Einiges über die Stephanopeler Missionsfeste in der Deilinghofer Heimatgeschichte
(Ende des 19. bis Mitte des 20. Jahrhunderts)
 

Von Friedhelm Groth     

(für das "Deilinghofer Käseblättchen", Ausgabe Oktober 2018 - mit einigen Zugaben)

Besuchende seit dem 19.10.2018
 

Druckversion PDF-Datei (5 Seiten - original nach dem "Käseblättchen") HIER

Vgl. zur hier vorliegenden Darstellung die verwandte ältere Webdarstellung zum gleichen Thema: 
www.missionsfeste.stephanopel.de ("Unterseite" von www.stephanopel.de)
 

 




Missionsfest bei Rohländers am "Haus Stephanopel": Stehend Paul Rohländer (Vater von Siegfried Rohländer, verstorbener erster Ehemann von Brigitte Rohländer-Groth),
sitzend (links neben dem Gast aus Indonesien) Paul Rohländers Bruder, der blinde Ernst Rohländer, Vater der späteren Elisabeth Müller




"Missionsfeste" - eine Hinführung…
ZDF-Sportmoderatorin Katrin Müller-Hohenstein erregte bei der Fußball-WM 2010 Aufmerksamkeit mit ihrer Bemerkung, es sei ein "innerer Reichsparteitag" für den damals umstrittenen Stürmer Miroslav Klose gewesen, beim Auftaktspiel gegen Australien das Tor zu treffen (vgl.
https://de.wikipedia.org/wiki/Innerer_Reichsparteitag). Sie wollte damit sagen, das besagte Tor sei eine große Genugtuung für Klose gewesen - und benutzte diese fragwürdige Redewendung aus Deutschlands schlimmer Zeit, die bis heute bekannt und bei manchen gebräuchlich ist.
Weniger bekannt und gebräuchlich ist es, wenn man ziemlich das Gleiche mit dem Begriff: "Das war mir ein inneres Missionsfest" bezeichnet: Das heißt auf Deutsch: "Ich habe es mit Stolz und innerer Genugtuung aufgenommen, dass dieses und jenes so und so war".
Was dem einen aus der Nazizeit der "Reichsparteitag" war, war dem anderen - auch ein "emotionales Highlight-Erlebnis", diesmal aus dem christlich-pietistischen Bereich - ein "Missionsfest". Diese Redewendung "inneres Missionsfest" hat es sogar bis in den Duden geschafft, zumindest in den 2015 erschienenen Duden-Band "Redewendungen: Wörterbuch der deutschen Idiomatik" von Werner Scholze-Stubenrecht und Wolfgang Worsch, vgl. S. 507.
Evangelische Deilinghofer in früheren Jahren hatten sicherlich öfter Anlass, diese inzwischen veraltete Redewendung vom "inneren Missionsfest" zu gebrauchen. Denn damals sprach man hier in der Gegend öfter von Missionsfesten: im Dorf und rings herum erfreuten sich Missionsfeste einer sehr großen Beliebtheit. Heute würde man sagen: Missionsfeste waren Kultevents, und damit meinte man bei uns die bekannten und beliebten Deilinghofer Missionsfeste in Stephanopel, die als fromme Großereignisse für evangelische Christen etwas Ähnliches waren wie heute Kirchentage.

Mission: die Kirche nicht nur "immer im Dorf lassen"...
Wenn wir hier von Mission sprechen, können wir freilich von vornherein einen Zwiespalt nicht ausblenden. Die sog. "Heidenmission" wird ja oft angeklagt (und leider z.T. zu Recht), zur kolonialistischen Unterdrückung fremder Länder beigetragen zu haben. Umgekehrt freilich ist ebenso zu bedenken, dass missionarisches Engagement unerhört viel Segensreiches über Ländergrenzen hinweg angestoßen hat.
Was Deilinghofen und Umgebung betrifft, so liegen uns z.B. Predigten aus dem Nachlass des hiesigen Pfarrers Wilhelm Niederstein am Anfang des 20. Jahrhunderts vor, die dieser bei Missionsfesten gehalten hat. Es sind anspruchsvolle gute missionarische Predigten mit theologischem Augenmaß, die uns sein Enkel, der Theologe Dr. Helmut Schmidt, zur Verfügung stellte (Beispiel hier). Schrille kolonialistisch-ideologische Töne sind darin nicht zu finden, so wie der gleiche Niederstein ja auch zum ersten Weltkrieg eine längere Abhandlung schrieb, in der er zeigte, dass es in seiner Zeit auch Pfarrer gab, die strikt dagegen waren, die Waffen zu segnen.
Entsprechend bedeutete "Mission" auch für damalige Missionsfreunde nicht unbedingt religiösen Fanatismus, sondern für Mission einstehen, das war oft Ausdruck engagierten, regen und opferbereiten Christseins und bedeutete außerdem eine große geistliche und geistige Horizonterweiterung. Das betrifft auch die Missionsfeste in Stephanopel. Das Gelände am alten Patrizierhaus im Stephanopeler Tal war alljährlich auch ein ökumenischer Treffpunkt, an dem sich Gleichgesinnte über Gemeindegrenzen hinweg trafen, wo man in Berührung kam "mit der großen weiten Welt". Farbige aus den Missionsgebieten, Christen aus Afrika und Asien, waren auf dem Gelände zu sehen und kennen zu lernen. Mein alter Religionslehrer Heinz Finking (85) erzählte mir, dass er bei einem ähnlichen Missionsfest in seiner Heimat Hagen als Schüler zum ersten Mal einen Farbigen ("… einen Neger sagte man damals noch") gesehen habe. Und dieses Kindheitserlebnis trug wesentlich dazu bei, dass Finking später - fasziniert von ökumenischer Horizonterweiterung über Grenzen hinweg - in den Missionsdienst zu den Bataks nach Sumatra ging und uns Schülern Aufregendes davon erzählte.
Jedenfalls war der Weg zum Missionsfest nach Stephanopel ein Zeichen dafür, dass man die Kirche nicht nur nach alter Väter Sitte "im Dorf lassen" wollte, sondern sie als eine grenzüberschreitende Bewegung verstand, die Kreise zog.

Deilinghofer Pfarrer und das Thema Mission (und auch: Missionsfeste)
Die bisherige Darstellung der Deilinghofer Pfarrer im "Käseblättchen" hatte beim bedeutenden Pfarrer Gottfried Dümpelmann (in Deilinghofen von 1765 bis 1791 -
im "Käseblättchen" an der genannten Stelle zwei Artikel über ihn und seine Zeit: Mühle Sundwig und Stephanopel als "Außenstellen" der Deilinghofer Gemeinde) eingesetzt, dem Erbauer des Alten Pastorats und großen Förderer des Herrnhuter Pietismus. Wir hatten auch gezeigt, wie diese pietistische Erneuerungsbewegung von Deilinghofen aus z.B. auch den zu Deilinghofen gehörenden Kirchenkotten der späteren Sundwiger Mühle umfasste und auch die 1771 gegründete Garn-bleiche Stephanopel und das dortige Patrizierhaus, das u.a. mit den Mitteln des aus Sundwig stammenden Großunternehmers (und Sklavenhändlers) Friedrich von Romberg (1729 bis 1819 - mehr zu Friedrich von Romberg HIER) erbaut war. Friedrich von Romberg freilich wohnte nie in Stephanopel, sondern dort war es der fromme Herrnhuter Christ Caspari, der im Patrizierhaus wirkte und als "Faktor" arbeitete. Mission war bei den Herrnhutern seit jeher ein wichtiges Anliegen: Der große pietistische Kirchenerneuerer Nikolaus Ludwig Graf von Zinzendorf (1700 bis 1760) war mit seinen Herrnhutern früh schon stark auf den Missionsfeldern aktiv und engagiert - und auch Herrnhuter in der Grafschaft Mark wurden Missionare bei den Herrnhutern, z.B. der Labrador-Missionar Friedrich Erdmann (1710 bis 1774) aus Ihmert.
Eine ähnliche erwecklich-missionarische Ausrichtung der Gemeindearbeit hat es immer wieder in Deilinghofen gegeben, wie auch die bisherige Darstellung im Käseblättchen zeigt. Zum Beispiel las man in der Kirchenchronik zu dem Deilinghofer Pfarrer Karl Kunsemüller (Bild rechts; im Pfarramt hier von 1870 bis 1879): "Dieser wurde von der Pastoralhülfsgesellschaft nach Deilinghofen gesandt. Er war ein Pietist, d.h. er besaß innere Herzensfrömmigkeit. Er führte Missionsfeste und Bibelstunden ein. Auch verbreitete er christliche Lektüre in der Gemeinde, besonders das Ravensbergische Monatsblatt." Im Artikel über Kunsemüller beschrieben wir im Käseblättchen, wie stark dieser durch sein eigenes Elternhaus geprägt war, denn sein Vater Karl Kunsemüller sen. war als Superintendent in Ostwestfalen Mitstreiter mit seinem engen Freund Johann Heinrich Volkening (1796 bis 1877), dem führenden Theologen der Minden-Ravensbergischen Erweckungsbewegung. Dort waren seit den 1840er Jahren große Missionsfeste sehr beliebt (vgl. im Anmerkungsteil wie Arbeiten von Walter Moritz), und überall schlossen sich Missionsfreunde zur Unterstützung der Äußeren Mission zusammen. Man wird es so sehen können, dass Karl Kunsemüller jun. dies christliche Erbe aus seiner ostwestfälischen Heimat mitbrachte nach Deilinghofen.
Eine auffallend ähnliche geistliche Ausrichtung wie Kunsemüller besaßen dann weitere Deilinghofer Pfarrer der Folgezeit, allemal die beiden Josephsons "Vater und Sohn", die in Deilinghofen wirkten. Dabei war der Vater Carl Ludwig Josephson in der "Zeit nach Deilinghofen" im frommen Barmen-Wupperfeld Pfarrer, und der Sohn Max Johannes Josephson (später der Deilinghofer "CVJM-Gründer") wurde an diesem Ort geboren, während der hiesige Nachfolger nach Max Josephson Pfarrer August Witteborg (Bild links) wurde, wieder erst Pfarrer in Deilinghofen und danach ebenfalls Barmen-Wupperfelder Pfarrer. Dieser August Witteborg - so zeigten wir - war ganz und gar ein Mann der Mission: er schrieb Bücher zum Thema Mission, hielt viele Vorträge dazu und war zudem in den Jahren von 1924 bis 1934 sogar Vizepräses der Rheinischen Missionsgesellschaft. So könnte man die Deilinghofer Pfarrer weiterverfolgen: Witteborgs Nachfolger in Deilinghofen Paul von Ciriacy-Wantrup ging nach seiner Deilinghofer Amtszeit nach Langenberg, wo er die Tochter des Kommerzienrats und Fabrikanten D. Emil Colsmann heiratete, der in der Geschichte der Rheinischen Mission eine maßgebliche Persönlichkeit war: bis 1919 war Colsmann Vizepräses und danach von 1919 bis 1930 Präses dieser Missionsgesellschaft (aus der danach die VEM wurde). Dass Ciriacy-Wantrups Deilinghofer Nachfolger Wilhelm Niederstein in Missionsfragen engagiert war, kam oben schon vor. Man wird sagen können, dass dieses Thema bis hin zu Pfarrer Karl Gobrecht und zu von uns dargestellten Geschichte der Deilinghofer Lehrerfamilie Schauff durchgängig wichtig blieb.


 
 

 


    

Ernst Rohländer ("der blinde Onkel Ernst") beim Missionsfest am "Vorstandstisch" - zusammen mit seinem ausländischen Gast, dahinter mit dem Tablett Margarete Rohländer (Tochter von Paul Rohländer und älteste Schwester von Siegfried Rohländer); rechts: neueres Bild des Hauses Stephanopel (ohne die schöne Vortreppe).
Oben drüber: das Bild noch mit der Treppe - und mit dem Halbrelief über dem Haupteingang "Zum Vorgebirge der guten Hoffnung"; zu der Interpretation des Halbreliefs FGs Versuch
HIER
)

 

"Haus Stephanopel", der Ort der Missionsfeste, seit 1890 im Besitz der Rohländers
Der Fabrikant Hermann Rohländer (1860 bis 1924) erwarb anno 1890 das Patrizierhaus, das "Urhaus" von Stephanopel, das kirchlich übrigens bis 1953 zur Deilinghofer Kirchengemeinde gehörte. Zur Zeit - im Jahr 2018 - geht die "Ära Rohländer" nun zu Ende, da das inzwischen das Haus zum Kauf ansteht.
Hermann Rohländer, seine Familie und deren Nachkommen boten in ihrem Haus und im Gelände um ihr Haus herum den Missionsfesten ein gutes gastliches Zuhause. Dabei passt dieses Engagement zur bewusst christlichen Glaubensausrichtung vieler in Familiemitglieder. Jahrzehntelang wurden dort auch einmal im Monat sonntags Hausgottesdienste gehalten. Und die Beziehungen zur Kirchengemeinde Deilinghofen waren eng (Sohn Paul Rohländer war Presbyter).
Schon in der Zeit "vor Rohländers" hatte wohl das Haus - wie wir erschlossen - eine ähnliche christliche Prägung. Doch das Herrnhutisch-Missionarische zuvor wurde nun abgelöst durch Einflüsse aus der Rheinischen Mission. Bei den Missionsfesten in Stephanopel spielten Christen der Rheinischen Mission eine große Rolle. In einem undatierten Zeitungsartikel über ein Missionsfest (war nach dem zweiten Weltkrieg und vor 1954) kann man nachlesen:
"Stephanopel. Von herrlichstem Sommerwetter begünstigt, fand auf den bekannten Terrassen der Rohländerschen Besitzung in althergebrachter Weise das diesjährige Missionsfest statt. Im Jahr 1889 war es ins Leben gerufen worden, erfuhr nur durch die beiden Weltkriege einige Unterbrechungen und konnte so jetzt zum 52. Mal stattfinden.
Es hat sich in all den Jahren großer Beliebtheit erfreut und auch der diesjährige außerordentlich starke Zuspruch der Missionsfreunde aus Hemer, Westig, Sundwig, aus Deilinghofen, aus Ihmert, Dahle und Balve bewies, daß es seine alte Zugkraft nicht eingebüßt hat".

 


Hauptredner an jenem Nachmittag - so steht da weiter (siehe oben!) - war übrigens der bekannte Missionsinspektor Dr. Gustav Weth (1901 bis 1971) von der Rheinischen Mission, mit dessen Sohn, dem Theologen Dr. Rudolf Weth (Neukirchen-Vluyn), der Schreiber dieser Zeilen seit langem in Kontakt ist.
Demnach hätte das erste Missionsfest in Stephanopel 1889 stattgefunden, also noch ganz kurz vor der "Rohländerschen Zeit" - in der Zeit, als in Deilinghofen der oben genannte August Witteborg Pfarrer war. Dass es vor Witteborg schon seit Pfarrer Kunsemüller Missionsfeste gab, haben wir schon erwähnt.

 

    

Linkes Bild nach Auskünften von Christel Kraemer geb. Schütte, Hemer (Jg. 1940): Der ausländische Gast aus Indonesien stand da zusammen mit Heilpraktiker Paul Jung, dem Aktiven von der Stadtmission - das blonde Mädchen im Mantel ist Christels Schwester jüngere Gerlinde Schütte, Bielefeld (Jg. 1942), die größere im Mantel links neben der Schwester ist Christel selbst, damals etwa 13 Jahre alt.


Näheres, das uns die vielen Missionsfeste davor lebendig werden lässt, entnehmen wir ausschnittweise zwei lebhaften schriftlichen Berichten, die wir 1993 von der in Stephanopel geborenen Zeitzeugin und Pfarrfrau Elisabeth Müller, geb. Rohländer (1921 bis 2003) sowie - auch 1993 - von deren Cousine Hildegard Meyer aus Hemer (geb. 1933) erhielten; Letztere schildert da:
"Auf den terrassenförmigen Ufern zwischen den beiden alten Häusern wurden jedes Jahr, wenn das Missionsfest heranrückte, Pflöcke in die Erde geschlagen und Bretter drauf genagelt als Sitzgelegenheit für die Besucher, die aus weitem Umkreis mit Leiterwagen und Pferdegespann davor oder auch mit Kutschen angereist kamen."
Und Elisabeth Müller führt aus: "Gebäck wurde für 250 - 300 Personen bei Bäcker Paul Huck aus Frönsberg bestellt. Es gab Hefeteilchen, Schnecken mit Rosinen und Berliner Ballen. Die wurden in Waschkörben angeliefert und von uns in Tüten gegeben. […] Der große Waschkessel im Keller wurde Tage vorher immer und immer wieder gescheuert, damit kein Seifengeschmack den Kaffee verdarb." Und die Cousine Hildegard Meyer ergänzt in ihrer Darstellung: "Ausgeschenkt wurde der Kaffee in den sogen. größeren ‚Missionstassen'"
Genau an dieser Stelle braucht es einen Einschub in diese Schilderung: Uns liegt das Kaffeerezept für massenhaftes Missionsfestkaffee-Kochen handschriftlich heute noch vor (hängt gerahmt als "Reliquie" in FGs Arbeitszimmer); da liest man:



"Zum Missionsfest brauchen wir: Für 350 Personen 160 Liter Kaffee, Auf 100 Liter 3 Pfd. Bohnen und 2 Pfd. Malzkaffee". Auch eine der letzten Stephanopeler "Missionstassen" ist ebenfalls in Sümmern bei uns als "Reliquie" von den Missionsfesten noch im Gebrauch, diese besondere Tasse sieht man auf dem Bild (rechts).
In Hildegard Meyers Schilderung liest man weiter: "Viele frohe Lieder aus dem Gesangbuch wurden gesungen aus dem Gesangbuch oder der ‚Missionsharfe', umrahmt vom Posaunenchor der ev. Kirchengem. Deilinghofen."
Inhaltlich Weiterführendes dann aus der Darstelllung von Elisabeth Müller, geb. Rohländer:
"Zum Fest wurden eingeladen ein Missionar der Rheinischen Mission, nach Möglichkeit einer, der einen frischen Bericht aus seiner Tätigkeit geben konnte und gerade auf Heimaturlaub war. Als Festredner kamen die Pfarrer aus den drei Kirchengemeinden Iserlohn, Hemer, Deilinghofen oder auch aus Dahle, Ihmert, Letmathe u.a. infrage. Ein Grußwort entrichteten die jeweiligen Stadtmissionare aus Westig (Jung, Wirtz, an Herrn König erinnere ich mich auch, evangelische Gesellschaft). Die Kollekte war stets für die Rhein. Mission bestimmt. Die Besucher kamen meist zu Fuß, voran mit Pos.chor aus Deilinghofen, Hemer. Scharen also. Im Kriege wurden solche Aufmärsche verboten. Pfr. Frommann
[zu Pfr. Adolf Frommann, gest. 1950, vgl. HIER] und Papa [das ist "der blinde Onkel Ernst"; Ernst Rohländer, Sohn von Hermann und Mina Rohländer, Bruder von Paul Rohländer] standen wegen des Missionsfestes sogar einmal vor der Gestapo. Ich höre Papa noch sagen: ‚Ich weiß nicht, wo die Leute herkommen. Ich sehe sie ja nicht!'"
Im Weiteren schildert Elisabeth Müller, wie sie ihren Mann, den späteren Pfarrer Helmut Müller auch zum ersten Mal bei Missionsfesten gesehen habe. Die beiden wurden übrigens dann in der Stephanuskirche getraut, und den Gottesdienst zur Goldenen Hochzeit der beiden hielt der Schreiber dieser Zeilen 2001 in der gleichen Kirche…



Hildegard Meyer schließlich schildert: "Es wurde berichtet, daß bei einem dieser Missionsfeste ein fürchterliches Gewitter ausbrach, so daß die ganze versammelte Gemeinde in die beiden alten Häuser flüchten mußte. An diesem Tag sei zum Schluß ein besonders großes Missionsopfer zusammengekommen."


 


Dem Journalisten Paul Kramme, dem Freund und Heimatforscher, der sich mit alten Zeitungsartikeln auskennt, verdanken wir einige interessante Beispiele, wie über die Missionsfeste hier in der Gegend im Lauf der Jahre berichtet wurde, wir hängen vier solcher Beispiele hier an:
Frönsberg, 14. August 1902. In den geräumigen Lokalitäten des Gastwirts Herrn Huck zu Frönsberg findet am kommenden Sonntag, den 17. d. M., von nachmittags 3 Uhr ab, ein von den evangelischen Gemeinden Hemer und Deilinghofen sowie den Iserlohner Kirchspielsgemeinden gemeinsam abzuhaltendes Missionsfest statt […]
Hemersche Zeitung, 11. Juni 1908. Stephanopel. Am kommenden Sonntag feiern die Gemeinden Hemer, Iserlohn und Deilinghofen ihr diesjähriges gemeinschaftliches Missionsfest unter den Bäumen am altgewohnten Platz, nachmittags 3 Uhr. Festprediger ist, wie wir hören, Herr Pastor Müller aus Langenberg. Außerdem hat auch Herr Missionsinspektor Wegner aus Barmen sein Erscheinen zugesagt. Da auch noch andere Redner über die Mission sprechen werden, verspricht das Fest mancherlei Anregung. Wir können den Besuch daher nur warm empfehlen.
Der Märkische Landbote berichtet vom 8. August 1926: "Missionsfest in Stephanopel. Am 8. August war nach längerer Unterbrechung die Missionsgemeinde auf Einladung des Herrn Rohländer wieder zusammengetreten. Ueber 300 Teilnehmer hatten sich eingefunden. Allem Dank und aller Freude über diesen schönen Wiederbeginn des Missionsfestes in Stephanopel gab der Leiter, Pfarrer Axthelm aus Deilinghofen, in Ansprache und Gebet Ausdruck. (...) Pfarrer Vierling (Hemer) berichtete aus der Geschichte des Missionswesens in hiesiger Gegend."
8. August 1930. Deilinghofen und das Missionsfest in Stephanopel. Bei dem am Sonntag in Stephanopel stattfindenden Missionsfest, wo Pfarrer Gobrecht/Deilinghofen predigt, wird auch der Deilinghofener Posaunenchor mitwirken. Besondere Freude wird aber die Deilinghofener Teilnehmer darüber erfüllen, daß Pastor Witteborg/Barmen, ihr früherer, langjähriger, verdienter Pfarrer, über Missionsarbeit spricht.

Zwei Deilinghoferinnen, die der Schreiber dieser Zeilen besonders gut kennt, stehen hier am Schluss unserer Darstellung über die Missionsfeste: Ursula Franke und Martha Ravenschlag.
Als Zeitzeugin erzählte uns Ursula Franke im Interview im Januar 2018, wie sie und ihre Deilinghofer Mitkonfirmandinnen auf dem Weg zum Stephanopeler Missionsfest Pastor Gobrecht hinterher marschiert waren auf das Rohländersche Haus zu und wie der dabei strahlend und laut schallend das Lied: "Lobt froh den Herren, ihr jugendlichen Chöre" angestimmt hatte (nachzuhören in:
https://files.feedplace.de/pastoerchen/U.Franke-Karl_Gobrecht.mp3).
Und in dem 1989 gehaltenen Jubiläumsvortrag "80 Jahre Frauenhilfe Deilinghofen, 30 Jahre Abendkreis Deilinghofen" schilderte als Zeitzeugin Martha Ravenschlag, (seit 1950 die Deilinghofer Gemeindeschwester und danach zweite Ehefrau von Pfarrer Alfred Ravenschlag; links im Bild von 1953 mit Haube neben Pfr. Ravenschlag) über das Gemeindeleben, wie dann die Stephanopeler Missionsfeste in Ravenschlags Zeiten in Deilinghofen weitergefeiert wurden:
"Ein besonders schönes Fest war in jedem Jahr das Missionsfest. Früher - etwa bis 1953 - wurde das Missionsfest in Stephanopel gefeiert. Stephanopel gehörte damals zu Deilinghofen. Die Deilinghofer fuhren mit einem großen Leiterwagen nach Stephanopel. Ab 1954 fand das Missionsfest in Deilinghofen statt. Morgens war der Festgottesdienst, den ein Missionar hielt. Die Feier nachmittags fand in unserm alten Martin-Luther-Haus statt. Da war der große Saal immer ganz besetzt. In Deilinghofen gab es viele Missionsfreunde. Dazu wurden Kaffee und Kuchen von der Frauenhilfe und dem Abendkreis gestiftet. Außerdem fand eine große Verlosung statt, auch dafür mussten die Gewinne zusammengeholt werden. Dann wurden die zurückgebrachten Missions-Opferbüchsen geleert. Bei alledem kam in jedem Jahr eine stattliche Summe für die Mission zusammen."
Den Schlusspunkt bildet hier das Datum des 11. August 1953: Da wurde Stephanopel aus Deilinghofen "abgepfarrt" und ist zum Teil der Kirchengemeinde Hemer geworden, wie das Protokollbuch der Kirchengemeinde an diesem Tag besagt… (Vgl. dazu das Bild hier:)
 

 

 


 

 

 

 

Als die Treppe sich noch am Patrizierhaus befand: Paul Rohländer, Gretel Rohländer
und ihr Besuch: Rohländers aus Menden...





 


Zugaben / Beilagen / Bilder / Literatur zum Thema

 

 

Zum Erbauen des Hauses Stephanopel anno 1771
(auch zum Namen Friedrich von Romberg, dem Geldgeber und Sklavenhändler, der in Sundwig geboren wurde) drei weiterführende Links:
  Prof. Wilfried Reininghaus in "Der Märker" 1992 HIER
  Friedhelm Groth in "Der Schlüssel" 2015 HIER
  Friedhelm Groth in dem Romberg-Vortrag bei den Rotariern 2015 HIER

Der talentierte Filmemacher Markus Matzel war am 11.9.2018 einen ganzen Tag zu Dreh- und Interviewarbeiten in Sümmern, in Stephanopel und in Frönsberg (in der dortigen Friedrich-von-Romberg-Straße). Er dreht einen abendfüllenden Dokumentarfilm über Sklaverei in Geschichte und Gegenwart, und da hat er sich als einen exemplarischen Fall den in Sundwig geborenen Friedrich von Romberg (1729 bis 1819) ausgesucht... Bei den Dreharbeiten spielte das Haus Stephanopel eine große Rolle. Der Film wird aber noch sicherlich zwei Jahre brauchen, bis er abgeschlossen ist.




120 Jahre danach: Hermann Rohländer, der das Patrizierhaus anno 1890 kaufte



Rückseite mit den Daten zu Hermann Rohländer und seinen drei Söhnen Ernst, Otto und Karl

 

 

Benutzte Literatur und Weblinks zur Rheinischen Mission und zu Missionsfesten:
Mehr zur Rheinischen Mission: https://de.wikipedia.org/wiki/Rheinische_Missionsgesellschaft
Zu Missionsfesten im Minden-Ravensbergischen Land: https://www.kirchenkreis-herford.de/service/nachrichten/2018/24-07-2018-heimische-missionsfeste-lockten-an/
W. Berner: Artikel Rheinische Missionsgesellschaft (RMG), in Religion in Geschichte und Gegenwart (RGG), Bd. 5. , Tübingen 1961, Sp. 1083.
Von Missionsfesten in der Zeit der Erweckungsbewegung und von Stephanopel als erweckliches Frömmigkeitszentrum ist in FGs großem Vortrag (2017) über die "Sauerländische Erweckungsbewegung" rings um Lüdenscheid die Rede (nach dem Büchern von Wolfgang Dietrich, Unna): http://www.pastoerchen.de/ErweckungMK
Gustav Menzel: Die Rheinische Mission. Aus 150 Jahren Missionsgeschichte. Verlag der Vereinigten Evang. Mission, Wuppertal 1978; 496 Seiten.
Walter Moritz: Die Ravensbergische Erweckungsbewegung und die Rheinische Mission. Ein Beitrag zum 200jährigen Bestehen des Kirchenkreises Herford (mit 47 Fotos), o.O. (2018); 127 Seiten.
Walter Moritz: 150 Jahre Bündner Missionsfest. Festschrift, Bielefeld 1991, 17 Seiten.

Emil Colsmann und August Witteborg führend tätig in der Rheinischen Mission:


 

 

Beispiel einer Missionsfest-Predigt des Deilinghofer Pfarrers Wilhelm Niederstein (freundlicherweise zur Verfügung gestellt von dessen Enkel, dem Theologen Dr. Helmut Schmidt, der den Text entzifferte und uns schickte):
 

Predigt zum Synodalmissionsfest in Altenhundem über Apg. 16,9

von Pastor Wilhelm Niederstein, gehalten am 26.7.1904 (und am 8.1.1911 in Deilinghofen)

Text: „Und Paulus sah eine Erscheinung bei Nacht: ein Mann aus Mazedonien stand da und bat ihn: Komm herüber nach Mazedonien und hilf uns!“

Es gab eine Zeit, da hatte man in unserem Vaterlande wenig Sinn für die Mission. Nicht nur die Feinde des Kreuzes, die am liebsten sähen, wenn auf Erden Jesu Name nicht mehr genannt würde, nicht nur Namenschristen, die zwar an den Tröstungen und Segnungen des Evangeliums gerne teilnehmen, die aber, wenn es sich darum handelt, Opfer zu bringen, nach Entschuldigungen und Vorwänden suchen, nein selbst fromme Christen glaubten vor schon 100 Jahren, dass man keine Ursache hätte, Mission zu treiben und meinten, Gott selbst werde, wenn seine Stunde gekommen sei, die Heiden zu Christo führen. Aber diese Zeit der Gleichgültigkeit ist längst verschwunden. Allenthalben hat sich die Erkenntnis von der Notwendigkeit der Mission und unserer Missionsverpflichtung Bahn gebrochen, und die großen Missionserfolge haben es vermocht, manchem Spötter und Verächter Bewunderung einzuflößen. Selbst ein Darwin, der bekanntlich gelehrt hat, dass der Mensch vom Affen abstamme, ist aus einem Gegner der Mission zu einem Freund derselben geworden. In einer Beschreibung seiner Reise um die Welt spricht er sich voll Lob über die bewundernswerten Erfolge aus und sagt, er wünsche den Gegnern, dass sie einmal auf eine Insel im Stillen Ozean verschlagen werden möchten, dann würden sie Gott danken, wenn sie auf ihr nicht Menschenfresser, sondern Christen fänden. Und inzwischen ist die Mission zu einer Weltmacht geworden. Während man vor etwa 30 Jahren nur 1 ½ Millionen getaufte Heiden zählte, giebt es heute weit über 5 Millionen, die Jesum ihren Heiland nennen. Während vor 100 Jahren nur einzelne Missionare in die Heidenwelt auszogen, ist es heute ein nach Tausenden und Abertausenden zählendes Heer von Streitern, das mitten in dem Kampf begriffen ist, Ihr auch! Es muss noch viel Arbeit getan werden, bis das Feld der ganzen Erde reif ist zur Ernte. Es gibt noch gewaltige weite Strecken, die in Finsternis und Todesschatten liegen. In China mit seinen etwa 400 Millionen Menschen, die noch vor etlichen Jahren nach dem Krieg der europäischen Mächte dem Christentum offen schien, verschließt man sich heute mit aller Macht demselben, und man weiß auch nicht, ob wieder eine neue Christenverfolgung bevorsteht. In Arabien, Armenien, der Türkei und in großen Teilen Afrikas bekämpft der Mohammedanismus nach wie vor mit allen ihm zu Gebote stehenden Mitteln die Einführung christlicher Sitten und Gebräuche und benutzt Feuer und Schwert, Kerker und Tod, um den christlichen Glauben auszurotten. In unseren afrikanischen Kolonien sind durch den Aufstand viele Stationen vernichtet und ganze Gemeinden verödet, und muss man wieder von Neuem anfangen mit der Arbeit. Im Lande der Kols (?),die schon fast völlig zum Christentum übergetreten waren, ist große Zwistigkeit entstanden; auf  habria (?) hat die katholische Mission viel Proselyten gemacht, sodass der Sache des Evangeliums Schädigung und Verluste drohen. Und überall, wohin man blickt, gibt es nicht nur von Siegen zu berichten, sondern auch von Niederlagen. Da liegt es nun an uns, alle Kraft aufzuwenden, dass das große Werk gefördert werde.

Dazu mahnt uns auch unser Gotteswort. Lasst es uns näher betrachten. Warum müssen wir Mission treiben? Was für eine Frage, auf welche uns unser Text eine doppelte Antwort giebt: es treibt uns dazu 1). der Heiden Noth 2). des Heilandes Wille.

Es war kein Mensch von Fleisch und Blut, der dem Paulus erschien, als er die Westküste Kleinasiens erreicht hatte. Sondern es kam im Traume ein makedonischer Mann zu ihm, der ihm die Worte zurief: Komm herüber und hilf uns! Es wird uns nicht erzählt, wie dieser Mann ausgesehen und ob er sonst noch zu Paulus gesprochen hat. Es war aber offenbar die ganze Noth der Heiden in ihm verkörpert, und es ist wohl anzunehmen, dass die Schilderungen und der Anblick dieses Mannes das ganze Mitleid des Apostels erregte, …alsbald sich aufmachte und hinüberging. Was auch uns zur Mission treiben soll, ist die Noth der Heiden. Viele Menschen bleiben freilich unberührt von ihr. Sie sagen wohl zu ihrer eigenen Entschuldigung von den Heiden: sie sind es nicht wert, daß man so viel Geld für sie opfert, nicht würdig, dass sie den Christennamen tragen. Ja man sieht die Heidenvölker vielfach nur als eine Art wilder Tiere an, die einer christlichen Gesittung nicht fähig, zu einer menschlichen Behandlung nicht berechtigt seien. Der christliche Sclavenhändler hielt es für keine Sünde, an der Westküste von Africa für Menschenfang einen jeden anzustellen, und die unglücklichen Neger, die man von Weib und Kindern, Vater und Mutter weggerissen, wie Schlachtopfer zusammen angekoppelt in einen verpesteten Schiffsbauch zu werfen und dann die, welche dabei nicht umkamen, auf irgendeinem Sclavenmarkt in Mastrich zu verkaufen. In Südafrika (nahmen) evangelische Holländer den Bewohnern das Land weg und trieben sie aus ihren Hütten, daß sie wie die Tiere im Wald leben mussten, aber von Christo sagte man ihnen nichts, ja es stand sogar über mancher holländischen Kirchentür zu lesen: „Hier darf kein Hottentotte eintreten“. Und auch von den Engländern haben manche unter den Heiden in Ostindien gehaust, dass es zum Himmel schreit. Den Gewerbfleiß der Indier haben sie zum großen Teil vernichtet, um selbst Geld zu verdienen, und den Götzendienst haben sie befördert, um sie leichter im Zaum zu halten. Der indische Bauer musste Opium pflanzen, wovon an das chinesische Volk verkauft wurde. Und als dann der Kaiser von China seinen Untertanen dieses Gift verbot, führte England einen Krieg mit ihm und zwang ihn, das arme Volk wieder verderben zu lassen. Und ja auch unsere eigenen Landsleute haben vor etlichen Jahren nicht besser gegen die Hereros gehandelt; wie sie gerne von diesen Land zu billigen Preisen erwerben wollten, verkauften sie ihnen Branntwein anfangs gegen Credit, nur lässt sie dies schließlich ihr Hab und Gut verpfänden, als sie dahin gekommen waren, dass sie die Schuldsumme nicht zurückzahlen konnten. Diese Händler fragten nicht danach, ob sie jene Menschen um ihr Hab und Gut brächten; sie dachten nur an sich und ihren Vorteil. Aber, meine Lieben, ist es recht, wenn die Heiden wie Tiere von den Christen behandelt werden? Sind sie wirklich nicht bildungsfähig? Ganz gewiß doch! Die Erfolge der Mission an Ihnen beweisen es. Es wohnt auch in den verkauften Heiden eine unsterbliche Menschenseele, die nach Gottes Ebenbild geschaffen ist und die nur durch Gottes Wort geweckt, erleuchtet und geheiligt zu werden braucht, wenn sie sich gänzlich  entfalten soll.

Aber es gibt noch andere Einwände, die gegen die Mission erhoben werden. Man pflegte wohl in …….?   Kreisen zu sagen: warum ihnen das Christentum bringen? Die Heiden verlangen ja gar nicht danach, Christen zu werden; lasst sie doch in dem Zustand, in dem sie sich befinden, die  fühlen sich auch ohne das Evangelium glücklich. Was sollen wir sagen auf solchen Angriff? Nun, es ist wahr, die Heiden kommen heutigen Tages nicht zu uns, um sich das Licht des Evangeliums zu holen, sondern wir müssen zu ihnen gehen. Die Missionare dürfen nicht erwarten, überall mit offenen Armen empfangen zu werden, sie müssen auf Widersacher, auf Verfolgung, ja selbst auf den Tod gefasst sein.  Aber kann man daraus den Schluß ziehen, dass sie sich in ihrer gegenwärtigen Lage glücklich fühlen? Ich will nur wenige Tatsachen anführen, die auf ihren gottlosen Zustand ein grelles Schlaglicht werfen. In Indien, in dem Lande, das 12 mal so groß ist wie das Deutsche Reich, wird eine Göttin mit Namen Kali (?) angebetet. Hat jemand eine schwere Sünde begangen, so kann er nur dann der Strafe entgehen, wenn er ein Kind ihr zum Opfer darbringt. In China werden jährlich 80.000 neugeborene Kinder umgebracht, weil die chinesische Religion den Müttern gestattet, ihre Kinder zu töten, wenn sie ihnen zur Last werden. In Afrika gibt es Volksstämme, in denen bei dem Tode des Königs 1000e von Menschen geschlachtet werden zu seiner Verherrlichung. In Niederländisch-Indien, so erzählt mir noch vor wenigen Tagen ein Missionar, werden häufig, wenn der Häuptling einen Krieg anfängt, die ersten besten Jungfrauen, die seinen Abgesandten begegnen, ergriffen, in die Erde gegraben und dann ihnen siedendes Blei in den Mund gegossen. Man glaube, es würde dadurch der böse Geist (das Versterben dann als Böser Geist) aus dem Heer von Feinden fahren und sie überwinden lassen. Und wenn wir denken an die heutigen Kriege, die unter ihnen geführt werden oft bis zum Untergang des einen Stammes, oder an die Menschenfresser in Australien und Afrika, an das Lebendig-begraben-werden alter Leute bei Negerstämmen, an das traurige Familienleben in der Sclaverei, kann man dann ihre Lage noch eine glückliche nennen. Oder hätten sie selbst keine Empfindung davon? Zeigen uns nicht alle heidnischen Religionen mit ihren Opfern und Greueln, dass auch in dem verkommensten Heiden sich ein schuldbeladenes Gewissen befindet, das da möchte Frieden haben und Gnade für ihr begangenes Unrecht?! Hier und da hört man denn auch eine nach Ruhe und Frieden sich sehnende Klage, wie einmal eine heidnische Fürstin mitten im ….Afrikas zu Livingston sagte: Ach wenn ich doch nur einmal schlafen könnte ohne zu träumen von dem, der mit der Lanze uns verfolgt, jeden Augenblick bereit, uns zu durchstechen. Und wenn uns unsere Missionare berichten, dass sooft von heidnischen Häuptlingen der Nachbarschaft an sie der Ruf ergeht: kommt auch zu uns, verkündet auch uns das Evangelium, ist das nicht ein Beweis, dass sie nach etwas Besserem sich sehnen, als ihnen ihre Religion zu geben vermag? Aber wenn das nun so ist, darf der davon ergriffene Geist, der von der Macht des Evangeliums etwas an sich erfahren hat, an jenen Armen gleichgültig vorübergehen und den angstvollen Ruf überhören: komm herüber und hilf uns! Die Not der Heiden, sie muss uns alle treiben, ihrem Wunsche zu willfahren und das herrliche Missionswerk mit allen Kräften zu unterstützen.

Und was uns weiter dazu treibt, ist der Wille unseres Gottes. Es war nicht von ungefähr, dass jener macedonische Mann dem Paulus im Traum erschien, sondern Paulus ist fest davon überzeugt, dass Gott es ist, der durch ihn zu ihm redet. Und so macht er sich denn auch eilends áuf, den Willen Gottes zu erfüllen. Wenn es wahr ist, dass Gott die Geschichte der Welt lenkt und regiert, und allerorts Wachstum und Gedeihen gibt, um die Menschen am Leben zu erhalten, so kann ihm auch nicht gleichgültig sein, ob Menschen in dem Heidenvolk sittlich verkommen und eine Lebensweise führen, die ärger ist als sie die Tiere haben; wenn es wahr ist, dass Gott seinen Sohn in die Welt gesandt hat, um die Mächte des Satans zu zerstören und die Menschen von der Macht der Sünde zu erlösen und ihnen Friede und Heil zu bringen, so können ihn auch nur Heilsgedanken für die erfüllen, die in Finsternis und Todesschatten sitzen und sich nach Erlösung sehnen. Es ist unmöglich, dass der Gott, der mit unseren Sünden so unendliche Geduld hat und dessen Gnade und Erbarmen der wahre Christ immer wieder an sich erfahren kann, sollte kalt und unbarmherzig an dem Volk der Heiden vorübergehen. Das Wesen seiner Liebe erfordert es, dass auch sie in seinen Heilsplan eingeschlossen und zu seinem Reich berufen sind. Und wer Augen hat zu sehen, der kann auch beobachten, wie Gott der Herr auch zu allen Zeiten auf dem Plan gewesen ist, die Heiden zur Erkenntnis der Wahrheit zu bringen. Gehen wir einmal oberflächlich durch die Geschichte der Mission von ihren ersten Anfängen an. Begleiten wir nur einmal den Apostel Paulus in seiner Gemeinde, die er gegründet hat. Wie ist aus ihnen, die der Sünde und dem Götzendienst verfallen waren, ein so herrliches Christenvölkchen geworden, das uns allen zum Vorbild dienen kann. Ihr seid meine Freude und Krone, schreibt der Apostel an die Philipper, der Apostel, dem alles Loben und Schmeicheln verhasst war, und wie ist diese kleine Schar so schnell gewachsen und ging vorwärts im Gedränge der Heidenwelt. Hat man auch alles versucht, hat man Marter- und Todesqualen angewandt, um sie zu zerstören, Man hat sie nicht zu überwinden vermocht. Ein Julian Apostata, einer der erbittertsten Gegner des Christentums, der kein Mittel gescheut, um den Kampf gegen dasselbe erfolgreich zu führen, muß es bekennen im Angesicht des Todes: Galiläer, du hast doch gesiegt. Und nicht lange währt es mehr, dann hat das Christentum die damals bekannte Welt erobert. Ganze Länder sind seitdem christianisiert. Ein Bonifacius brachte unseren Vorfahren das Evangelium, ein Willibrord den Friesen und Gallus den Schweizern, und wir erinnern an unseren Luther, der inmitten einer von Heidentum durchfurchten Christenheit das Wort Gottes auf den Leuchter stellte, wie er trotz  erbittertster Feindschaft seiner zahlreichen Gegner das Werk der Mission an der Christenheit so herrlich hinausführte, wir können nicht anders als es bekennen, das was  er getan,  war Gottes Wille, Gottes Tat. Gott wollte, dass der Götzendienst in der Christenheit beseitigt und dass sein Name geheiligt werde. So lehrt uns die ganze Weltgeschichte, so lehrt es uns vor allen Dingen Gottes Wort. Wie dem Saul aus dem Heidenvolk die Seufzer, so tönen (?) aus der Bibel die Missionsbefehle unseres Herrn in unser Ohr und Herz. Schon im alten Bund spricht er des öfteren davon, dass einst die Zeit kommen soll, wo unter Heiden das Evangelium gepredigt (und) verkündet werden soll. Vornehmlich aber werden wir zur Mission angehalten (?) durch die Abschiedsworte des Herrn an die Jünger:  gehet hin in alle Welt und lehret alle Völker. Seitdem dieses Wort gesprochen ist, ist die Mission nicht mehr Geschmacksache, die man beliebig tun oder lassen kann, sondern Gottessache, die man tun muß, wenn man Christ ist. Wie es Pflicht ist, den Feiertag zu heiligen, wie es Pflicht ist für das Essen zu sorgen, so ist es auch seine Pflicht, den Sieg Gottes auf Erden zu mehren und für die Ausbreitung des Himmelreichs über die Völker zu wirken, so lange es Tag ist. Als einst vor mehr als 850 Jahren in der Nähe von Clermont in Frankreich das Gottesfest gefeiert wurde, und die Prediger mit Menschen- und Engelszungen predigten, dass es Gottes Wille sei, hinaus zu ziehen in das heilige Land, das Gethsemane und Golgatha (und) Bethlehem zieren, um es zu befreien von der Tyrannei der Ungläubigen, da blieb kein Auge trocken und kein Jünger kalt, da erscholl aus tausend Kehlen der Ruf: Gott will! Und Tausend hefteten sich das Kreuz auf die rechte Schulter und zogen hinaus ins Heilige Land, um die heiligen Stätten zu retten. Nun denn, liebe Brüder, so lasst denn auch uns die Noth der Heiden, den Befehl unseres Gottes zu Herzen gehen. Lasset uns Mission treiben, ein jeder an seinem Teil, nach der Gabe, die in ihm ist, und der Herr wird auch unsere schwache Kraft dazu gebrauchen, dass sein Reich gebaut und seine Ruhm vermehrt werde.







 



 

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