"Innere Herzensfrömmigkeit" - Pfarrer Karl Kunsemüller:
nur neun Jahre in Deilinghofen (1870 bis 1879),
aber viele Spuren hier hinterlassen…

Im "Deilinghofer Käseblättchen" November 2016
von Friedhelm Groth

 

Aus Sümmern hier die neue Schleichwerbung für das "Deilinghofer Käseblättchen" - http://www.kaeseblaettchen.de
(Dies ist ein Originalartikel - zum Thema Kunsemüller und Deilinghofen war noch nie im Internet oder gedruckt etwas Eigenes zu finden...)

Als PDF findet man diese Seite mit den Bildern HIER

Im September-Käseblättchen dieses Jahres stellten wir den Junggesellen Pfr. Limborg vor, der von 1835 bis 1870 im Dorf am Felsenmeer Pfarrer war und der unter anderem für die spektakuläre Totalrenovierung der Stephanuskirche sorgte und es politisch in die Wege leitete, dass die wichtige "Kunststraße" ins Hönnetal gebaut wurde.
1870/71 - das waren bekanntlich für Preußen, für Deutschland historisch denkwürdige Jahre: in dieser Zeit siegte man im deutsch-französischen Krieg, und ab 1871 war Wilhelm I. erster Deutscher Kaiser im neuen Deutschen Reich. In dieser Zeit kam im Februar 1870 ein recht junger Theologe als Limborg-Nachfolger nach Deilinghofen: Karl Kunsemüller mit seinen gerade 25 Jahren. In einer alten Chronik unseres Kirchenarchiv heißt es zu ihm: "Dieser wurde von der Pastoralhülfsgesellschaft nach Deilinghofen gesandt. Er war ein Pietist, d.h. er besaß innere Herzensfrömmigkeit. Er führte Missionsfeste und Bibelstunden ein. Auch verbreitete er christliche Lektüre in der Gemeinde, besonders das Ravensbergische Monatsblatt."
Wer war dieser Karl Kunsemüller? Man kann sagen, das war nicht irgendwer; das war ein Mann kirchengeschichtlich hoch interessanter Herkunft!
Denn sein Geburtshaus war ein sehr besonderes Pfarrhaus in Preußisch-Oldendorf in Ostwestfalen, in dem er am 12.1.1845 geboren wurde. Sein Vater hieß wie er auch Karl Kunsemüller, und dieser Vater Karl Kunsemüller war sehr bekannt! In der damaligen Minden-Ravensbergischen Erweckungsbewegung war Karl Kunsemüller sen. (1804 bis 1879) an der Seite seines Herzensfreundes Pfarrer Johann Heinrich Volkening (1796 bis 1876; Bild links), dem Haupt der dortigen Erweckungsbewegung, eine geachtete Führungsgestalt beim dortigen geistlichen Neuaufbruch innerhalb der evangelischen Kirche. Man kann sagen: Volkening und Kunsemüller bildeten dort ein Tandem - Volkening als der vollmächtige Prediger, der viele begeisterte, und Kunsemüller, der ab 1852 auch als Superintendent in Lübbecke wirkte, dann als die Bewegung unterstützender Mann der kirchlichen Obrigkeit.
Zwei der Söhne des alten Kunsemüller wurden Pfarrer, Friedrich Kunsemüller, geb. 1839 und dessen gut sechs Jahre jüngerer Bruder Karl, der dann ab 1870 nach Deilinghofen ging. Und der berühmte Pfarrer Volkening machte mit Sicherheit häufig Besuche im Elternhaus der Künsemüller-Söhne und trug wohl maßgeblich auch zu deren geistlicher Prägung und Ausrichtung bei.
Der Pfarrersohn Karl besuchte das Gymnasium in Gütersloh, wo er 18-jährig 1863 das Abitur machte und dann Theologie in Halle an der Saale und Erlangen studierte. 1867 bestand er sein Examen, woraufhin er in seiner Heimatregion bis 1869 Hilfsprediger in Bergkirchen wurde.
"Ein Pietist, einer mit Herzensfrömmigkeit", so fasst all das die oben genannte Deilinghofer Chronik das Wirken Kunsemüllers zusammen. Und was dann alles von seinen Aktivitäten in Deilinghofen genannt wird, trägt alles die "Handschrift" der Minden-Ravensbergischen Erweckungsbewegung. Da steht, dass Bibelstunden und Missionsfeste begonnen wurden. Die legendären Deilinghofer Missionsfeste in Stephanopel (das Käseblättchen berichtete darüber ausführlich; vgl im Internet auch http://www.missionsfeste.stephanopel.de) gehen sicherlich auf unseren Kunsemüller zurück, und in dessen Heimatregion waren die neu eingeführten Missionsfeste die Markenzeichen der Bewegung (genauso wie wie auch die Posaunenchöre; der ebenfalls legendäre "Posaunengeneral" Johannes Kuhlo!).
Die "Ravensbergischen Monatsblätter", die Kunsemüller in Deilinghofen bekannt machte (siehe oben), waren auch ein typisches Organ der dortigen Erweckungsbewegung (Pfarrer Wilhelm Gröne übrigens hat in seiner Examensarbeit, die auch gedruckt vorliegt, über diese für die Bewegung wichtigen und typischen "Ravensbergische Monatsblätter" geschrieben).
Nebenbei ist zu erwähnen, dass sie bei Bertelsmann gedruckt wurden und dass der berühmte Verlag Bertelsmann in Gütersloh sehr fromme Wurzeln in der Minden-Ravensbergischen Erweckungsbewegung hatte. Ebenfalls liegen die Wurzeln der von-Bodelschwingh'schen Anstalten von Bielefeld-Bethel in der gleichen Erweckungsbewegung.
Der junge Pfarrer Karl Kunsemüller kam wie sein Vorgänger als Junggeselle ins Alte Pastorat in Deilinghofen, aber nach fünf Jahren heiratete er und nahm die Anna Bremer aus Altena, die aus einer reichen Kaufmanns- und Bankiersfamilie stammte, zur Frau. Die Hochzeit fand am 14. Juni 1875 statt.
Zwei wichtige öffentliche Entwicklungen in Deilinghofen fallen in die Amtszeit und mit in die Verantwortung von Pfr. Kunsemüller: Nach längerer Vorbereitung wurde 1874 die neue Schule an der Hönnetalstraße errichtet (das alte Haus heute zwischen Café Herrmann und dem Martin-Luter-Haus-Parkplatz). Die alte Schule, ein 1800 erbautes Fachwerkhaus an der Stelle des heutigen Ehrenmals vor der Stephanuskirche, wurde, wie das Käseblättchen schon mehrfach erwähnte, nach Apricke, Im Beil 21 "exportiert", wo es in das heutige Wohnhaus "eingebaut" ist. Lehrer, Küster und Organist in Deilinghofen war seit den 1870er unter anderen Friedrich-Wilhelm Schauff, der diese Ämter bis 1920 innehatte und in Deilinghofen auch im Blick auf kirchliche Prägung Spuren hinterließ.
Die andere öffentliche Entwicklung in Deilinghofen in Kunsemüllers Zeit betrifft den neuen Friedhof: bis dahin hatte ja der Kirchhof rund um die Stephanuskirche als Friedhof gedient; dort sieht man ja heute noch die Grabmäler von Kunsemüllers Vorgängern Basse und Limborg. In der kurzen Aera Kunsemüller wurde auch die Errichtung des Neuen Friedhofs in Angriff genommen: der heutige zum Ortsausgang an der Hönnetalstraße. 1878 wurde er eingeweiht.
Kunsemüller und seine Verwandten (anzunehmen ist: die reiche Verwandtschaft in Altena) schenkten für den neuen Friedhof das eindrucksvolle Steinkreuz von 1879, das in der Mitte des Friedhofs Platz fand. Wilhelm Gröne erläuterte dazu, dass in der Tradition seiner ostwestfälischen Heimat solche Steinkreuze ganz zentrale Bedeutung hatten: Jeder Beerdigungszug hatte an diesem Steinkreuz vorbeizugehen.

Und das Kunsemüller-Kreuz in der Mitte des Deilinghofer Friedhofs war dem, der diese Zeilen schrieb, nach schweren Beerdigungen oft eine lebendige Predigt, denn, da vorbeigehend, konnte und kann man lesen, worauf es ankommt: da steht das Jesus-Wort aus Markus 16 als "eigene Predigt in Stein", dass Himmel und Erde vergehen und Seine Worte nicht - und oben auf dem Querbalken des Kreuzes das Wort aus der Offenbarung: "Selig sind, die in dem Herrn sterben!" Beides Worte, die auch im düsteren Trauermonat November 2016 Geltung beanspruchen!
Sehr bald nach Einweihung des Friedhofs folgte Kunsemüller folgte 1879 34-jährig einem Ruf nach Rehme (heute ein Teil von Bad Oeynhausen), wo er Pfarrer wurde (und schon am 10.10.1887 starb).






Seine letzte in der Stephanuskirche gehaltene Predigt liegt gedruckt vor (bei Bertelsmannin Gütersloh gedruckt, natürlich!); diese Abschiedpredigt vom 10.8.1879 ist sehr eindrucksvoll und zeigt, dass Kunsemüller ein tief gegründeter Gottesmann war, der seine Gemeinde sehr liebte. Text ist übrigens 2. Kor. 13, 13, das gleiche Segenswort, das auch FG bei seiner Abschiedspredigt zugrunde lag.