Werke? Nein, sondern durch das Gesetz des Glaubens. So halten wir nun dafür, daß der Mensch gerecht wird ohne des Gesetzes Werke, allein durch den Glauben. 

Liebe Gemeinde, normalerweise habe ich es nicht so mit Philosophen und mit hochgeistig klingenden Beispielen aus der Geistesgeschichte in der Predigt. Aber heute lassen wir es mal eine Ausnahme sein. Ich beginne mit zwei hochprozentigen Zitaten von Philosophen.

Ein Philosoph der alten Griechen in der Antike sagte einmal: "Gib mir einen Punkt, auf dem ich stehen kann, und ich werde die Welt aus den Angeln heben." Und der spitzzüngige Philosoph Lichtenberg meinte in seiner Zeit: "Wenn ein Buch und ein Kopf zusammenkommt, und es klingt hohl, dann muß nicht immer das Buch schuld dran sein..." "Gib mir einen Punkt, auf dem ich stehen kann, und ich werde die Welt aus den Angeln heben." / "Wenn ein Buch und ein Kopf zusammenkommt, und es klingt hohl, dann muß nicht immer das Buch schuld dran sein."

Wissen Sie, beide Sätze, die ich zitierte, haben für mich ganz viel mit Martin Luther zu tun, sie haben ganz viel mit der Sache des Reformationstages zu tun und mit uns angesichts des heutigen Textes aus Römer 3! Ich will’s versuchen, gar nicht hochgeistig, sondern sehr einfach zu erklären, indem ich es erzähle.

Da ist ein Mann mit einem Kopf und ein Buch, ein Mann mit Köpfchen und das Buch dort: beides kommt zusammen – und es klingt: nein, gar nicht hohl! Das wäre falsch! Bei uns ist es oft so, daß unser Kopf mit der Buch der Bibel zusammen kommt und es hohl klingt. Bei diesem Mann von dem ich erzähle, dem Mann mit Köpfchen, dem Bruder Martinus, war es anders: Sein Kopf stieß mit dem Buch zusammen, und es ergaben sich innere Wunden, sehr häufig, es klang oft dumpf, es tat weh, und es war oft, wie wenn da spitze Widerhaken drin wären, die sich in ihm festhakten, in unserem Bruder Martinus, dem Mönch und Meister der Auslegung des neuen und des Alten Testaments, was sein Job war und seine Aufgabe an der Uni: daß er von diesem Buch was rüberbringen mußte den Wittenberger Studenten. Ein Bilderbuchchrist schien er zu sein, Mustermönch und kluges Köpfchen, in allen kirchlichen Sachen bewandert! Doch das, was da bohrte, das ließ ihn nicht in Ruhe, wenn sein Kopf und das Buch zusammenstießen, und in einer Frage kam das alles zusammen: Wie kriege ich einen gnädigen Gott? Wo habe ich den Punkt, auf dem ich fest stehen kann, nein, nicht um die Welt aus den Angeln zu heben, vielleicht, aber immerhin: wo ist der Punkt, auf dem ich stehen kann. Vor Gott steh'n, vor Gott bestehen, der doch da überall in diesem Buch der Bibel als der gerechte Gott, der Gerechtigkeit fordernde Gott gekennzeichnet wird. Der Gerechtigkeit fordernde Gott, für diesen Luther auf seiner Suche nach dem festen Punkt ein schwindelerregender Gedanke, ein Trauma sogar nahezu!

Bilderbuchchrist auf der andern Seite, sagte ich, und so hätte er es sich auch sagen können, der Bruder Martinus: ich tu' doch jede Menge, brauch keine Hölle und Gericht zu fürchten – wenn alle doch mal so viel täten wie ich: ihr Leben Gott opfern im Kloster, Bibel lesen ohne Ende, kirchlich korrekt sein, in dieser Kirche, in der es die vielen strengen Vorschriften gibt, aber auch jene erleichternden Scheinchen, die Ablaßbriefe, wo man sich seinen Seelenfrieden erkaufen kann und ein gutes Werk noch tut für die Sache der Kirche.

Und ich kann meine Erzählung hier abbrechen: das kennen Sie doch alles, das kennen Sie aus dem "ff", daß dann genau unser Römerbrief es war, der eine Riesenwende herbeibrachte bei dem Mönch Martinus, genau unser Wort "Gerechtigkeit Gottes", wie der Apostel Paulus es im Römerbrief schreibt, und bei dem Wort macht es auf einmal "Klick" bei ihm. Tausendmal berührt, tausendmal nichts gespürt, plötzlich: da hat es bumm gemacht! Bumm macht es, als da ein Kopf mit einem Buch zusammenstößt und das Ergebnis sehr anders auf einmal zu Herzen geht! Da klingt nichts mehr hohl und nichts mehr dumpf und nichts mehr wehtuend, bei diesem Wort, da hat er den Punkt, der das alte System mit seinen faulen Kompromissen und Heucheleien aus den Angeln hob. Luther beschrieb seine Wende einmal fast wörtlich so:

"Gerechtigkeit Gottes - durch Brauch und Übung aller Doktoren war ich falsch ausgerichtet worden, als sei es philosophisch: als müßte ich Gerechtigkeit tun, um gerecht zu werden... Ich aber konnte den gerechten, die Sünde strafenden Gott der Bibel nicht lieben, ich mußte ihn hassen, obwohl ich ein untadeliger Mönch war... --- Da erbarmte Gott und im Römerbrief las ich: aus Glauben schafft Gott Gerechtigkeit, der Gerechte wird aus Glauben leben! (Römer 1, 17) Durch den Glauben - nun fühlte ich mich ganz und gar neu geboren: die Tore hatten sich mir aufgetan; ich war in das Paradies selber eingegangen. Da zeigte sich mir sogleich die ganze Heilige Schrift ein anderes Gesicht".

Ja, liebe Gemeinde, und besonders unser Text von heute, der bekam für diesen Bruder Martinus ein ganz besonderes Gesicht, das war sein Schlüsseltext, sein Leib- und Magentext, wie wir unschwer erraten können. Haben Sie es noch im Ohr und im Gedächtnis?

Nun aber ist ohne Zutun des Gesetzes die Gerechtigkeit, die vor Gott gilt, offenbart und bezeugt durch das Gesetz und die Propheten, die Gerechtigkeit vor Gott, die kommt durch den Glauben an Jesus Christus zu allen, die glauben.

Das wurde "Luthers Ding", so wie es gemeint war - von Paulus und wie es die Kirche unter dem Schutt ihrer ach so ehrwürdigen Tradition begraben hatte - und statt dessen 1000 Gesetze und Normen und gute Taten als Weg zu Gott bestimmt hatte und Ablaßscheine und Papstesregeln dazu. --- Nein, ich erzähle hier nicht weiter, nichts von den 95 Thesen an der Schloßkirche von Wittenberg heute vor 481 Jahren, nicht vom Reichstag in Worms vor Kaiser und Reich, als Luther ja wörtlich sagte: "Hier stehe ich", und auf dieser Position bleibe ich, und wo er die Gewißheit hatte, eben den Punkt zu haben, auf dem er stehen konnte, weil vorher ein Buch und ein Kopf zusammengekommen war und in ihm alles verrückt hatte, reformiert, d.h. verrückt und zurechtgerückt.

Ich erzähle das nicht weiter hier, liebe Gemeinde, weil schon Paulus in unserm Text heute schreibt, wer von der Gerechtigkeit richtig redet, der kann sich nicht rühmen, der soll auch nicht in hehren Worten Luther rühmen, was für ne große Nummer er war. Zu einem Denkmal dieser Art hat man ihn oft werden lassen, dann trutzig den Protestantismus rühmend, sein: "Ein feste Burg" gesungen und seinen Protest darüber vergessen: daß in unserer Kirche das Evangelium alles verrückt, zurechtrückt, reformiert - heute! --- Deswegen setze ich die Predigt jetzt "verrückt" fort. Sie zielt nämlich sofort nach Deilinghofen - direkt in unsere Evangelisationswoche hinein, da leuchtet der Text aus Römer 3 in unsere Situation rein und zeigt auf einmal auf: Hier muß es zum Treffen kommen, nicht bei Histörchen des 16. Jahrhunderts.

"Verrückt! Verrückt ist gut!", das sagte sinngemäß vorgestern abend im Martin-Luther-Haus im Evangelisationsvortrag Jürgen Blunck aus Essen zu dem Thema: "Der feste Grund!" Er machte es an einem Beispiel plastisch deutlich, daß man seinen Grund verrücken kann und es nach dem Verrücktsein gut wird! Da hatte seine Essener Kirchengemeinde den Bauplan für das neue Haus Gottes dort fertig mit allen Architektenzeichnungen und ein Grundstück war auch da. Aber in letzter Minute zeigte sich - Gott sei Dank! - daß der Baugrund in dieser Kohlegegend an der Stelle durch Bergschäden supergefährlich war - die Kirche würde dort zusammenbrechen, kollabieren, und einen Tick weiter auf dem gleichen Grund und Boden, da war Fels, auf diesen Grund konnte man bauen und baute man. Verrückt ist gut - das sieht man da! Verrückt ist gut, wenn man sich da den Grundplan noch verrücken läßt, wirklich den Punkt nimmt, auf dem man stehen kann, den Punkt, auf den ich mein eigenes Haus bauen kann, den Grund, auf dem unsere Gemeinde Gemeindeaufbau leisten kann, der Grund, auf dem die Kirche Kirche wird und Kirche bleibt.

Vielleicht nie zuvor hatte die Kirche Reformation nötiger als heute: heilsame Verrückung des Grundes - neu alles bauen auf den Grund, auf die Gerechtigkeit Gottes ohne des Gesetzes Werke, allein im Glauben an IHN, der am Kreuz von Golgatha Grund gelegt hat. Er der Grundlegende muß so oft eine jämmerliche Nebenrolle spielen! Und stattdessen haben wir die Ablaßscheine von heute, die Geldscheine und die Taufscheine und den Kirchenbetrieb, mit denen wir meinen vor Gott richtig zu sein. Kein bißchen anders - im Letzten als damals im Mittelalter.

Kurzum: der Punkt, wo Reformationsfest zu begehen ist, ist hier und nirgends anders, daß Gott uns hier zum Reformationsfest einlädt durch diesen zentralen Paulustext aus Römer 3 heute abend, daß er uns einlädt, nach dem eigenen Grund unseres Lebens zu fragen, nach dem Punkt, auf dem wir stehen können, daß es hier genauso ist: daß da ein Text aus einem Buch und ein Kopf zusammenstößt und es vielleicht hohl klingt, hohl und wer weiß wie sonst, daß es aber stattdessen "Klick" machen kann, und wir merken: Luthers entscheidende Frage ist unsere, ist die Frage nach dem Sinn unseres Lebens: Wie wird ich auf gute Weise verrückt und kriege Grund unter die Füße, "Wie kriege ich einen gnädigen Gott?"

Liebe Gemeinde, manche schlau sich Fühlenden - auch unter den Theologen - sagen: in Luthers 16. Jahrhundert wäre es noch relativ harmlos gewesen, der Luther hätte noch die relativ fromme Frage nach dem gnädigen Gott gestellt, heute am Ende des 20. Jahrhundert wäre es radikaler: da hieße die Frage: Gibt es Gott, wo ist Gott, wo ist der Sinn des Lebens?

Ich glaube das nicht: die Frage kann sich verkleiden, wie sie will, es ist im Kern immer die gleiche Frage, die sich radikal dem Luther stellte: Wo habe ich den Grund unter meinen Füßen, auf welchem Felsen kann ich stehen, wo bleibst du, gnädiger Gott? Und die Antwort ist auch keinen Deut schwerer geworden als damals und keinen Deut anders: Gottseidank, Christus lebt und hat das Leben, und Du darfst verrückt werden, verrückt in deinen Grundfesten, du Einzelner und Einzelne darfst neu auf diesen Christus bauen, du, Kirche darfst verrückt werden und neu auf diesen Christus bauen, er, der deine Gerechtigkeit ist, er, der am Kreuz für dich starb, und ewiges Leben, den Sinn des Lebens dir erwarb: setz auf diesen Grund, und dein Leben braucht sich nicht mehr zu verlassen auf Taufscheine und Konfirmationsscheine und die Geldscheine und die andern Ablaßscheine, dein Christsein braucht sich dann nicht mehr zu verlassen auf all das heutige Scheinchristentum mit den Traditionen, die heute Mode sind - bis dahin daß man sich auf Versicherungsscheine und -Policen, auf Erspartes und auf Erworbenes und andere gute Werke und eigne Aktivitäten verläßt, als wär das Nr. 1 im Leben.

Verlaß dich auf den, an den man glauben kann, auf seine Gerechtigkeit. In diesem Sinn, da dürfen Protestanten, da dürfen Jesusleute dagegensetzen, was Paulus schreibt und Luther wie ein Verstärker laut machte, unüberhörbar laut: So halten wir nun dafür, daß der Mensch gerecht wird ohne des Gesetzes Werke, allein durch den Glauben.

Auch das nicht als Angeberwort, wie es manchmal sich anhört, als wären wir mit unserm bißchen Gemeindeleben die ach so tolle Kirche. Nein anders, so wie es Paulus schreibt im heutigen Text, wir sind: allzumal Sünder und mangeln des Ruhmes, den wir bei Gott haben sollten, und werden ohne Verdienst gerecht aus seiner Gnade durch die Erlösung, die durch Jesus Christus geschehen ist - in seinem Blut, damit er die Gerechtigkeit, die vor ihm gilt, schenke, indem er Sünde vergibt.

Ich denke da an den 17jährigen, der zusammen mit drei Frauen in den Vierzigern heute vor diesem Gottesdienst evangelisch geworden ist. Sie sollen hier nicht die tolle Kirche finden, die Mustergemeinde, sie sollen den Grund ihres Lebens finden, den Punkt, auf dem man stehen kann, sie sollen in ihrem Leben den gnädigen Gott finden, Christus, den Grund und den Sinn ihres Lebens: seine Gerechtigkeit, seine Liebe, die uns in unseren Abgründen hält - bei 17jährigen in ihren bedrängenden Lebensfragen, bei welchen in den 40ern, bei andern, die Gott verloren haben und sich in ihrer Schuld und ihrem Leid verloren fühlen! Hier in Christus, auch im Abendmahl jetzt bei Brot und Wein, ist "der Grund, auf dem man stehen kann", da ER die alte Welt "aus den Angeln gehoben hat" und alles "verrückt" hat - in Richtung auf Sein Reich, das kommt. Amen.

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