„Ich bin mir bewusst, was wir geleistet haben“
Deilinghofener Urgestein Jörg Schauhoff zur ECD-Gründung und was in 60 Jahren daraus entstanden ist

Michael Topp (IKZ am 6.2.2019)

Deilinghofen. 346! Eine Zahl für die Ewigkeit. 346 Treffer hat Jörg Schauhoff in 416 Spielen für den EC Deilinghofen erzielt. Erfolgreicher war kein anderer der hiesigen Eishockeyszene. Und Jörg Schauhoff gehört zu jenen eishockeyverrückten 17 Jungen, die die Vereinsgründung wollten, deren Namen auf der Anwesenheitsliste der ECD-Gründungsversammlung am 28. Februar 1959 stehen.
„Ja, ich bin mir bewusst,was wir geleistet haben“, macht der 75-Jährige klar, dass es ohne ECD keine Roosters geben würde. Darauf könne man stolz sein. Das werde ihm signalisiert, wenn er die Spiele des DEL-Klubs besucht. „Und es tut mir gut, wenn ich das sehe. Ich genieße das“, freut sich Schauhoff, dessen Trikot mit der „5“ unter dem Hallendach hängt. Dass die Fans heute noch zum Spielbeginn „Hey, Deilinghofen!“ singen, gefällt ihm. „Toll, dass das nicht vergessen wird.“

Umzug nach Iserlohn sicherte den Fortbestand des ECD
Absehbar sei eine derartige Erfolgsstory - mit zahlreichen Tiefpunkten - vor 60 Jahren natürlich nicht gewesen. Und sie wäre möglicherweise sogar deutlich kürzer geworden, wenn es Ende der 1960er Jahre nicht einige Idealisten und Enthusiasten gegeben hätte, die den Umzug vom Dorf Deilinghofen in die Stadt Iserlohn initiiert hätten. Denn die Kanadier, denen die Eissporthalle im „Fort Prince of Wales“ gehörte und wo alles begann, hatte dem ECD 1968 klipp und klar signalisiert: „In zwei Jahren ist hier für Euch Schluss!“ Ohnehin war das Verhältnis zu den Truppen aus Nordamerika nicht mehr das beste. Schauhoff: „Wir waren ein unbequemer Gast. Wir wollten Eiszeiten, es gab Parkplatzprobleme, und die Halle war überfüllt.“ Schlussendlich ließen die Kanadier nur noch 1500 Zuschauer hinein, 1000 weniger als möglich. Schauhoff: „Da läuteten bei uns die Alarmglocken. Hätte es keine neue Halle gegeben, wäre es vorbei gewesen.“ Die begehrten Spieler hatten bereits Angebote andere Klubs vorliegen. Aber wohin sollte der Verein?
Die Stadt Hemer zeigte wenig Interesse. Pläne, hinter der Sundwiger Mühle eine Halle zu bauen, scheiterten. ECD-Präsident und Vize-Landrat Ernst Loewen sowie ECD-Vorsitzender Günter Althaus waren dann maßgeblich daran beteiligt, dass es weiterging – ab Januar 1971 in Iserlohn. Dort zeigten u. a. Sportausschussvorsitzender Hubert Schmitz sowie Kämmerer Karl Althaus, Bruder des ECD-Chefs, Interesse. „Für uns gab es nie die Diskussion, nicht nach Iserlohn zu gehen“, macht Schauhoff deutlich. „Wir sind ohne Wenn und Aber nach Iserlohn gegangen, denn wir waren auch sauer auf Hemer. Und Iserlohn war bereit“, erinnert sich der Ur-Deilinghofener. „Ich bin dann Iserlohner Sportler gewesen.“
Genauso pragmatisch bewertet er die Tatsache, dass später aus dem EC Deilinghofen der ECD Iserlohn wurde und schließlich das liebgewonnene Kürzel „ECD“ sogar komplett verschwand: „Es ging nicht anders.“ Umso wichtiger ist es für ihn, dass der Brückenschlag zu den Roosters, wenn auch mit Verzögerung, vollzogen wurde und zum „60.“ dokumentiert werden soll.

Dorfverein, aber Stimmung wie an der Brehmstraße
Schauhoff hat durch den Eishockeysport viel erlebt. „Dadurch habe ich zum ersten Mal überhaupt die Alpen gesehen.“ Eine tiefe Freundschaft hat ihn seit der gemeinsamen Schulzeit mit Torhüter Ekke Lindermann verbunden. „Von der sportlichen Qualität muss ich meinen Bruder Karl-Friedrich nennen“, streicht er einen weiteren wichtigen Mitstreiter heraus. Und einer seiner beliebtesten ausländischen Kollegen war Ed Hebert.
Sportlich eminent wichtig war 1965/66 der Aufstieg in die Oberliga, der zweithöchsten Spielklasse. Damit gelang dem Dorfverein der Durchbruch, der Bekanntheitsgrad wuchs. Schauhoff hatte großen Anteil am Aufstieg, er schoss das Siegtor zum 1:0-Sieg in Rosenheim. „Das war mein wichtigstes Tor. Das vergesse ich nie. Danach haben wir vor 6000 Zuschauern 2:2 in Augsburg gespielt.“ Unvergessen ist auch ein Spiel der Bundesliga-Aufstiegsrunde gegen den Krefelder EV, als WDR-Hörfunklegende Heribert Faßbender die letzten drei Minuten live aus Deilinghofen kommentierte und die Stimmung mit der Düsseldorfer Brehmstraße verglich – ein Ritterschlag. „Da bekomme ich noch immer Tränen in die Augen.“ Schauhoffs größtes Erlebnis war allerdings sein erstes Spiel überhaupt, als die legendäre Sirene ertönte: „Ich konnte kaum Schlittschuhlaufen, wird trugen fremde Trikots, und ich habe erstmals mit einem neuen, nicht geflickten Schläger gespielt.“
Dass das Stadion nicht mehr existiert, ärgert Schauhoff immer noch maßlos, weil eine große Chance verpasst wurde, eine zweite Eisfläche im heimischen Raum zu haben. Die sei auch im Sinne der Nachwuchsförderung wichtig. „Es ist sicherlich einfach daher gesagt, aber man muss mehr eigene Spieler bekommen, auch, weil uns teilweise auswärtige Spieler die Suppe versalzen.“ In diesem Zusammenhang appelliert er an die politisch Verantwortlichen, sich zeitnah mit der Perspektive der Roosters-Spielstätte zu beschäftigen. „Man geht die Gefahr ein, dass irgendwann keine Sportstätte zur Verfügung steht.“ Dann kaufe möglicherweise jemand die DEL-Lizenz, „und dann haben wir vielleicht ein Stadion in Lüdenscheid oder Hagen.“ Ein Szenario, das sich Schauhoff nicht ausmalen möchte. Deshalb hofft er, dass den Entscheidern die enorme Bedeutung des Eishockeys für Iserlohn und die Region bewusst ist. Dass die Fans weiter mitziehen, ist für ihn sicher: „Das Publikum ist das größte Kapital. Das gibt es nicht noch einmal. Die Stehtribüne ist unvergleichlich.“ Und so soll es auch im siebten Jahrzehnt bleiben.


„Eine Schüssel auf dem Kopf, die nicht schützte“
Dieter Brüggemann ist ECD-Rekordspieler und stolz darauf, dass er in der ersten Liga gespielt hat

Michael Topp (IKZ am 6.2.2019)




Riemke. Wladislaw Tretjak, in den 1970er Jahren der weltbeste Eishockey-Torwart, wird sich wohl nicht mehr an Dieter Brüggemann erinnern. Der Stürmer des EC Deilinghofen hingegen hat noch allerbeste Erinnerungen an die sowjetrussische Eishockeylegende. Denn beim Gastspiel von ZSKA Moskau, der damals besten Eishockey-Mannschaft der Welt, erzielte Brüggemann die sensationelle 1:0-Führung beim achtbaren 2:7 des Bundesligisten aus dem Sauerland. [Zu Friedhelm Groths und Ortwin Quaschniks Treffen mit Wladislaw Tretjak im Februar 2000 zusammen mit Pater Alexander in Schelkowo vgl. mit zwei Bildern zum Thema: http://www.pastoerchen.de/deilinghoferinschelkowo.htm; vgl. zu Tretjak auch dieses Video].
Aber nicht nur deswegen hängt inzwischen auch das Trikot mit der „21“ unter dem Dach der Iserlohner Eissporthalle. Denn Brüggemann ist ein ECD-Urgestein, mit 588 Einsätzen für den Klub aus Deilinghofen ECD-Rekordspieler und mit 294 Treffern zweitbester Torschütze hinter Jörg Schauhoff (346). Jene Ehrung berührt den 65-Jährigen noch immer: „Das ist heute noch ergreifend. Und ich schaue immer noch hin, ob es dort noch hängt.“ Und seine Frau Michaela ergänzt: „Ich bin auch ganz stolz.“

Das Relegationsspiel gegen Augsburg ist unvergessen
Auch Brüggemann ließ sich in den 1960er Jahren vom Treiben im Eishockeydorf Deilinghofen mitreißen und von den Kanadiern beeindrucken. „Die hatten Bärte, wir nur einen Flaum, und sie kamen mit Zigaretten aus der Kabine und drückten diese auf der Bande aus“, erinnert sich Brüggemann. Als zehn-, elfjähriger Steppke begann er mit diesem Sport: „Eishockey war zunächst ein Fremdwort. Aber es hat mich fasziniert und nicht mehr losgelassen. Meine Karriere hat auf dem Bäingser Teich angefangen.“ Seine erste Hose war die Torwarthose eines Fußballers, der Schläger wurde selbst zusammengebaut. Auf’s Eis ging es zunächst mit Lederschuhen, später wurden Schlittschuhe bei Appelhans oder Stehmann gekauft. „Und der Torwart trug eine Pudelmütze. Ich hatte später eine JOFA--Schüssel auf dem Kopf, die nicht schützte. Dabei wurde damals härter und unfairer gespielt. Allerdings war das Tempo eher Zeitlupe.“
Konkrete Erinnerungen an die Vereinsgründung hat er als Kind der zweiten ECD-Generation nicht mehr. „Aber ich habe die Spiele des ECD geguckt und wollte das auch erleben.“ Spieler wie Gerdi Müll und Charly Karl waren seine Idole. Mit dem Umzug von Brockhausen nach Deilinghofen im Jahr 1969 wurde die Eissporthalle im „Fort Prince of Wales“ sein zweites Zuhause. „Ab dann war ich praktisch nur noch in der Halle und habe jede Laufzeit mitgenommen.“ Und weil er bei der Aufbereitung mithalf, musste er keinen Eintritt zahlen. Mit 16 Jahren spiele Brüggemann in der Schülermannschaft, dann in der Jugend. Für die „Großen“ lief er in Deilinghofen nur einmal auf, dann erfolgte im Januar 1971 der Umzug nach Iserlohn. „Die Halle in Iserlohn kam zur rechten Zeit.“ Dass das Debüt am Seilersee gegen Nürnberg daneben ging, gehört ebenfalls zu Brüggemanns Geschichte. Zu seinen Förderern als Trainer gehörten Jiri Hanzl, Dieter Hoja oder Jaroslav Walter. Unter Rick Alexander kam er weniger zum Zuge, u. a. spielte er für Duisburg, Schalke, Ahaus und Dortmund. „Da bin ich etwas getingelt. Aber ich war nicht böse, dass ich gehen musste.“ 1989/90 kehrt er zurück: „Zum dicken Weifenbach hatte ich immer ein gutes Verhältnis.“ Der Vorsitzende unterband auch Wechselabsichten nach Bad Nauheim oder Schwenningen, mit dem Hinweis, Brüggemann sei ein Iserlohner Junge. Als einen Höhepunkt seiner Karriere beschreibt er die Aufstiegsspiele gegen Augsburg. „Mein größter Erfolg ist aber, dass ich überhaupt in der höchsten Liga gespielt habe.“ Dabei war er nie Profi war, sondern ist stets einem Beruf nachgegangen.

In der Soester Halle werden Erinnerungen wach
Kontakte zu ehemaligen Weggefährten gibt es noch gelegentlich. Kurios war das Wiedersehen mit Ed Hebert, seinem Stürmer-Kollegen aus den 1970er Jahren. Denn der Kanadier las vor einigen Jahren im Spielberichtsbogen der Hull Olympiques im kanadischen Quebec den Namen „Lars Brüggemann“ und fragte den Juniorenspieler, ob er aus Hemer komme. „Zwei Wochen später waren wir in Kanada“, berichtet Brüggemann senior, dass der Kontakt über seinen Sohn Lars zustande gekommen war.
Durch Lars blieb Brüggemann auch dem Iserlohner Eishockey-Nachwuchs verbunden und arbeitete viele Jahre für die Young Roosters als Coach und gehört damit zu jenen, die die Brücke zwischen ECD und Roosters geschlagen haben. „Ich trauere dem ECD nicht nach. Jetzt schreiben die Roosters an der Erfolgsgeschichte weiter. Und sie können stolz sein auf das, was sie geschafft haben.“ Und wenn er die DEL als „Haifischbecken“ bezeichnet, untermauert das sein Lob.
Brüggemann ist seit drei Jahren Rentner und als Trainer beim Regionalligsten Soest aktiv, der gleichzeitig ein Auffangbecken ehemaliger DNL-Spieler der Roosters geworden ist. Er bedauert, dass es nicht gelungen ist, mehr Eigengewächse in das DEL-Team einzubauen. In der Liga gebe es zu viele Ausländer und „Eingedeutschte“ und es sei eine sehr gute Aussrede, wenn man die Nichtberücksichtung der Eigengewächse mit dem möglichen Verpassen sportlicher Ziele begründe.
Seine Tätigkeit in Soest erinnert Brüggemann stark an seine Anfänge in Deilinghofen. Denn die Soester Eissporthalle am Möhnesee ist baugleich mit der Spielstätte im Hemeraner Dorf, aber noch in einem guten Zustand und stark frequentiert. „Der Umzug nach Iserlohn war zwar richtig. Ab es ist bedauerlich, dass die Halle nicht mehr existiert“, ärgert sich Brüggemann über den Abriss der ehemaligen Spielstätte. „In Deilinghofen hätte man ein Juniorteam aufbauen können. Hier hätte sich eine richtige Nachwuchshochburg entwickeln können. Schade.“