ZU DIESER HALLE-HERRNHUT-SEITE mit viel Hemeraner Lokalkolorit ACHTUNG:
Die folgenden Texte und Bilder (© Pastoerchen 1998; fast unkorrigiert, nur notdürftig nachgesehen), die aus der Fahrtvorbereitung einer Deilinghofer Gemeindestudienfahrt nach Halle und Herrnhut stammen (siehe unten), sind hier im Internet nur für Informationszwecke oder als Grundlage eines Gemeindevortrags o.ä. freigegeben; sie stellen – als Gelegenheitsarbeit entstanden - keine wissenschaftliche Arbeit dar, aus der man zitieren könnte. Zum 26.5.2000, als vor genau 300 Jahren Zinzendorf geboren wurde, wurde diese Seite ein wenig verbessert, zuletzt aktualisiert 28.5.2000 und 21.10.2005. U.a. wurden diese Links hier vorangestellt:


Eine große Tür aufmachen
(am 27.05.2000 im IKZ)

Hemer. (pk) Gestern vor 300 Jahren wurde Nikolaus Ludwig Graf von Zinzendorf, Kirchenerneuerer und Gründer der weltweit wirkenden Herrnhuter Brüdergemeine, am 26. Mai 1700 geboren. Der vorgeschriebene Predigttext in ev. Kirchen stammt am morgigen Sonntag aus dem Paulus-Brief an die Kolosser (4;, 2 - 4. Da heißt es: "Betet zugleich auch für uns, dass Gott uns eine Tür für das Wort auftue..."

Deilinghofens Pfarrer Dr. Friedhelm Groth als Erforscher der Kirchengeschichte im heimischen Raum erinnert an Hemers große Tage mit den Herrnhutern, die in Sundwig, Westig, Ihmert Stützpunkte hatten. Die herausragenden Pfarrer Forstmann und Angelkorte in Hemer waren auch beherzte Herrnhuter. Vor 260 schickte Forstmann an Zinzendorf einen Brief, in dem es hieß, dass in Hemer eine "große Tür aufgetan" werde. So schließt sich am Ort der Kreis zum vorgeschriebenen Predigttext am Sonntag, 28. Mai 2000.
 
 

 Und nu geht's richtig los:

Wie von Deilinghofen aus
der Pietismus und Zinzendorf mit Herrnhut in den Blick kommen...

 
Männerkreis und Presbyterium Deilinghofen:
Vorbereitung der Gemeindestudienfahrt vom 21. bis 24. Mai 1998<
 
"Auf den Spuren der Väter des Pietismus
A. H. Francke (Bild oben) und N. L. Graf von Zinzendorf nach Halle/a.d.S. und Herrnhut"

Zu der Studienfahrt: Geboten werden drei Vorbereitungsabende mit dem Thema "Pietismus, Francke, Zinzendorf" (am 18.2., 11.3. und 13.5.; 19.30 Uhr Martin-Luther-Haus Deilinghofen), ferner bei der Fahrt: Busfahrt Strecken Deilinghofen - Machern - Halle, Halle – Zittau, Zittau – Deilinghofen, zwei Übernachtungen im noblen "Steigenberger-Expris-Hotel" in Halle/Neustadt, Frühstücksbüfett, dort ein warmes Büfett als Abendessen, eine Übernachtung mit Frühstück im "Dresdner Hof" in Zittau, Gruppen-Eintritte.
Donnerstag, Himmelfahrt, 21. 5. 98: Anreise nach Halle, am Abend gemeinsame Unternehmung.
 

Freitag, 22. 5. 98: Am Vormittag Besichtigung der bedeutenden Francke’ schen Stiftungen (Bild hier!) unter sachkundiger Führung (Frau Dr. Christel Butterweck, Assistentin am Pietismus-Institut Halle), nachmittags Stadtführung Halle.
Samstag, 23. 5. 98: Busfahrt (mehrere Stunden) von Halle nach Zittau über Herrnhut. In Herrnhut Besichtigung des Ortes und der einschlägigen Sehenswürdigkeiten (u.a. der berühmte und sehenswerte Herrnhuter Friedhof mit dem Grab des Grafen von Zinzendorf), Weiterfahrt nach Zittau, wo wir die letzte Nacht im "Hotel Dresdner Hof" übernachten und die Woche in diesem schönen Ort ausklingen lassen.
Sonntag, 24. 5. 98: Am Morgen Teilnahme am Gottesdienst in Herrnhut und Busrückfahrt nach Deilinghofen.
Gesamtpreis: nur DM 350,- (dazu kommen evtl. die Einzelzimmer-Zuschläge)
 


Gemeindeseminar, erster Abend (18.2.98):
"Francke und Co."

I. Warum sich eine Auseinandersetzung mit dem Thema Pietismus lohnt (mit einer sich daran anschließenden Erklärung, was ungefähr "Pietismus" ist)
Stichwörter dazu:
1. Von der "christlichen Innenseite" her:
· "Pietismus" war nach der Reformation die wichtigste Reformbewegung in der Evangelischen Kirche mit Auswirkungen bis heute. Interessante Parallelen zu Luthers Reformation: Bedeutung führender Gestalten, die eine Menge umkrempelten, neue Leuchtkraft der Bibel beidesmal, Wirkungen auf die Universitäten (Wittenberg in der Reformationszeit, Halle im Pietismus)
· Der Pietismus gab – wie zu zeigen ist – das Grundmuster dafür, warum überhaupt "etwas Lebendiges" läuft in der Kirche
· Die alte Geschichte des Pietismus ist wichtig auch, um Fehlformen von Pietismus in der Gegenwart zu verstehen.
· Die alte Geschichte des Pietismus im 18. und dann auch im 19. Jahrhundert ist wichtig, um gegenwärtige Bewegungen (CVJM, Blaukreuzarbeit, Freikirchen, charismatische Strömungen) richtig von ihren Wurzeln her zu begreifen: keine dieser Bewegungen fängt beim "Punkt Null" an...

2. von der allgemein-kulturellen Bedeutung des Themas her:
· Im alten Pietismus wurde "der Einzelne", das "Individuum" für den Glauben entdeckt wie nie zuvor, was Wirkungen hatte bis weit über den Glauben hinaus – z.B. bis in die Wissenschaft der Germanistik: bedeutsam für die Entstehung von geschriebenen Biographien, für Briefliteratur, in der "der Einzelne" seine Gefühle und Erfahrungen in "Selbstbeobachtung" beschreibt.
· Aber Pietismus ist nicht nur modern im Blick auf den Einzelnen, sondern auch im Blick auf die Gruppe: Im alten Pietismus wurden zum ersten Mal Gruppentechniken angewendet: von Anfang an Gruppendynamik.
· Drittens ist der alte Pietismus von allgemein-kultureller Bedeutung durch seinen Einfluß auf das soziale Leben: Waisenhäuser, Armenfürsorge, Einfluß auf die Geschichte der Pädagogik (Francke), Mission, Universität (siehe oben). Stichwort: "Weltveränderung durch Menschenveränderung".
· Versuch einer Erklärung, was man unter "Pietismus" verstehen kann:
Stabilisiert durch Gruppen von Gleichgesinnten, die verbindlich zusammenhalten, gewinnen Menschen, die durch eine Lebenswende ("Wiedergeburt") Christus persönlich in ihr Leben aufgenommen haben und betend aus der Bibel leben, in ihrem Glauben eine besondere Ausstrahlung und Stoßkraft. Sie glauben nicht "an die Kirche", stellen sich nicht "unter die Kirche", bleiben aber – oftmals recht kirchenkritisch "in der Kirche"; der pietistische Einfluß richtet auf die Bekehrung der Leute in der Umgebung und auf Missionierung, hat aber viele soziale Auswirkungen (Armenfürsorge, Mission, karitative Anstalten: "Weltveränderung durch Menschenveränderung").
· 1675 mit Speners Pia desideria begann das Ganze. In Halle kriegte Speners Pietismus durch Speners Freund und Mitarbeiter Francke sein erstes wichtiges Zentrum: man spricht vom Hallischen Pietismus.
· Mit Zinzendorfs Herrnhuter Brüdergemeine ist ein wesentlicher Pietismuszweig im 18. Jahrhundert benannt.
· Im frommen Württemberg gibt es im weiteren 18. Jahrhundert die Sonderform eines Pietismus, der sich sehr umfassend auf das Reich Gottes ausrichtet und die Bibel mit der Natur und Geschichte in großen Systemen der Heilsgeschichte verbindet; Hauptvertreter Johann Albrecht Bengel, Friedrich Christoph Oetinger, Michel Hahn, Philipp Matthäus Hahn.
· Im 19. Jahrhundert waren die großen Erweckungsbewegungen (Siegerland, Wuppertal, Minden-Ravensberger Land, Pommern, auch eine kleine Erweckung in Deilinghofen/Hemer und viele andere). Da war die Grundlage immer der alte Pietismus, und zum Teil kamen auch eine ganze Menge Einflüsse aus Amerika und England dazu. Auf dem Hintergrund erwuchs aus dieser Bewegung gegen Ende des vorigen Jahrhunderts auch der CVJM.

II. Philipp Jacob Spener und die Anfänge des Pietismus mit den "Pia Desideria" von 1675
Stichworte (1.) zur Zeit, in der sich der Pietismus herausbildete und (2.) zu Speners Leben sowie (3.) zum Programm der "Pia desideria":
1. Zu der Zeit und der geistlichen Situation:
Geboren wurde Spener in der Zeit des Dreißigjährigen Krieges, wo man sich vorstellen kann, daß die Folgen dieses verheerenden Ereignisses politisch und menschlich sehr schlimm waren. Auch kirchlich sah es alles andere als rosig aus. Es ist die Zeit der sogenannten "altprotestantischen Orthodoxie". Ortho = richtig, -dox kommt von Glauben: Zeit der "Rechtgläubigkeit". Die lutherischen orthodoxen Theologen pflegten die reformatorischen Einsichten Luthers in (oft hölzern anmutende) Lehrsysteme zu bringen, wo es tendenziell auf das "richtige Glauben" ankam, aber nicht so sehr darauf, ob das Herz dabei war: man war "rechtgläubig" und gab sich gut lutherisch, ob das Herz dabei war, war eine andere Frage. Die Bibel wurde mehr als Lehrbuch mit auswendigzulernenden Satzwahrheiten gesehen für den Kopf, aber nicht so sehr als ein persönliches Lebensbuch, wie sie dann der Pietismus entdeckte.
Auch schon in der Zeit der Orthodoxie gab es eine ganze Menge Theologen und Kirchenmänner, die den Schaden der Kirche sahen und als Orthodoxe beheben wollten. Daß die Orthodoxie auch was Gutes hervorgebracht hat, sieht man darüber hinaus an dem bedeutenden Liederdichter Paul Gerhardt.
2. Zu Speners Leben:

Ein Lexikon faßt Speners Leben und Werk so zusammen: "Spener, Philipp Jacob (1635-1705), deutscher evangelischer Theologe, Vertreter des Pietismus. Spener wurde 1635 in Rappoltsweiler (Elsass) geboren. 1663 wurde er Prediger am Straßburger Münster und 1686 Oberhofprediger in Dresden. Ab 1691 war er Pfarrer an der Nikolaikirche in Berlin. Sein Hauptwerk Pia Desideria oder Herzliches Verlangen nach gottgefälliger Besserung der wahren evangelischen Kirchen, das er 1675 verfasste, beinhaltet das gesamte Reformprogramm des lutherischen Pietismus, der in offener Gegnerschaft zur lutherischen Orthodoxie stand."
Ergänzungen in Stichwörtern: Der im Elsaß geborene Spener war Sohn begüterter Eltern, wobei sich seiner Erziehung seine Patin Gräfin Agatha von Rappoltstein annahm (Bedeutung adliger Frauen und auch Männer in der Geschichte des Pietismus!). Schon in Kindertagen in Berührung gekommen mit puritanischer Erbauungsliteratur aus England (Bayly: "Praxis pietatis"), ferner mit dem einflußreichen Erbauungsbuch von Johannes Arndt: "Vier Bücher vom wahren Christentum".
Speners Hobby war von Anfang an die Heraldik (Wappenkunde) und die Genealogie (Geschlechterkunde), typisch für ihn! Verfaßte maßgebliches Werk zur Heraldik, und dieses Gebiet wäre um ein Haar sein berufliches Arbeitsfeld geworden. Umfassend gebildet, auch auf dem Gebiet des Philosophie. Seit 1651 besuchte er die Universität Straßburg (1653 Magister der Philosophie), studierte 1654-1659 Theologie in Straßburg (er habe bei seinen orthodoxen Theologieprofessoren auch Gutes gelernt...). Mehrere wissenschaftliche Reisen, Dr. theol. 1664 (Arbeit über die Offb. des Johannes), ab 1663 schon Freiprediger in Straßburg. Später ehrenvoll berufen in das Senioramt der Freien Reichsstadt Frankfurt am Main, wo er so eine Art Stadtsuperintendent war, und zwar von 1666-1686.
Das waren die alles entscheidenden sehr gesegneten 20 Jahre seines Lebenswerks! In der Frankfurter Zeit ist zum Durchbruch gekommen, was dann "Pietismus" genannt wurde. In Frankfurt war Spener auf kleine Gruppen von bewußten Christen gestoßen, die in einer Art Hauskreis in sehr eigenständiger Weise ihr geistliches Leben pflegten, Erbauungsbücher eifrig studierten, Bibel lasen und die Erkenntnisse des Glaubens miteinander austauschten in ihren "Konventikeln". Diese Hauskreise werden auch "Collegia Pietatis" genannt. Es waren dort in Frankfurt v.a. Akademiker und aus dem Patriziat stammende angesehene Familien (sehr originelle Typen, z.T. auch stark auf völlige Absonderung von der Kirche ausgerichtet, das nennt man Separation und diese Leute werden Separatisten genannt). Der bedeutendste Frankfurter aus diesen Kreisen war der Jurist Johann Jakob Schütz, d.i. der Dichter des Liedes: "Sei Lob und Ehr dem höchsten Gut" und andererseits die Adlige Johanna Eleonore von Merlau, die spätere Frau Petersen.

Spener jedenfalls hatte als hoher Amtsträger der Kirche sich häufig gegen kirchenkritische und separatistische Tendenzen in Frankfurt entgegenzustemmen, andererseits teilte er deren temperamentvoll vorgetragene Sorge um die Neubelebung einer evangelischen Frömmigkeit. Hier ist von vornherein ein für den ganzen lutherischen Pietismus typischer Zweifontenkrieg zu beobachten: Spener wollte nicht den normalen Kirchenbetrieb seiner auf Orthodoxie geprägten Kirche; andererseits hatte er große Hemmungen, die lutherische Kirche (wie es die Separatisten und Sektierer seiner Zeit gern taten) pauschal als die "Hure Babylon" (Offb. des Joh.) anzuprangern. Speners pietistischer Kurs ging seit den Pia Desideria von 1675 mitten zwischen diesen beiden Extremen hindurch.
Spöttische Gegner benutzten das Wort "Pietismus" erst als vorwurfsvollen Schimpfnamen, der wurde von den Angegriffenen zum Ehrennamen umgeformt (wobei das Wort zu einem eigentümlichen Reizwort wurde, was es bis heute geblieben ist...). In der Reformationszeit war es mit dem Begriff "Protestanten ja fast genauso gewesen!
Es war damals eine große Erweckungszeit, in der sich allenorts diese genannten kleinen Gruppen bildeten, die meist am Sonntagnachmittag oder –abend zusammenkamen. Die Pietisten waren der Meinung, daß ein "von oben wiedergeborener" Christ etwas sehr viel Anderes und Tieferes war als ein normaler Kirchenchrist, der viel orthodoxe Gelehrsamkeit auswendig lernen mußte, was dann Kopfsache und oft nicht Herzenssache war, Hand in Hand mit dem Thema Wiedergeburt wurde ein anderes Thema stark betont: das Thema "Heiligung", d.h. die Sorge um ein einerseits glaubwürdiges und ein andererseits strenges und Gottes Wort kompromißlos gehorsames Leben. All das war eine Konsequenz daraus, das die Pietisten eine sehr lebendige Beziehung zur Bibel besaßen. Diese Bibelchristen wollten die Kerntruppe sein: ecclesiola in ecclesia, Kirchlein in der Kirche.
Speners Zeit in Frankfurt war auch überschattet von traurigen Ereignissen, so z.B. auch von "eigenen" Leuten, die einen Schritt zu weit gingen. Der genannte J.J. Schütz geriet in solches Fahrwasser, und auch die genannte Eleonore Petersen mit ihrem Mann. Daneben hatte sich Spener gegen orthodoxe Angriffe von außen bis zu seinem Tode auseinanderzusetzen (eine riesige literarische Fehde mit Streitschriften hüben und drüben entspann sich. Aus Speners Frankfurter Zeit ist noch erwähnenswert, daß er sich sehr für den Katechismusunterricht für Kinder (fand an Sonntagnachmittagen statt) einsetzte (1677 neuer Katechismus von Spener); und seien Reform des Unterrichts setzte sich in vielen deutschen Gebieten durch.
Ab 1686 war Spener zum Oberhofprediger in Dresden berufen worden, eine ehrenvolle Stelle, die er fünf Jahre lang innehatte. In dieser Dresdener Zeit kam auch der intensive Umgang mit August Hermann Francke zustande, die sich dann in Speners Berliner Zeit (1691-1705), in der er als Propst wirkte, fortsetzte. In der Berliner Zeit war Spener auf dem Höhepunkt seiner Bekanntheit angelangt; er unterhielt eine überaus umfangreiche Korrespondenz mit wichtigen Leuten in Pietismus und Kirche. Tausende von Briefen an alle möglichen Leute sind uns gedruckt und ungedruckt erhalten geblieben. Darin sehen wir in wie starkem Maße Spener, der theologisch wie seelsorgerlich kluge Mann, die Fäden bei der Frühzeit der pietistischen Bewegung in der Hand hatte. Welch großen Einfluß Spener in seiner Zeit und darüber hinaus hatte, ersieht man auch aus seinem literarischen Lebnswerk: 1705 (bei Speners Tod), als die pietistische Bewegung langsam in die Hände der 2. Generation der pietistischen Bewegung kam (Francke, Zinzendorf, Bengel, Oetinger), da sind es 225 dicke Bände gewesen, die Spener veröffentlicht hat.

3. Speners "Pia Desideria" und das pietistische Reformprogramm:
Etwas Ähnliches, was für die Reformation die 95 Thesen Luthers waren, bedeutende die Schrift "Pia Desideria" (zu deutsch: Fromme Wünsche zu einer gottwohlgefälligen Besserung der wahren Ev. Kirche) für den Pietismus. Die Pia Desideria waren ursprünglich nur die Vorrede einer von Spener neu herausgegebenen Predigtpostille des schon genannten Johannes Arndt. Aber die Pia desideria sind danach des öfteren als – wir würden sagen – "Taschenbuch" herausgekommen. Es ist eine Schrift, die sich bis heute für jeden, der die Reform der Kirche will, zu lesen lohnt!
Wir hören hier jetzt im Seminar von einem Tonband Auszüge aus der Schrift Pia Desideria [hören].
Die Schrift ist in drei Abschnitte gegliedert: Im ersten Teil geht es um Kritik an der alten, in Orthodoxie erstarrten Kirche. Insbesondere geht es um Vorwürfe gegen den Obrigkeitstand, um den Mißbrauch des landesherrlichen Kirchenregiments. Ferner geht es da Spener um die Sorgen, daß die Pfarrer an den Unis falsch ausgebildet seien und es an echtem Glauben fehlen ließen, darüber hinaus fehle es an glaubwürdigen Laien ebenso.
Einzigartig als Kern der Reformschrift ist dann der Mittelteil der Pia Desideria: die "Hoffnung besserer Zeiten für die Kirche", das ist etwas Neues und unerhört Wichtiges! Dort spricht Spener von der christlichen Zukunftshoffnung, so wie er sie nach seinem Schriftverständnis der Bibel entnimmt. Er meint, die Lahmheit der orthodoxen Kirche liege auch daran, daß man da die christliche Hoffnung vergessen hat und nur noch auf dem Jüngsten Tag, das Jenseits, wartet und deshalb passiv die Hände in den Schoß legt. Gestützt v.a. auf Römer 9-11 und Offb. 18 und 19, betont Spener, daß auf die Kirche auf der Erde noch eine große Gnadenzeit wartet, daß die Juden noch vor dem Ende der Welt bekehrt werden und daß Rom, der Katholizismus also, zusammenbricht – daß dann die Kirche in jener Klarheit und Reinheit in der Welt lebt, wie es am Anfang in der Jerusalemer Urgemeinde gewesen ist. Diese große Hoffnung für die Kirche, die "Hoffnung besserer Zeiten" ist hinter allen pietistischen Aktivitäten sozusagen der Motor. Aus dieser Hoffnung ist all das zu verstehen, was hier bereits zum Stichwort "Weltverwandlung durch Menschenverwandlung" anklang. Und diese große, manchmal fast utopische und revolutionäre Vision von der Gnadenzeit vor dem Weltende, vom 1000jährigen Reich auf Erden, ist in den nächsten Jahrhunderten bis in unsere Zeit hinein für viele Pietisten bestimmend geblieben.
Im dritten und letzten Teil seiner Pia Desideria nennt Spener dann als Veranschaulichung dessen, was nun praktisch zu tun ist, Verbesserungsvorschläge: Predigt auf Erbauung des inneren Menschen anlegen, konfessionelle Streitigkeiten beiseitelegen, wegkommen von der äußerlichen Kirchlichkeit, weg von der Theorie – hin zur Praxis, und – last not least – völlige Reform des theologischen Studiums.
Schön zusammengefaßt ist Leben und Werk Speners auf der Internetseite der württembergischen Landeskirche: "Drei Tage nach Lichtmeß ist der Gedenktag von Philipp Jakob Spener, der am 5. Februar 1705 in Berlin gestorben ist. Als Sohn einer frommen Juristenfamilie wurde er 1635 in Rappoltsweiler im Elsaß geboren. Neben der Wappenkunde, die er mit großem Eifer und Anerkennung betrieb, galt seine Leidenschaft der Theologie, die er in Straßburg studierte. Obwohl von eher bescheidener und zaghafter Natur, machte Spener schnell Karriere. Bereits mit 31 Jahren hatte er das höchste geistliche Amt in Frankfurt inne. Als Oberpfarrer der dortigen Barfüßerkirche lernte er die kirchlichen Verhältnisse in der freien Reichsstadt kennen und mit scharfem Blick analysieren. So vermißte er die nötige Glaubenstiefe bei seinen Kollegen und beklagte den unfrommen Lebenswandel beim Kirchenvolk. Da er sich damit nicht einfach abfinden wollte, griff er zur Feder und formulierte einige "Fromme Wünsche", lateinisch "Pia desideria". Sein Hauptanliegen formulierte er im Untertitel der berühmten Schrift: "Herzliches Verlangen nach gottgefälliger Verbesserung der wahren Evangelischen Kirche".
Ursprünglich nur als Vorwort zu einer Predigtsammlung erschienen, fanden die "Pia desideria" bald einen enormen Widerhall und machten ihren Verfasser zu einem der Gründergestalten des Pietismus. In seiner Schrift unterzog Spener die Kirche einer radikalen Kritik, unterbreitete aber gleichzeitig verschiedene Reformvorschläge als Wege aus der Misere. Unter anderem schrieb er den Theologen ins Stammbuch, sie sollten sich fürderhin in Religionsstreitigkeiten liebevoller verhalten und nicht mehr rhetorisch gestelzt, sondern erbaulich predigen. Vor allem wichtig war ihm ein regelmäßiges Studium der Bibel, das er allen Christenmenschen empfahl, und die Erkenntnis, daß das Christentum nicht nur mit dem Kopf, sondern vor allem mit dem Herzen zu tun hat. Nicht im Wissen, sondern im Tun sieht Spener das Wesentliche an seiner Religion. Obwohl er in dieser Richtung mißverstanden wurde, wollte der Pietistenvater keine Trennung von der Kirche, sondern deren Durchdringung durch die neue Frömmigkeitsbewegung. Von seinen konservativen Theologen-Kollegen vielfach angefeindet, zog sich Spener als Dresdener Oberhofprediger auch noch den Zorn seines Landesherren zu. Weil der es mit dem christlichen Lebenswandel nicht so genau nahm, wurde er vom strengen Sittenprediger Spener auf den rechten Weg einer gottgefälligen Lebensführung zurückgerufen. Der Streit unter den ungleichen Kontrahenten endete damit, daß Spener 1691 den kurfürstlichen Hof verließ und nach Berlin übersiedelte. Auch dort blieb er im Mittelpunkt des Interesses und der Kritik. Galten den aufgescheuchten traditionellen Theologen seine Überzeugungen als Irrlehre, so erntete Spener auf anderer Seite viel Zustimmung. An der Universität Halle etablierte sich schließlich eine pietistische Theologenschaft, die die Ideen und Überzeugungen ihres geistigen Gründervaters pflegte und weiterentwickelte. (Marcus Bogner / Christof Vette)

III. August Hermann Francke, die Francke’schen Stiftungen und die Ausbildung des "Hallischen Pietismus"
 

Das schon zitierte Lexikon vermerkt zu Franckes Leben und Werk Folgendes:
"Francke, August Hermann (1663-1727), evangelischer Theologe und pietistischer Pädagoge. Nach dem Ende der Glaubenskriege in Europa, dem Dreißigjährigen Krieg, entstanden in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts neue religiöse Bewegungen. Im norddeutschen und rheinischen Raum gründete der evangelische Theologe Philipp Jacob Spener (1635-1705) "Erbauungszirkel", die sich statt durch Dogmenstreit durch ständige Gewissensprüfungen, Gebete und gute Werke auszeichnen sollten. Speners bedeutendster Schüler ist Francke, der mit seiner Pädagogik Kinder und Jugendliche vor allem von den "Einblasungen des Bösen" fernhalten wollte. Dazu bedurfte es nach Franckes Ansicht zunächst der "Brechung des Eigenwillens", um die Kinder danach zu "evangelischer Lindigkeit" erziehen zu können. Francke, der als Pietist aus Leipzig vertrieben wurde, ging nach Halle (Saale) und gründete dort die Franckschen Stiftungen, die ein Waisenhaus, eine Lateinschule und ein Lehrerseminar vereinten. Als Pietist war Francke entschiedener Gegner der Orthodoxie und der Aufklärung und forderte eine Erziehung, die durch äußerste Strenge, Verbot von Spiel und Musik sowie Gebet und Bibelstudium gekennzeichnet war.
Verfasst von: Joachim Hasebrook"
August Hermann Francke war ein evangelischer Theologe, der 12.(22.)3.1663 in Lübeck geboren wurde, und sein Werk ist in zwei anderen Texten (aus dem Internet) so zusammengefaßt:
"Er erlebte 1687 in Lüneburg seine Bekehrung, woraufhin ihm 2 Jahre später von der Fakultät seine Lehrtätigkeit in Leipzig verboten wurde. 1691 wurde er als Professor der griechischen und hebräischen Sprache nach Halle berufen.
Die von ihm gegründeten Franckeschen Stiftungen hatten weitreichenden Einfluß. Er war einer der Väter des Pietismus und der deutschen evangelischen Mission. Am 8.6.1727 verstarb A. H. Francke in Halle/Saale, wo er auf dem Stadtgottesacker beerdigt wurde."
"August Herrmann Francke, geboren am 22. März 1663 in Lübeck, wuchs in Gotha auf und besuchte die Universitäten Erfurt, Kiel und Leipzig, wo er schließlich 1685 promovierte und Vorlesungen hielt. Nach unruhevollen, oft mit theologischen Streitigkeiten angefüllten Wanderjahren nahm der junge Gelehrte auf Vermittlung des einflußreichen Theologen Spener den Ruf nach Halle an, wo er laut Reskript vom 22. Dezember 1691 die Professur der griechischen und orientalischen Sprachen an der eben entstehenden Universität wahrnehmen sollte. Gleichzeitig übertrug die Regierung ihm das Pastorat an der Georgenkirche in der vor Halle gelegenen Giebichensteiner Amtsstadt Glaucha, die sich in einem schlimmen sozialen Zustand befand.
 

Francke kam am 7. Januar 1692 in Halle an und widmete sich mit Umsicht, Fleiß und Tatkraft seinen neuen Aufgaben als Dozent und Prediger. Tief erschüttert von dem Elend und der Verwahrlosung in den Familien begann er, sich intensiv um die gefährdeten Kinder zu kümmern, sie zu unterrichten und ihnen Kleidung und Essen zukommen zu lassen.
Mit einem 7-Gulden-Geschenk legte er 1695 den Grundstein für die Schule, drei Jahre später waren schon 56 Lehrer für 409 Schüler und für 72 zukünftige Lehrer der Anstalt tätig. Vom preußischen König erhielt er 1698 das Privileg für die Errichtung und Führung eines Waisenhauses. Es entstand nun ein Gebäude nach dem anderen. Zur Finanzierung der umfassenden und Jahr für Jahr neu auszuführenden Bauten unterhielt Francke von Anfang an einen großen Wirtschaftsbetrieb, u.a. mit Medikamentenexpedition, Apotheke, Druckerei und Buchhandlung. Am 8. Juni 1727 starb Francke tief betrauert in Halle. Er hinterließ ein Werk, in dem insgesamt ca. 2500 Zöglinge aus dem Pädagogium, der Lateinschule, dem Waisenhaus und den deutschen Schulen erzogen wurden. Im Jahre 1829 wurde vor dem Pädagogium ein von Christian Rauch geschaffenes Denkmal aufgestellt. Heute werden die umfassend rekonstruierten Gebäude durch die Forschungseinrichtungen der Franckeschen Stiftungen selbst und durch mehrere Universitätsinstitute genutzt."
Wir wollen uns Einiges aus dem Leben von August Hermann Francke näher klarmachen, in drei Schritten: (1.) zu Franckes Kindheit, Jugend und Zeit vor Halle, (2.) zu Halle und den Francke’schen Stiftungen und (3.) zu weiteren Grundsätzen des Hallischen Pietismus.
1. Zu Franckes früher Zeit:
August Hermann Francke, in der Hansestadt Lübeck geboren, entstammte einer nicht unbedeutenden Familie, der Vater war Jurist, der – als der Sohn klein war – in den Dienst Herzog Ernsts des Frommen nach Gotha ging und schon 1670 starb. Auch hier war eine Frau von Rang die Patin: Herzogin Sybilla von Sachsen-Lauenburg, die Tochter des regierenden Fürsten, von dem der Junge den Namen August hatte. Gotha bedeutete für das Aufwachsen des Jungen viel, auch für die Frömmigkeit. So las man in der Familie auch Arndts Erbauungsbücher usw. Einen großen Einfluß auf die Entwicklung des ehrgeizigen und mit vielen gaben versehenen Jungen war das Lübecker Stipendium Schabbelianum, das ihm als Hochbegabten zukam und das aus der Familie mütterlicherseits gestiftet worden war. Entwicklung: Gymnasium Gotha 1676/77, 1679 Student in Erfurt. "meine theologiam faßte ich in den Kopff und nicht ins Hertz, und war vilmehr eine todte Wissenschaft als eine lebendige erkenntniß", bekannte Francke von dieser frühen Zeit später. In Hamburg lernte er bei dem berühmten Juden und Hebraisten Esdras Edzard die Grundlagen der alttestamentlichen und orientalistischen Philologie (will in 1 ½ Jahren sechsmal die hebräische Bibel durchgelesen haben...) und kam dann 1684 als Student nach Leipzig, wo er bei Speners Schwiegersohn Adam Rechenberg wohnte; 1685 wurde er Magister.
Zusammen war er mit dem Theologen Paul Anton (der Spener schon seit 1681 kannte), und die beiden gründeten ein "Collegium philobiblicum", da ging es um wissenschaftliches Lesen des Alten und Neuen Testamentes, aber ein bißchen was von einem pietistischen Konventikel im Spenerschen Sinn hatte das auch schon. So langsam ging da Francke auf seine berühmte "Bekehrung" zu; im Blick auf sein geistliches Berufsziel spitzte sich seine Lebenskrise zu.
Ab Herbst 1687 findet man ihm im Zusammenhang seines Schabbelschen Stipendiums wieder in Norddeutschland, und zwar in Lüneburg beim berühmten Superintendenten und praktischen Theologen Sandhagen. Und im weiteren Zusammenhang seines Studiums hat er da eine Predigt zu verfassen über Joh. 20,31 (glauben, daß Jesus der Christus sei), wo die Krise vollends ausbricht: Anfechtungen des Atheismus, alles durcheinander geraten – und mitten darin: auf den Boden geworfen – Bekehrung, Gebet und neue Gewißheit – Franckes Schlüsselerlebnis. Von ihm her ist "Wiedergeburt" nicht etwa ein neues Dogma, kein dogmatischer Begriff, sondern eigene Erfahrung! Von nun an gilt es ihm, alles auf das reich Gottes zu beziehen. Man findet ihn wenig später wieder in Leipzig, wo er nach seinem Durchbruch Vorlesungen mit einem durchschlagenden Erfolg hält, engere Kontakte zu Spener in Dresden gibt es 1688/89. Seine Leipziger Lehrtätigkeit zieht Lehrverbot nach sich nach erbitterter Feindschaft der Gegner. Ab Mitte 1690 ist er "Diakonus" der Augustinerkirche in Erfurt, aber auch da wird er amtsenthoben: Ab 1691 dann endlich bei und in Halle – als Pfarrer in Glauchau, wobei er gleichzeitig Professor für griechische und orientalische Sprachen an der Universität Halle wird.

2. Die Halleschen Aktivitäten in Kurzform:
Dem Glauchaer Pfarrer kommt 1695 die neue Idee, die Armenbüchse im Pfarrhaus anzubringen – zuerst mit nicht viel Erfolg, doch dann geht’s los – Armenschule, Beginn des "Pädagogiums" in Halle, in das adlige und andere junge Leute gegen Entgelt aufgenommen werden. 16. 11. 1695 Beginn des Waisenhauses, 1696 "Freitisch" für arme Studenten, 1697 Eröffnung einer Buchhandlung, 1698 werden schon 409 Kinder von 56 Lehrern unterrichtet; im gleichen Jahr Grundsteinlegung des "Hauptgebäudes". Dann: 1701 Erziehungsanstalt für Mädchen (aber gescheitert): vieles andere kam noch dazu, und aus der Armenbüchse vom Anfang war bald so etwas wie eine kleine Stadt geworden.
Aber dieses epochemachende Werk war dennoch nur ein kleiner Ausschnitt des Wirkens von August Hermann Francke: Bemühungen um die Bibelverbreitung, Bemühungen um die Missionsache – wie nie vor ihm, und vieles vieles andere wäre hier zu nennen. Nicht zuletzt das: daß er Speners lutherischem Pietismus seinen Stempel aufdrückte und dieser "Hallische Pietismus" eine ganz eigene Form wurde.

3. Zusammenfassendes zum Hallischen Pietismus:
Francke hatte bei all seinen Aktivitäten eine klare Mitte: es war nicht der Aktionismus, wie man ihn heute in der Kirche oft kennt, daß man da alles und jedes macht, Hauptsache, es ist sozial. Auch bei seinem Leib- und Magenthema Erziehung ging es ihm durch und durch um das Ziel, junge Menschen zu Jesus zu führen. Theologisch schloß er sich viele enger noch als Spener an Martin Luther an, und die Unterscheidung von Gesetz und Evangelium war ihm grundwichtig: da gab es eine Brücke zwischen dem lutherischen Rechtfertigungsgedanken und der pietistischen Wiedergeburtslehre, wobei bei Francke das, was als Frucht herauskam bei der Rechtfertigung, den wichtigen Akzent bekam.
Daß Francke all das nicht im Alleingang tat, sei eigens betont. Er, der Mann, der so viele junge Menschen erzogen hatte, hat pietistisch eine Heerschar Jüngerer geprägt. Z.B. saß auch der Graf Zinzendorf (1700-1760) als Jüngling am Tisch des August Hermann Francke im Pädagogium. die von Francke ausgehenden Wirkungen gingen nach Franckes Tod 1727 weiter, wenn auch Halle als Stadt sehr bald nach seinem Tod nicht mehr sehr pietistisch geprägt war, sondern durch den Geist der Aufklärung.  
 


Männerkreis Deilinghofen - Vorbereitung der Studienfahrt der Ev. Kirchengemeinde
"auf den Spuren der Väter des Pietismus nach Halle und Herrnhut"
vom 21. bis 24. Mai 1998
Gemeindeseminar der Ev. Kirchengemeinde über "Pietismus" - zweiter Abend am Mittwoch, 11.3.98

Nikolaus Ludwig Graf von Zinzendorf und der Herrnhuter Pietismus mit einem Kurzausblick auch auf den Pietismus in Württemberg im 18. Jahrhundert und einem Überblick auf die Geschichte der Herrnhuter in Deilinghofen und Hemer von 1740 bis 1950
 

Gliederung des Themas dieses Abends:
I. Einstieg ins Thema: Zinzendorf in unserem Gesangbuch, Zinzendorf und die Losungen, die hiesigen Herrnhuter in der "Geschichte des Pietismus"
II. Zinzendorfs Lebensbild: Sein Leben und Wirken im Überblick
III. "Das Reich Gottes in Württemberg". Ein kurzer Blick auf die "Schwäbischen Väter" Johann Albrecht Bengel und Friedrich Christoph Oetinger und deren Nachwirkungen in Württemberg bis heute
IV. Die Herrnhuter in der Grafschaft Mark: in Deilinghofen, Sundwig, Westig und Iserlohn (folgt in der Sitzung im Mai!)
 


B E G I N N   D E S    R E F E R A T S
 

I. Einstieg ins Thema:
Zinzendorf in unserem Gesangbuch (I.1), Zinzendorf und die Losungen (I.2), die hiesigen Herrnhuter in der "Geschichte des Pietismus" (I.3)
I.1 - Zinzendorf und das Gesangbuch:
"Texte" von Zinzendorf, die ganz zentrale Themen seiner Glaubensrichtung widerspiegeln, sind durch seine Gesangbuchlieder allseits bekannt. Die Zusammenfassung von Zinzendorfs Leben und Wirken, wie wir sie im Anhangsteil des neuen Gesangbuchs finden, wird hier als Einstieg vorangestellt, zusammen mit Liedstrophen Zinzendorfs im neuen Gesangbuch: "ZINZENDORF, Nikolaus Ludwig Graf von: geb. 1700 in Dresden, Schüler des Franckeschen Pädagogiums in Halle, 1721 Hof- und Justizrat in Dresden; er nahm die um ihres Glaubens willen vertriebenen Mährischen Brüder in seinem Gut Berthelsdorf auf und gründete 1727 die Herrnhuter Brüdergemeine, trat in den geistlichen Stand und wurde ab 1737 ihr erster Bischof; 1736 aus Sachsen verwiesen, verlegte er seine Gemeindearbeit in die Wetterau mit der Ronnebürg, Schloß Marienborn und Herrenhaag; nachdem er im Baltikum, in Westindien und Nordamerika missionarisch unter Heiden und ökumenisch unter Christen tätig war, lebte er in London und seit 1756 wieder in Herrnhut; dort gest. 1760. Mit seinen »Singstunden«, den Liturgien und Litaneien, mit seinen überquellenden Gesangbuchausgaben und den 2000 oft improvisierten und sprachlich bizarren Liedern hat er das geistliche Singen als emotionale und gemeinschaftbildende Glaubensäußerung verstanden; Christian Gregor hat die Lieder zum Gebrauch im Gottesdienst zusammengestellt und bearbeitet. -
T 198 (Str. 1), (T) 251, 254, 350, 391".

Wir zitieren hier die genannten Zinzendorfschen Liedtexte aus dem neuen Gesangbuch:
Lied 198, 1, geschrieben vom 25jährigen Zinzendorf: 1. Herr, dein Wort, die edle Gabe, / diesen Schatz erhalte mir; / denn ich zieh es aller Habe / und dem größten Reichtum für. / Wenn dein Wort nicht mehr soll gelten, / worauf soll der Glaube ruhn? / Mir ist's nicht um tausend Welten, / aber um dein Wort zu tun.
Text: Nikolaus Ludwig von Zinzendorf (1721) 1725, London 1753, bearbeitet von Christian Gregor 1778 Musik: Adam Drese 1698

Lied 350, 2-5 von Zinzendorf 1739 geschrieben:
1. [Christi Blut und Gerechtigkeit, / das ist mein Schmuck und Ehrenkleid, / damit will ich vor Gott bestehn, / wenn ich zum Himmel werd eingehn.]
2. Drum soll auch dieses Blut allein / mein Trost und meine Hoffnung sein. / Ich bau im Leben und im Tod / allein auf Jesu Wunden rot.
3. Solang ich noch hienieden bin, / so ist und bleibet das mein Sinn: / Ich will die Gnad in Jesu Blut / bezeugen mit getrostem Mut.
4. Gelobet seist du, Jesu Christ, / daß du ein Mensch geboren bist / und hast für mich und alle Welt / bezahlt ein ewig Lösegeld.
5. Du Ehrenkönig Jesu Christ, / des Vaters ein'ger Sohn du bist; / erbarme dich der ganzen Welt / und segne, was sich zu dir hält.

Text: Str. 1 Leipzig 1638; Str. 2-5 Nikolaus Ludwig von Zinzendorf 1739, bearbeitet von Christian Gregor 1778 Musik: Wir danken dir, Herr Jesu Christ (Nr. 79)

Lied 251: Herz und Herz vereint zusammen, geschrieben, als der Graf 23 war:
1. Herz und Herz vereint zusammen / sucht in Gottes Herzen Ruh. / Lasset eure Liebesflammen / lodern auf den Heiland zu. / Er das Haupt, wir seine Glieder, / er das Licht und wir der Schein, / er der Meister, wir die Brüder, / er ist unser, wir sind sein.
2. Kommt, ach kommt, ihr Gnadenkinder, / und erneuert euren Bund, / schwöret unserm Überwinder / Lieb und Treu aus Herzensgrund; / und wenn eurer Liebeskette / Festigkeit und Stärke fehlt, / o so flehet um die Wette, / bis sie Jesus wieder stählt.
3. Legt es unter euch, ihr Glieder, / auf so treues Lieben an, / daß ein jeder für die Brüder / auch das Leben lassen kann. / So hat uns der Freund geliebet, / so vergoß er dort sein Blut; / denkt doch, wie es ihn betrübet, / wenn ihr euch selbst Eintrag tut.
4. Halleluja, welche Höhen, / welche Tiefen reicher Gnad, / daß wir dem ins Herze sehen, / der uns so geliebet hat; / daß der Vater aller Geister, / der der Wunder Abgrund ist, / daß du, unsichtbarer Meister, / uns so fühlbar nahe bist.
5. Ach du holder Freund, vereine / deine dir geweihte Schar, / daß sie es so herzlich meine, / wie's dein letzter Wille war. / Ja verbinde in der Wahrheit, / die du selbst im Wesen bist, / alles, was von deiner Klarheit / in der Tat erleuchtet ist.
6. Liebe, hast du es geboten, / daß man Liebe üben soll, / o so mache doch die toten, / trägen Geister lebensvoll. / Zünde an die Liebesflamme, / daß ein jeder sehen kann: / wir, als die von einem Stamme, / stehen auch für einen Mann.
7. Laß uns so vereinigt werden, / wie du mit dem Vater bist, / bis schon hier auf dieser Erden / kein getrenntes Glied mehr ist, / und allein von deinem Brennen / nehme unser Licht den Schein; / also wird die Welt erkennen, / daß wir deine Jünger sein.

Text: Nikolaus Ludwig von Zinzendorf (1723) 1725, bearbeitet von Christian Gregor 1778 und Albert Knapp 1837 Musik: 17. Jh.; geistlich Bamberg 1732, Herrnhaag um 1735

Strophe 1 von Lied 254, geschrieben, als der Graf 36 war:
1. Wir wolln uns gerne wagen, / in unsern Tagen / der Ruhe abzusagen, / die's Tun vergißt. / Wir wolln nach Arbeit fragen, / wo welche ist, / nicht an dem Amt verzagen, / uns fröhlich plagen / und unsre Steine tragen / aufs Baugerüst.

Zinzendorfs bekanntestes Lied: Jesu, geh voran, Nr. 391:
1. Jesu, geh voran / auf der Lebensbahn! / Und wir wollen nicht verweilen, / dir getreulich nachzueilen; / führ uns an der Hand / bis ins Vaterland.
2. Soll's uns hart ergehn, / laß uns feste stehn / und auch in den schwersten Tagen / niemals über Lasten klagen; / denn durch Trübsal hier / geht der Weg zu dir.
3. Rühret eigner Schmerz / irgend unser Herz, / kümmert uns ein fremdes Leiden, / o so gib Geduld zu beiden; / richte unsern Sinn / auf das Ende hin.
4. Ordne unsern Gang, / Jesu, lebenslang. / Führst du uns durch rauhe Wege, / gib uns auch die nöt'ge Pflege; / tu uns nach dem Lauf / deine Türe auf.

Text: Nikolaus Ludwig von Zinzendorf (1721) 1725, London 1753, bearbeitet von Christian Gregor 1778 Musik: Adam Drese 1698

 

I.2: "Die Losungen" - wie in Herrnhut alles begann:
Nikolaus Ludwig Graf von Zinzendorf (1700 1760) erlaubt ab 1722 Flüchtlingen aus Böhmen und Mähren, sich auf seinem Gut in der Oberlausitz (Sachsen) anzusiedeln. Sie sind Nachfahren der Böhmischen Brüder, die ihren evangelischen Glauben in ihrer Heimat nicht mehr leben durften. Nach dem Willen der Habsburger Machthaber hatten sie der katholischen Kirche anzugehören. Auf dem Zinzendorfschen Land gründen sie Herrnhut. Es entsteht eine christliche Kommunität. Glauben, Leben und Arbeiten gehören zusammen. Von allen kirchlichen Strömungen kommen Menschen, die hier neue Impulse für ihren Glauben erwarten. Herrnhut wächst schnell. Weitere Siedlungen in Deutschland und Europa entstehen. Sechs Jahre, nachdem der erste Baum für Herrnhut gefällt worden war, gibt Zinzendorf bei der abendlichen Versammlung am 3. Mai 1728 die erste »Parole« für den nächsten Tag aus. Es ist der Liedvers: »Liebe hat ihn hergetrieben, Liebe riß ihn von dem Thron, und ich sollte ihn nicht lieben?« Damit beginnt die beispiellose Geschichte der Losungen. Drei Jahre später erscheint die erste gedruckte Ausgabe der Losungen. Seither wird das Büchlein Jahr für Jahr ohne Unterbrechung, auch in Kriegszeiten, herausgegeben.

I.3: Zinzendorf und Herrnhuter in Hemer und Deilinghofen:

Kopie aus der bei Vandenhoeck (Göttingen) erschienenen großen vierbändigen Geschichte des Pietismus, hg. von Martin Brecht, Bd. II, links S.364

Oben: Fortsetzung der Kopie, S. 365; Gottfried Wilhelm Andreas Dümpelmann ist der Erbauer des Alten Pastorats in Deilinghofen

 
II. Zinzendorfs Lebensbild: Sein Leben und Wirken im Überblick
Der Graf Zinzendorf ist neben Spener und Francke, deren Leben und Wirken wir am ersten Seminarabend betrachteten, der dritte große "Vater des Pietismus" im 18. Jahrhundert, aber er gehört einer späteren Generation an als die Genannten.
 

Am 26. Mai 1700 wurde er in Dresden in einer begüterten adligen Familie geboren. Als Vierjährigem ist ihm im Haus seiner adligen Großmutter in Großhennersdorf Spener noch begegnet (der ein Jahr später, 1705, ja starb). Zinzendorfs Oma, eine überzeugte Pietistin, war auch mit August Hermann Francke gut bekannt und befreundet.
Zinzendorfs Vater war ein höherer Beamter, der es zum Geheimen Rat und zum Minister brachte. Entstammte der Vater dem österreichischen Adel, so war die Mutter eine von Gerstein aus der sächsischen Aristokratie. Die Familie hatte es nach Sachsen verschlagen aus religiösen Gründen, wo man sich im (seit 1635 sächsischen, vorher böhmischen) Berthelsdorf (Schloß Berthelsdorf auf der Abbildung unten, S.6) ansiedelte. Nikolaus Ludwig aber lebte die ersten 10 Jahre seines Lebens (der Vater war in der Zeit seiner Geburt gestorben, und die Mutter hatte neu geheiratet) bei der schon genannten Großmutter Henriette Katharina von Gersdorff, der Frau des Obelausitzer Landvogts. Sie war eine originelle und sehr engagierte Persönlichkeit, die aus tiefer echter Frömmigkeit die Volkserziehung, die Bibelverbreitung und auch die Mission unterstützte. Wie sehr sie geistig eigenständig war, ergibt sich auch daraus, daß es einen Briefwechsel zwischen ihr und dem großen Philosophen Leibniz gibt. Eine typische Selbstaussage Zinzendorfs über den Einfluß seiner Großmutter auf ihn: "Ich beziehe meine Principia von ihr her. Wenn sie nicht gewesen wäre, wäre unsere Sache nicht zustande gekommen. Sie war eine Person, der alles in der Welt anlag, was den Heiland interessierte. Sie wußte keinen Unterschied zwischen der kath., luth. und ref. Religion, sondern was Herz hatte und an sie kam, das war ihr Nächster." Von seinem 10. bis zum 16. Lebensjahr wurde der junge Graf in Franckes berühmten Pädagogium in Halle erzogen. Er war ein sehr auffälliger Schüler dieser "urpietistischen" Bildungsanstalt. Als Reichsgraf durfte er an Franckes Tisch speisen, und er bewunderte täglich die Aktivitäten dieses Christen, der sein Vorbild wurde. Als durchaus eitel, aber v.a. phantasiereich erwies sich der junge Graf in Halle. Z.B. regten ihn die Missionsnachrichten an, die Francke dort bei Tisch zukamen. Unter den Gleichaltrigen im Pädagogium verschaffte er sich durch sein mitreißendes Temperament viele Freunde. Schon in dieser Schülerzeit war er ein engagierter Pläneschmied. Typische Selbstaussage: " Von Natur aus war ich voll Feuer, Leben und Leichtsinn, und das war doch mit lauter Bewegungen und Anstalten auf die Sache Jesu untermengt". Zum Beispiel gründete er, als er fast noch ein Kind war, in Halle den "Senfkornorden" zusammen mit gleichgesinnten Kumpels des Pädagogiums, und man versprach, auch nach der Schulzeit zusammenzubleiben, und jeder in dem Orden bekam einen Ring mit der Inschrift: "Unser keiner lebt sich selber". Ostern 1715 - ein Jahr vor seinem Schulabgang in Halle - sollte Zinzendorf bei einer Schulfeier ein selbstverfaßtes Gedicht über die Grundlagen des Staates, das aus 300 Versen bestand, auswendig aufsagen. Es wird überliefert, daß seine Schülereitelkeit einen herben Stoß versetzt bekam, als er sich beim Aufsagen des Gedichtes hoffnungslos verhedderte. Der Wunsch, nach 1716 in Halle Theolgie zu studieren, wurde von Zinzendorfs Vormund verwehrt, der ihn stattdessen nach Wittenberg zum Jurastudium schickte. Aber auch dort in Wittenberg verlieh sich der Jurastudent einen beträchtlichen theologischen Kenntnisstand. 1717 zum 200jährigen Reformationsjubiläum, als allenthalben "unionistische" Tendenzen aufkamen (unionistisch heißt: engeres Zusammengehen der Lutheraner und der von Calvin bzw. Zwingli geprägten Reformierten) da betätigte sich auch Zinzendorf in dieser Richtung: Er verfaßte vier Unionsschriften und korrespondierte diesbezüglich mit Theologen.

Zinzendorfs "Kavaliersreise" 1719/20, seine Bildungsreise, führte ihn in die kulturellen Zentren Westeuropas. In Düsseldorf in jener Gemäldegalerie sah er ein Gemälde des Malers Domenico Feti, das den Gekreuzigten zeigte mit der Unterschrift in lateinischer Sprache, die den jungen Grafen sehr aufwühlte und sich ihm tief einprägte: "Das tat ich für dich! Was tust du für mich?" Weitere Stationen der Reise waren die Niederlande und dann Paris, wo er geistlich wesentliche Impulse erhielt: Begegnung mit dem Calvinismus und dem Katholizismus. Letzteres wurde in Paris wichtig durch die Begegnung mit dem Jansenismus, einer katholischen Erneuerungsbewegung, die dort - dem Pietismus in einer gewissen Weise entsprechend - im Gange war. Besonders war es der Pariser Erzbischof, Kardinal Noailles, mit dem er in freundschaftliche Beziehungen trat (Korrespondenz mit ihm bis zu seinem Lebensende). So hat Zinzendorf auch das Erbauungsbuch von Johann Arndt (Arndts Bücher hatten wir am ersten Abend im Zusammenhang mit Spener und Francke oft genannt) "Vom wahren Christentum" (später: 1723/24) ins Französische übersetzt und dem Kardinal gewidmet. Die Begegnung mit anderen Konfessionen war der wichtigste Ertrag dieser Bildungsreise: Jesus-Liebhaber in allen Konfessionen zu finden.

Im Oktober 1721 trat Zinzendorf in Dresden sein Amt als Oberappelations- und Hofrat an. U.a. hatte er als Jurist ab 1723 die große Kassen-Kommission zu übernehmen, wo er sich durch seine Kassenprüfungen, die Korruption aufdeckten beim Hofadel, unbeliebt gemacht. Gesellschaftskritisch war auch die von ihm herausgegebene seit 1725 erscheinende Zeitschrift "Der Dresdnische Sokrates": scharfe Kritik an Gesellschaft, Adel, Staat und Amtskirche wurde da geübt.
In Zinzendorfs Wohnung sammelten sich zu der Zeit zu Erbauungsstunden Pietisten, Sektierer und echte Lutheraner; oft mehr als 50 Personen wurden da gezählt, bis die Regierung 1726 diese Konventikel verbot. Stattdessen ließ Zinzendorf wenig später Gastmahle stattfinden, wo der Graf im Staatsrock die Gäste empfing und mit ihnen Liebesmahle feierte.
Im Jahr 1722 heiratete Zinzendorf die ebenfalls pietistisch gesonnene Dorothea Eleonore Reuß in Ebersdorf, mit der er eine "Streiterehe" führte. Von deren 12 Kindern verstarben die meisten früh. Besonders geistbegabter Helfer war der Sohn Christian Renatus Graf von Zinzendorf (1727-1752), der Dichter des Liedes 464 im alten Gesangbuch: "Da wir uns hier zusammen finden".
Zum engeren Freundeskreis von Zinzendorf gehörte auch der Pfarrer Johann Andreas Rothe (1688-1758), der Dichter des Liedes: "Ich habe nun den Grund gefunden"; was über Rothe im Gesangbuch steht und den Text des Liedes drucken wir hier ab:
ROTHE, Johann Andreas: geb. 1688 in Lissa bei Görlitz, Hauslehrer, 1722 durch von Zinzendorf als Pfarrer nach Berthelsdorf berufen, wo er bei den Anfängen der Brüdergemeine in Herrnhut mitwirkte; 1737 Pfarrer in Hermsdorf bei Görlitz, später in Thommendorf bei Bunzlau; dort gest. 1758. - T 354
1. Ich habe nun den Grund gefunden, / der meinen Anker ewig hält; / wo anders als in Jesu Wunden? / Da lag er vor der Zeit der Welt, / der Grund, der unbeweglich steht, / wenn Erd und Himmel untergeht.
2. Es ist das ewige Erbarmen, / das alles Denken übersteigt; / es sind die offnen Liebesarme / des, der sich zu den Sündern neigt, / dem allemal das Herze bricht, / wir kommen oder kommen nicht. 3. Wir sollen nicht verloren werden, / Gott will, uns soll geholfen sein; / deswegen kam der Sohn auf Erden / und nahm hernach den Himmel ein, / deswegen klopft er für und für / so stark an unsers Herzens Tür.
4. O Abgrund, welcher alle Sünden / durch Christi Tod verschlungen hat! / Das heißt die Wunde recht verbinden, / da findet kein Verdammen statt, / weil Christi Blut beständig schreit: / Barmherzigkeit, Barmherzigkeit!
5. Darein will ich mich gläubig senken, / dem will ich mich getrost vertraun / und, wenn mich meine Sünden kränken, / nur bald nach Gottes Herzen schaun; / da findet sich zu aller Zeit / unendliche Barmherzigkeit.
6. Wird alles andre weggerissen, / was Seel und Leib erquicken kann, / darf ich von keinem Troste wissen / und scheine völlig ausgetan, / ist die Errettung noch so weit: / mir bleibet doch Barmherzigkeit.
7. Bei diesem Grunde will ich bleiben, / solange mich die Erde trägt; / das will ich denken, tun und treiben, / solange sich ein Glied bewegt; / so sing ich einstens höchst erfreut: / o Abgrund der Barmherzigkeit!

Text: Johann Andreas Rothe (vor 1722) 1727

Gut Berthelsdorf (s.u.)

Diesen Johann Andreas Rothe hat Zinzendorf als Pfarrer in den Ort Berthelsdorf berufen, wo der Zinzendorfsche Besitz lag. 1722 hatte Zinzendorf Berthelsdorf von seiner Großmutter abgekauft. Dort in der Berthelsdorfer Kirche schon gab es durch diesen gewaltigen Prediger eine große Erweckung. Da gab es sogar vom Grafen initiierte Predigtnachge-spräche, die später nach Herrnhut verlegt wurden.

Historische Beschreibung zum oben abgebildeten Schloß in Berthelsdorf:

Das heutige Schloß wurde 1687 an der Stelle des teilweise abgebrannten Herrenhauses erbaut. Ihr Besitzer war einmal der Graf von Zinzendorf, der es nach seiner Ausweisung aus Sachsen der Gemeinde zur Nutzung überließ. Das Schloß wechselte noch mehrmals seinen Besitzer, wurde während des 2. Weltkrieges beispielsweise zur Aufzucht von Kavalleriepferden benutzt. Nach dem Krieg wurde es als Volksgut bewirtschaftet. Das Gebäude hat einen quadratischen Grundriß und ist in seiner Bauweise relativ schlicht gehalten. Das einzig auffällige sind die 8 axial angeordneten Dachgauben (siehe Bild). Dem Schloß vorgelagert ist ein rechteckiger Gutshof, außerdem ist es von einem leicht erhöht liegenden Garten umgeben.

Rothe kam 1722 nach Herrnhut. Im gleichen Jahr kam ein mährischer Zimmermann - wohl durch Rothes Vermittlung - auf den Grafen zu:
 


 
Christian David, der ihm in Berthelsdorf die Not der evangelisch Gesinnten in Mähren schilderte. David schleuste von da an mit Billigung des Grafen mährische Asylanten nach Berthelsdorf ein. Am 17. Juni 1722 wurden am Hutberg bei Berthelsdorf die ersten Bäume gefällt für die Siedlung Herrnhut. Es folgten viele andere Exulanten, evangelische Waldenser-Nachkommen hussitischen Ursprungs waren diese Leute, die der Christian David mit Genehmigung des Grafen nach Herrnhut schleuste.
Aus einem Lexikon zitieren wir hier etwas aus der Vorgeschichte dieser Asylanten:
Böhmische Brüder, vorreformatorische Bewegung, die etwa Mitte des 15. Jahrhunderts in Prag entstanden war und aus den Hussiten hervorging. In der zweiten Jahrhunderthälfte schloss sich die Gruppe zur Unitas Fratrum (Brüderunität) zusammen. In den fünfziger Jahren des 15. Jahrhunderts ließ sich die Brüderunität an der Grenze zu Schlesien und Mähren nieder. Aufgrund ihrer gewaltsamen Bekehrung zum Katholizismus verschwanden die Böhmischen Brüder in der Zeit der Gegenreformation fast völlig. 1722 zogen einige von ihnen nach Herrnhut in Sachsen, wo sie sich auf dem Landsitz des Religionsreformers Nikolaus von Zinzendorf niederließen. Ihre Traditionen leben in der Herrnhuter Brüdergemeine fort.
1727 entstand in Herrnhut neben dem Schulheim ein Waisenhaus für die Herrnhuter Kinder, vobei A.H. Franckes Anstalten das Erziehungsvorbild waren. Weitere diakonische Anstalten schlossen sich daran an.
 

Karitative Hilfsbereitschaft, aber auch geistliche Eigenständigkeit waren bei den Bewohnern von Herrnhut großgeschrieben. Z.B. hielt dort der Töpfer Martin Dober den Morgen- und Abendsegen, ein unstudierter Laie, der jeweils den Bibeltext fließend nach dem griechischen NT und dem hebräischen AT übersetzte und dann darüber sprach. Von ihrer geistlichen und politischen Ausrichtung her hatten die Ansiedler von Herrnhut eine große Eigenständigkeit; sie waren sehr kritisch gegen die Amtskirche und gegen laue Kirchlichkeit und bestrebt, die Bibel rigoros zu leben, wobei zu bemerken ist, daß auch sektiererische Wirrköpfe in Herrnhut zu schaffen machten und da Lutheraner, Reformierte und andere ein buntes Gemisch darstellten: Herrnhut drohte durchaus, ein "Sektennest" zu werden. Der zuständige Ortspfarrer, der genannte Rothe, aber war - bei allem pietistischen Einschlag - vom Amtseid und von der eigenen Überzeugung her auf das lutherische Bekenntnis verpflichtet!
So kam es bald zu heftigen Streitigkeiten unter den Flüchtlingen; sie wollten sich nicht in die örtliche Gemeinde einfügen und bestanden auf ihrer alten Kirchenverfassung, nach der die Leitung nicht in Pastorenhand, sondern in der von "Ältesten" lag.
In dieser inneren Not versammelte sich am 13. August 1727 die Gesamtgemeinde (Berthelsdorf mit Herrnhut) in der Kirche zum Abendmahl. Bei dieser Feier erlebten alle Anwesenden die bindende Kraft der Gemeinschaft im Glauben, die stärker als alle Lehrunterschiede ist. Ergebnis: Die Herrnhuter Gemeinde blieb nach außen lutherisch, worauf Zinzendorf großen Wert legte, hatte innen aber eine ganz eigene Selbstverwaltung mit eigenen Ämtern: Trennung nach Geschlechtern und Familienstand in besonderen "Chören" und Kleinkreisen, die "Banden" genannt wurden (das waren Gruppen von 8 bis 10 Leuten, die sich gegenseitig betreuten). Auch neue Formen entwickelten sich, z.B. die "Singstunde" - mit einer aus aneinandergereihten Liedstrophen bestehenden Liedpredigt usw. usw. Ein ganz reiches Gemeindeleben entstand in dieser Siedlung, ein anziehendes Zentrum des Pietismus: 1727 waren es 300 Einwohner, 1736 hatte Herrnhut 700 Einwohner. Zu den Besonderheiten gehören auch die Losungen, die ab 1729 als Tagesparolen dienten und - wie oben gezeigt - ab 1731 gedruckt (für ein Jahr im Voraus gezogen) erschienen. 1727 war der Graf übrigens ganz nach Herrnhut gezogen.
Langsam entstand auch die "Diasporaarbeit" (die ja - siehe unten - nachhaltigst auch bis nach Iserlohn, Hemer und Deilinghofen wirkte). Die "Diasporaarbeiter" von Herrnhut aus verstanden sich als ein belebender und auf Verständigung angelegter Hilfsdienst in den großen Kirchen: Man wollten den Kirchen helfen, nicht für die Brüdergemeine werben, wobei die Ursprungstendenz war: Mission in den Kirchen, aber ja keine eigene "Brüderkirche"! Es war - modern ausgedrückt - eine missionarische Gemeindeaufbau-Aktion, die von Herrnhut aus getragen und von Laien (!) durchgeführt wurde.
Anstoß, daß von da auch Boten nach Übersee gingen, war die Königskrönung in Kopenhagen 1731, bei der Zinzendorf anwesend war: da sahen sie Negersklaven aus den westindischen Besitzungen, die der erste Grönlandmissionar nach Kopenhagen gesandt hatte und die Kontakt mit den Herrnhutern aufnahmen. Ergebnis: Der Sohn des genannten Töpfers Leonhard Dober wurde 1733 erster Herrnhuter Missionar, es folgten bis zu Zinzendorfs Tod (1760) über 300 andere in den englischen Kolonien und Nordamerika.

Bild: das heutige Herrnhuter Völkerkundemuseum

Kurze Beschreibung, was es mit dem Herrnhuter Völkerkundemuseum auf sich hat:
Das an der B 178 gelegene Völkerkundemuseum bietet seinen Besuchern Einblicke in das Leben, die Geschichte und die Kulturen der Völker verschiedener Kontinente. Herrnhuter Missionare der Evangelischen Brüder-Unität waren es, die seit Beginn ihrer Missionstätigkeit im Jahr 1732 Mitbringsel aus allen Gebieten der Erde in den Ort brachten. Sie wollten damit den Angehörigen zu Hause zeigen, wie Menschen in anderen Regionen leben, wohnen, sich ernähren, sich kleiden, sich schmücken ...
Hier ist kurz die weitere Entwicklung der Herrnhuter Sache zu skizzieren: Das Werk des Grafen expandierte und explodierte geradezu in unvorstellbarem Maße und drang nach außen! 1736 wurde Zinzendorf aus Kursachsen verbannt; da fand er bei Büdingen in Schloß Marienborn ein Zentrum, wirkte überall in den separatistischen Pietismus hinein (im Wetterau-Kreis, in Berleburg und im Wittgensteiner Land besonders), drängte überall auf Verständigung und tolerante Religionspolitik. Übrigens hat Zinzendorf 1734, um Verdächtigungen auszuräumen, nicht mehr bloß Laienprediger sein wollen, sondern er hat sich - unter zur Hälfte falschem Namen - zum lutherischen Pfarrer machen lassen und die Examina bestanden! Erweckungsreisen führten in durch ganz Deutschland und nach Holland, wo bei Doorn in Zeist die berühmte Kommune Herrendyk der Hernhuter gegründet wurde; seine Reisen gingen ferner in die baltischen Länder, nach Rußland, nach Amerika (wo der deutsche Reichsgraf monatelang in Indianer-Wigwams hauste...) und Westindien. Lange lebte er zum Schluß (1751-1755) in London (dort Einflüsse auf den Begründer der methodistischen Freikirche John Wesley).

Aber da waren schon drei wichtige Ereignisse vergangen:
· 1735 wurde David Nitschmann zum ersten Bischof der Brüder (eigentlich zuerst diese kirchenähnliche Struktur nur aus missionsstrategischen Gründen; 1737 wurde Zinzendorf selbst zum Bischof geweiht).
· 1743 bis 1750 war eine gewaltige Krisenzeit, die schwärmerische "Sichtungszeit" mit auch sexuellen Exzessen, besonders in der Wetterau (dort spielte der o.g. Sohn Renatus eine unrühmliche Sonderrolle); der Graf selbst kriegte diese fanatischen Übertriebenheiten mit Mühe wieder in den Griff. Daß unzählige Schmäh- und Streitschriften in all den Jahren gegen Zinzendorf und die Herrnhuter herauskamen, können wir hier nur am Rande nennen; es war ein Dauerbeschuß, der da auszuhalten war, und die "Sichtungszeit" besonders schien den Pietismus-Kritikern Recht zu geben...
· Aufhebung der Verbannung aus Kursachsen wurde von der Obrigkeit verfügt, so daß der Graf 1760 in Herrnhut sterben konnte, begraben auf dem ungewöhnlichsten Friedhof Deutschlands zwischen seiner ersten und seiner zweiten Frau.
Hier sind am Ende des Lebensbildes nur einige theologische Besonderheiten Zinzendorfs noch einmal hervorzuheben:
Zinzendorfs Position kommt in einem kurzen Satz von ihm zusammengefaßt zum Ausdruck, der zeigt wie sehr er "chistozentrisch" auf seinen Heiland fixiert ist: "Ich habe nur eine Passion, das ist ER!"; den anderen kann man da an die Seite stellen: "Ohne Jesus wäre ich Atheist". Das oben schon zitierte Erlebnis mit dem Bild des Gekreuzigten in Düsseldorf deutet auch an, wie bei ihm die Betonung der Passionsgeschichte der rote Faden blieb. Ganz lutherisch geprägt ist Zinzendorf ein "Theologe des Kreuzes", wobei allerdings ganz viel (oft übertriebener) "Blut- und Wundenkult" dabei war: "Verliebtsein in Jesu holdes Seitenhöhlchen" usw.; merkwürdig-übertriebene Tendenzen gab es auch im Blick auf Zinzendorfs Sexualanschauungen und seine Ehemystik).
Jedenfalls war es ein mildes Luthertum bei Zinzendorf, das im guten Sinn offen war für alle Richtungen: Auch aus dem Bisherigen geht ja dieser anti-konfessionalistische ökumenische Akzent hervor.
 


 

III. Das "Reich Gottes in Württemberg". Ein kurzer Blick auf die "Schwäbischen Väter" Johann Albrecht Bengel (Bild oben) und Friedrich Christoph Oetinger (Bild unten) und deren Nachwirkungen in Württemberg bis heute
Zinzendorf hat sehr auch ins fromme Schwabenland hineingewirkt. Dort aber hatte der Pietismus eine etwas andere Prägung durch die württembergischen Pietismusväter Johann Albrecht Bengel und Friedrich Christoph Oetinger (Bild hier drunter!). Wir beschränken uns bei diesem kurzen Blick nach Württemberg auf einige andeutende Stichworte:
 

Johann Albrecht Bengel (1687-1753, dreizehn Jahre älter als Zinzendorf) war der große Bibelausleger und Übersetzer des Pietismus. Er ist zusammen mit Spener der Urvater des württembergischen Pietismus (hat in Denkendorf, der Klosterschule, die später auch Hölderlin durchlief, als Klosterpräzeptor, d.h. als Lehrer, gewirkt; lebenslang Wirken "von unten", auch wenn er später Prälat war). Exegese, Bibelauslegung und Unterstützung der Konventikel war seine Sache. Bei der Bibel ging es ihm um Genauigkeit im Einzelnen, aber nach seinem Schriftverstandnis geht es ganz und gar um das Verständnis des großen Heilsplans Gottes in der Heilsgeschichte, die bei ihm geradezu wie ein "Fahrplan" zu werden drohte: Es geht für ihn alles, aber auch alles auf das in der Offenbrung des Johannes Beschriebene hinaus (das wichtigste Buche der Bibel für Bengel, während es für Luther ja der Römerbrief gewesen war). Es läuft auf die Frage nach der "Hoffnung besserer Zeiten" (vgl. in der ersten Seminarsitzung zu Spener in den Pia Desideria) hinaus und da auf die für ihn entscheidende Hoffnungsfrage: Wann und wie kommt das Reich Gottes? 1836 meinte Bengel als Termin des beginnenden 100jährigen reiches bestimmen zu können durch die Zahlenangaben der Offenbarung. Aber Reich-Gottes-Hoffnung in Württemberg seit Bengel meinte immer etwas Allumfassendes: die ganze Naturforschung samt Astronomie und allem Wissen wurden in einer großen universalen Schau in einem harmonischen System zusammengesehen, und niemals stand dort das "fromme Ich im stillen Kämmerchen" für sich allein da. Von Bengel her hat sich auch das typisch Grüblerische und tendenziell Schwärmerische im württembergischen Wesen ausgebreitet. Jedenfalls war da Bengel in Württemberg so ein an der Bibel orientierter universaler Hoffnungstheologe, der zwischen der sektiererischen Fraktion des Separatismus und den verholzten "Kirchenchristen" stand.
Bengels Schüler Oetinger, der andere große Pietismusvater Württembergs, war zwei Jahre jünger als Zinzendorf: er lebte von 1702 bis 1782 und war der genialste württembergisch-pietistische Theologe, ein Universalwissenschaftler, der - basierend auf Bengels Schriftverständnis - eine Gesamtwissenschaft in einem "System" entwickeln wollte, in der jüdische Mystik (Kabbala), Alchemie, Bibel, Philosophie und Astrologie usw. zusammen harmonieren - ein Grübler und Sucher (auch ein Vorbild für Goethes Faust). Das hier abgebildete Oetinger-Porträt zeigt durch die dort zusammengestellten Zugaben ziemlich gut, wo bei ihm theologisch "der Hase herlief".
Daß es durchaus auch Spannungen zwischen Bengel und seinem Schüler Oetinger gab und Zinzendorf da 1733 einen gescheiterten Vermittlungsversuch unternahm, sei hier am Rande erwähnt. Auch nur andeuten können wir, daß umgekehrt Oetinger längere Zeit in Herrnhut war und vom Grafen und seinen Leistungen organisatorischer Art vollkommen fasziniert war und zugab, so gut könnte er die Gemeinschaft nicht auf den Weg bringen wie Zinzendorf. Aber sowohl Bengel als auch Oetinger fühlten sich in ihrem an der Offenbarung ausgerichteten Bibelverständnis dem Grafen und den Herrnhutern total überlegen. Sie spotteten (auch mit Blick auf die Losungen), er habe aus der Bibel einen "Zettelkasten" gemacht.
Im 19. Jahrhundert dann ging in Süddeutschland alles nur von Wüttembergischen Pietismus der Nachfolger Bengels und Oetingers aus: eine Volksbewegung, die ganz tief drang und sich auf Mission und diakonische Aktivitäten ausweitete; das merkt man heute noch in Schwaben - bis in die Synode der Württembergischen Kirche - an allen Ecken und Enden. Im 19. Jahrhundert waren in den Nachfolgegenerationen nach Bengel und Oetinger der Gründer des Calver Verlags Christian Gottlob Barth ("Sonne der Gerechtigkeit") sowie Blumhardt Vater und Sohn (Möttlingen, Bad Boll) wichtige Väter des Pietismus in den Erweckungszeiten des vorigen Jahrhunderts.
 


Dritter Vorbereitungsabend des Gemeindeseminars (13.5.98, Martin-Luther-Haus Deilinghofen):
Chronik der Herrnhuter Bewegung im Hemeraner Gebiet.
Übersicht über Leben und Wirken von J.G.W.Forstmann und J.D.Angelkorte, der beiden bedeutendsten Pfarrer, die in Hemer ihr Amt führten) zu Lebzeiten des Grafen Zinzendorf (hier: 1700 bis 1765)

Zu Forstmann siehe neuerdings (auch mit Bild): www.forstmann.de.vu
Zusatz Juli 2006:
neuester Artikel dazu im IKZ am 29.7.2006: Herrnhut-Missionar Menze aus Hemer
Es wird in dieser Chronik gezeigt, in welcher Weise die Hemeraner und Deilinghofer Kirchengeschichte bis 1765 mit dem Einfluß und Erbe des Grafen Zinzendorf (1700-1760) und seiner Herrnhuter Brüdergemeine zu tun hat. Wir zitieren zur heimischen Geschichte der Brüdergemeine an vielen Stellen auch aus Archivakten und aus Spezialliteratur. Alle wesentlichen Daten der Lebensgeschichte der beiden bedeutendsten Pfarrer, die je in Hemer gewirkt haben, der (zu Unrecht nicht so bekannten) Pastoren, Johann Gangolf Wilhelm Forstmann (1706-1759, Bauks , S.136 Nr.1746) und seines Nachfolgers Johann Diedrich Angelkorte (1710-1751, Bauks, S.8f. Nr.105) haben wir in dieser Chronik aufzulisten versucht, so daß der Leser einen Einblick erhalten kann über Forstmanns und Angelkortes Wirken im Sinne Zinzendorfs und der Brüdergemeinde, das weit über Hemer hinausreichte.
Um eine größtmögliche Übersichtlichkeit in dieser Chronik zu gewährleisten, haben wir hinter die Jahreszahlen zwischen 1700 und 1765 Kürzel gesetzt:
(D) = Ereignis der Deilinghofer Heimat- oder Kirchengeschichte;
(H) = Ereignis der Hemeraner Heimat- oder Kirchengeschichte;
(I)= Ereignis der Iserlohner Heimatgeschichte;
(Bg)= zur Geschichte von Zinzendorfs Herrnhuter Brüdergemeine gehörend;
(A)= ‘allgemeine" Geschichte (z.B. Geschichte Preußens, allgemeine kirchengeschichtliche Fakten usw.)
Quelle: Groth/Kramme/Korsch-Gerdes, Blätter zur Deilinghofer Kirchengeschichte III

1700 (Bg/A): Nikolaus Ludwig Graf von Zinzendorf geboren (am 26.Mai 1700 in Dresden, gestorben 9.Mai 1760 in Herrnhut), mit der größte Erneuerer der evangelischen Kirche seit Luther. Oekumenisch weltweit ausgerichteter Pietist eigener Prägung und Organisationsgenie (Herrnhuter Brüdergemeine, ‘Lo-sungen’, Liederdichter - z.B. ‘Jesu, geh voran’, ‘Herz und Herz vereint zusammen’). Zinzendorf ging es um eine zentral im Kreuzesgeschehen (‘Blut-und-Wunden-Theologie’) verankerte, an Jesus Christus ausgerichtete, sehr persönliche Form des Glaubens, der in der Gemeinschaft und in der Liebe tätig wird. Die Auswirkungen der Herrnhuter Bewegung, die im 18.Jahrhundert auch in der Grafschaft Mark Platz griff, sind im folgenden Teil der Chronik für den Raum Hemer/Deilinghofen/Iserlohn darzustellen. - Um 1700 und dann im Verlauf des 18. Jahrhunderts war im Raum der lutherischen Kirche die Blütezeit der pietistischen Reformbewegung. Wichtige Väter des Pietismus: Philipp Jacob Spener (Programmschrift "Pia desideria", 1675), August Hermann Francke und sein großes Werk in Halle an der Saale, ferner - im Württembergischen Pietismus - Johann Albrecht Bengel und Friedrich Christoph Oetinger.
1704 (D/H/Bg): Am 1.Januar 1704 wurde in Hemer Stephan Diedrich Rentzing geboren, der in der Geschichte der Brüdergemeine eine Rolle spielte (vgl. etwa Schunke, S.92. Rentzing, ein Urahn des heutigen Müllers Peter Alberts in Sundwig, wird hier auch ‘für die Deilinghofer Kirchengeschichte verrechnet’, da das Rentzingsche Anwesen (wo heute die alte Wassermühle steht), damals ‘Heppings Kotten’ genannt, Deilinghofer Kirchenbesitz war. Die Mühle in Sundwig war übrigens bis in die Zeit kurz nach dem Zweiten Weltkrieg ein Ort, an dem sich Freunde der Brüdergemeine zur Erbauung trafen. - Zu Einzelheiten im Zusammenhang mit dem Heppingskotten, den Familie Rentzing übernahm, siehe unten etwa zu 1726 und dann des öfteren im weiteren Verlauf dieser Chronik und auch im Hauptteil von BDKG 3.
1706 (I/H/Bg): Am 25.Mai 1706 wurde Johann Gangolf Wilhelm Forstmann in Iserlohn geboren als Sohn des Magisters Thomas Forstmann (Bauks, S.136 Nr.1748), der später bis 1727 Pfarrer in Hemer wirkte. Forstmann d.J. war als Hemeraner Pfarrer 1727-1732 des Vaters Amtsnachfolger und danach Pfarrer in Solingen, von wo aus er auf Hemer weiter stark einwirkte. Als glühender Verehrer des Grafen Zinzendorf war Forstmann d.J. eine Gestalt von Bedeutung mit Wirkungen über die lokalen Grenzen hinaus. Vgl. zu ihm etwa den schönen Aufsatz von Georg Gudelius, in: Schl. 1/1959, S.5ff., ferner: K.F. Ledderhose, Artikel: Forstmann, in: Allgemeine Deutsche Biographie [ADB], Band 7, Berlin 1877[=Nachdruck 1968], S.190f.; K.F.Ledderhose, Leben Joh. Gangolf Wilhelm Forstmann’s, eines Predigers der Gerechtigkeit, die vor Gott gilt (in der Reihe: Sonntagsbibliothek. Lebensbeschreibungen christlich-frommer Männer zur Erweckung und Erbauung der Gemeine. Herausgegeben von Freunden des Reiches Gottes. Eingeleitet von Dr. A.Tholuck, Zweiter Band), 2.Auflage, Bielefeld 1850, S.237ff. Forstmann, der von Hamann so Hochgelobte [s.u. in der Chronik zu 1759], ist eine der wenigen Persönlichkeiten unter den Geistlichen der Grafschaft Mark, die ‘in die Kirchengeschichte eingegangen’ sind; vgl. etwa Hermann Rothert, Kirchengeschichte des Westfälisch-Rheinischen Industriegebietes vom evangelischen Standpunkt (=Wissenschaftliche Heimatbücher für den Westfälisch-Rheinischen Industriebezirk, Bd. XIIa), Dortmund 1926, S.105-107, Erwin Mülhaupt, Rheinische Kirchengeschichte. Von den Anfängen bis 1945, Düsseldorf 1970, S.241 und 244. Wir haben in Deilinghofen viele Hunderte von kopierten Seiten der Werke von und über J.G.W.Forstmann gesammelt und möchten dazu gelegentlich eine eigene Arbeit herausbringen.
1709 (I/H): Am 11. und 12.Juli 1709 feierte man das 100-Jahr-Jubiläum des von Magister Thomas Forstmann (Forstmann sen.) zur Blüte und zum Ruhm gebrachten ‘Lyceum Iserlohnense’ (vgl. den Vortrag "Lyceum Iserlohnense - Beitrag zur Geschichte des Iserlohner Schulwesens" des Iserlohner Pfarrers Friedrich Ernst Reinhard Groscurth [1838-1923; vgl. Bauks, S.167 Nr.2127] über diese sehr bedeutende Iserlohner Bildungsanstalt, als Typoscript vorhanden im Burg-Archiv Iserlohn, in dem auf S.1ff. auf das Jubiläumsfest eingegangen wird). Vgl. dazu auch: Georg Berkemeier/Wilhelm Bleicher/Gustav Muthmann (Hg.), Gymnasium Iserlohnenense 1609-1984, Iserlohn 1984, S.157f.
1710 (I/H/Bg): Johann Diedrich Angelkorte, später Pfarrer in Hemer, wurde am 1.5.1710 in Iserlohn geboren. Neben seinem Vorgänger Pfarrer Forstmann jun., der ihm geistlicher Vater blieb, wurde Angelkorte in Hemer wichtiger und ziemlich radikaler Vorkämpfer der Herrnhuter Bewegung (zu ihm vgl. etwa: Schl. 4/1975, S.19ff. und später zu nennende Literatur).
1711 (Bg/D): In Hörde wurde am 30. Juli 1711 Johann Caspar Dümpelmann geboren (Bauks, S.106f. Nr.1369). Als Pfarrer in Hemmerde bei Unna wirkend, war er Vater des späteren Deilinghofer Pfarrers Gottfried Wilhelm Andreas Dümpelmann. Hemmerde wurde im Verlauf des 18. Jahrhunderts eine wichtige Zentrale und Schaltstelle der Herrnhuter Bewegung im märkischen Raum, und in der Dissertation von Siegfried Schunke über die Herrnhuter in der Mark wird Dümpelmann sen. zusammen mit Johann Gangolf Wilhelm Forstmann und Johann Diedrich Angelkorte aus Hemer und mit Johann Gottfried Westhoff aus Bausenhagen (bei Fröndenberg) zu den theologischen Vätern dieser Bewegung im hiesigen Raum gerechnet (zu Dümpelmann sen. vgl. Schunke, S.33ff.). Von allen Vieren wird im Verlauf der Chronik viel zu schildern sein.
1717 (I/H): Zum Reformationsjubiläum gab Magister Thomas Forstmann seine "Vita Lutheri" heraus, eine umfangreiche Lutherbiographie mit 1894 Seiten (dazu vgl.: Schl. 3/1983, S.103ff.).
1717 (I/H): "1717, den 28ten November, alß der Her Magister Vorstmann wolten seine Eingangspredigt tuen zu Hemer, haben sich die Weiber alda auf dem Kirchhofe so starck postiret, mit einem Fuder Steine und Klüppel woll verwahret und den Her Magister und etliche Bürger auß hiesiger Stadt darmit begrüßet. Endlich sein sie doch mit starcker Handt in die Kirge gekommen und sich postiret vor daß Altar. Von wegen des grausames Tumultes had er sein Eigenwort nicht hören können, had nur die Epistel S. Pauli und daß heilige Evangelium abgelesen und darauf den Segen gesprochen. So had das blutige Treffen in und außer der Kirge continuiret, daß ein guter Teil Iserlonisge und ein gut Teil Bauern davon blessiret sein.... Endlich ist der Herr Magister Forstmann am 3ten Sonntage des Adventes, durch den Herrn Commissair Deuticon ohne Verhinderungen eingesetzt worden" (Schmölesche Chronik, zitiert nach W.Schulte II, S.382). - Dieser Kirchenskandal ist in das aktuelle "Adreßbuch der Stadt Hemer 1988" eingegangen, nämlich im einführenden Aufsatz von August Kracht: HEMER - Geschichte und Gegenwart (S.13-20), wo wir (S.15) lesen: "Und wo hätten solche rauhen Zeiten ebenso wie die nicht selten handgreiflich ausgetragenen Glaubenskämpfe um die - in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts in Hemer eingeführte - Reformation sich weniger nachhaltig niedergeschlagen als hier, wo man sich 1717 in der Vituskirche bei der Antrittspredigt des Magisters Thomas Forstmann gegenseitig das Gesangbuch um die Ohren schlug und es der Autorität seines als Verfasser philosophischer Kompendien bekannten Sohnes Johann Gangolf Wilhelm, nach dem Zeugnis des Philosophen J.G.Hamann ,der gewaltigste Prediger nach Luther’, bedurfte, die Gemeinde zur Harmonie, sogar mit pietistischem Einschlag, zurückzuführen."
1718 (I/H): "Anno 1718. Bei Michael hat der Herr Magister Forstmann unse oberste Schule quittiret. Worauf die Herren des Magistrats wiederum einen berufen haben von Dortmunde mit Nahmen Herr Torck" (Schmölesche Chronik, zitiert nach: W.Schulte II, S.382).
1720 (H):Thomas Forstmann, Pfarrer an der Vituskirche Hemer, "ließ ... 1720 drucken ,kurze Fragen und Antworten zu besserem Verstand des kleinen Catechismi Lutheri, nebst christlichen Morgen- und Abendgebätlein’. Imgleichen, gewisse Kernsprüche nach dem Alphabet. Er machte auch den Anfang, die Sonntäglichen Evangelia durch Frag und Antwort, der lieben Einfalt zum besten, drucken zu lassen, sein Tod aber, der 1727, den 30 April einfiel, hat das Werk unterbrochen" (von Steinen, S.1133).
1726 (D/H/Bg): Der 1704 geborene (s.o.) Stephan Diedrich Rentzing (später: Rentzing, genannt Hepping) pachtete ‘Heppings Kirchenkotten’ in Sundwig, der der Kirchengemeinde Deilinghofen gehörte. Er nahm ihn in Erbpacht. (Vgl. Kirchenarchiv Deilinghofen, Akte L1: "Heppings Gut zu Sundwig 1761-1843"; dort den ältesten erhaltenen Pachtvertrag vom 9.Juni 1761 (unterschrieben von seiten der Gemeinde von Pastor Caspar Gerhard Mollerus u.a.; übrigens das einzige Dokument von Mollerus III, der ja angeblich das vorherige Kirchenarchiv verbrannt hatte!): "Kund und zu wissen sey hiermit jedermänniglich, sonderlich den daran gelegen, daß nachdem der Ehrsame Stephan Diederich Rentzing genannt Hepping zu Sundwig inständigst ersuchet und gebäten, zu Beförderung des Friedens und Einigkeit zwischen dessen Kindern, die seit vielen Jahren her, von ihm bewohnten der Kirche zu Deilinghofen competirende Kotte nebst dem dazu gehörigen Wiese u. Plätzgen; etwa Ein und Ein halben Morgen schlechten Landes [vier Parzellen Landes werden im einzelnen genannt] ... Erblich zu übertragen. Wir zu Ende genannte Prediger und sämtliche Consistoriales unterm heutigen Dato nachstehende Puncte, jedoch nicht anders als mit Genehmhaltung eines Wohllöbl Landgerichts zu Altena einfällig beschlossen und festgesetztet". Der Wert des Kottens wurde dort "ad Hundert Zwanzig, schreibe 120 Reichtsthaler" festgesetzt. - Beschlossen wurde auch, daß der Käufer "die gewöhnliche Pacht ad Vier Reichsthaler so an Martini fällig, jährlich an die Kirche so lange bezahlen müsse, bis davon das Capital völlig erleget". Am 24.September 1779 wurde der entsprechende Vertrag auf den Sohn Johann Melchior Rentzing überschrieben, von Pastor Dümpelmann u.a. unterzeichnet (gleiche Akte im Kirchenarchiv Deilinghofen). Am 10.Juli 1800 wurde der entsprechende Vertrag auf den Sohn des vorigen, Johann Gottfried Wilhelm Rentzing, überschrieben und von Pastor Basse u.a. unterzeichnet (gleiche Akte im Kirchenarchiv Deilinghofen). - Der Beweis, daß aber schon 1726 Rentzings auf dem Kotten waren, ist das Dümpelmannsche Gutachten vom 9.Mai 1780 (gleiche Akte im Kirchenarchiv Deilinghofen). Anlaß für dasselbe war, daß die reiche Industriellenfamilie von der Becke im Dieken ein Auge auf das Heppingsche Anwesen geworfen hatte und es von der Kirchengemeinde kaufen wollte. Dümpelmann nahm die Rentzings in Schutz. - In unserem Zusammenhang sei nur zitiert: "Diese Kott ist 1726 dergestalt zurückgekommen gewesen und der damalige Colone [sc. der Colon Hepping] so verarmt, daß zur Kirche, Contributions Casse Renthey etliche Jahre Rückstand gewesen, das alte Haus eingefallen, Garten und Wiese desolat geworden, zu dieser Verfassung sind die jetzt noch lebenden 76- und 80jährigen Eheleute Rentzing gendt. Hepping als Fremde getreten, allen Rückstand bezahlt und ein neues Haus aus eigenen Mitteln gebaut, Wiese und Garten planiert, mit lebendigen Hecken und Zäunen besetzt, mit Obst und andern Bäumen durchaus beplanzt...".
1727 (Bg): Mit der Abendmahlsfeier in der Kirche zu Berthelsdorf am 13. August 1727 schlossen sich Einwohner Herrnhuts zusammen zur Brüdergemeine.
1727-1732 (H/Bg): Nach dem Tod des älteren Forstmann, "der 1727 den 30 April einfiel", wurde seine "Stelle durch den Beruf seines Sohnes Johann Gangolf Wilhelm wieder besetzet, als welcher von der Gemeine gleich wieder ist beruffen und den 16.Junius zu Hemern in der Kirche ordiniert worden" (beide Zitate: v.Steinen, S.1133). - Pfarrer Florens Gerhard Mollerus aus Deilinghofen hielt am 9.Mai 1727 übrigens die Leichenpredigt für die (unmittelbar nach ihrem Ehemann) verstorbene Ehefrau des Pastor Thomas Forstmann. Diese älteste gedruckte Deilinghofer Predigt (!) ist vorhanden in: Staatsarchiv und Wissenschaftliche Stadtbibliothek Soest, Sign.IV/922 (liegt uns als Kopie vor!). Johann Gangolf Wilhelm Forstmann war von 1727-1732 Pfarrer in der Hemeraner Vituskirche (zu Forstmann jun. siehe auch oben zu 1706). "Er nahm aber bald darauf das ihm angetragene Pastorat zu Solingen im Bergischen Lande an, und hielt 1732 am 1.Sonntag des Advents seine Abschiedsrede" (v.Steinen, S.1133).
1728 (H/Bg): Nach einer schweren Lebenskrise (Krankheit und Gelübde) deutliche Wende im Leben und in der Verkündigung und Amtsführung des Hemeraner Pfarrers Johann Gangolf Wilhelm Forstmann. Die Wende fand zwischen Ostern und dem Dreieinigkeitsfest jenes Jahres statt (vgl. Schl. 1959, S.10 f.). Es begann, noch vor seiner vollkommenen Hinwendung zu Zinzendorf und dem Glaubensverständnis der Brüdergemeine, die Zeit, die man Forstmanns ‘pietistisch-gesetzliche Phase’ nennen kann (vgl. dazu unten in dieser Chronik zu 1737 Forstmanns eigenen Rückblick auf die ‘Phasen’ seines Lebens). Seit 1728 jedenfalls wurde in Hemer Forstmanns Predigt als gewaltig empfunden.
1730 (H/Bg): Erste Anklage von der Synode gegen Pastor Johann Gangolf Wilhelm Forstmann (Schunke, S.48): Anstößige Neuigkeiten hätte er in Hemer eingeführt.

1731 (Bg): Zinzendorf und die ersten gedruckten ‘Losungen’ der Herrnhuter Brüdergemeine.
1731 (H/Bg): Nach F.L.Woeste lernt man Johann Gangolf Wilhelm Forstmann "und den damaligen Zustand der Gemeinde kennen aus einer äußerst selten gewordenen Predigt, die er in Hemer gehalten hat.... Er schrieb 1731 auf 5 Bogen: Gedanken eines Christen bei einer umgeschmolzenen Glocke" (Schl. 2/1970, S.14).
1731 (H/D/Bg): Am 7.Oktober 1731 wurde in Sundwig in Heppings Kotten, dem Deilinghofer Kirchenbesitz, Johann Melchior Diedrich Rentzing, der Sohn des Stephan Diedrich Rentzing, geboren (gestorben: 21. April 1800; vgl. Rentzing-Alberts-Chronik, S.1). Johann Melchior Diedrich Rentzing trat, was die Herrnhuter betraf - mit Rückenwind aus Deilinghofen von Pastor Dümpelmann her -, in die Fußstapfen seines Vaters.
1732 (Bg): Die Herrnhuter Missionstätigkeit in Westindien begann.
1732 (H/Bg): 1732 war das Erscheinungsjahr eines Werkes, das Johann Gangolf Wilhelm Forstmann in seiner Hemeraner Amtszeit geschrieben hatte. Der genaue Titel lautet: "Mein Heiland hilff! Das Lutherische Christenthum / Das ist: Deutliche und lautere Erklärung / Des Kleinen Catechismi Lutheri, Wie selbige in denen Catechismus-Lehren Bißher vorgetragen / Nunmehro aber dem Druck übergeben Von Johann Gangolph Wilhelm Forstmann, Evangel. Luther. Past. zu Hemmern. Soest / gedruckt bey Joh. Georg Hermanni. 1732.". Forstmann mußte sich die Klagen der Synode anhören, daß er das Buch ohne Genehmigung zum Druck gegeben habe (vgl. z.B. Schunke, S.49).
1732 (H/Bg): Am 1.Advent 1732 hielt Johann Gangolf Wilhelm Forstmann in der Hemeraner Vituskirche seine Abschiedspredigt und wechselte nach Solingen (s.o. zu 1727-1732). "Nach seinem Wegzuge entstund in der Gemeine wegen der Wahl eines neuen Predigers ein schwerer Streit, der ins dritte Jahr fortgesetzt wurde, endlich ist 1735 Johann Diederich Angelkate [Sic!Er heißt richtig Angelkorte] als Prediger erwählet, und den 27 März durch den zeitlichen Inspector Glaser zu Hemern ordinirt worden. Und dieser ist es, welcher mir zu verschiedenen gegründeten Nachrichten von diesem Ort Handreichung gethan hat" (v.Steinen, S.1133 f.).
1733 (Bg/H): Die Herrnhuter Grönland-Mission begann (vgl. Thom, S.8). Pastor Karl Thoms schöne Arbeit zeigt, wie die Herrnhuter Grönland-Mission für die Menschen aus dem hiesigen Raum Gewicht bekam.

1733 (Bg): Johann Gangolf Wilhelm Forstmann lernte von Solingen aus Gerhard Tersteegen kennen (Gerhard Tersteegen, Liederdichter und der bedeutendste Mystiker im deutschen reformierten Pietismus, geb. 1697 in Moers, gestorben 1769 in Mülheim; ‘Ich bete an die Macht der Liebe’). "Tersteegens geheiligte Person habe ich seit dem Jahre 1733 gekannt", teilte Forstmann brieflich dem Grafen Zinzendorf am 17. Juni 1737 mit (zitiert nach: Wotschke I., S.272). Viele andre ‘fromme Außenseiter’ am Rande des Pietismus, denen er sich annäherte und von denen er sich z.T. auch wieder distanzierte, lernte Forstmann in seiner Solinger Zeit im Bergischen Land kennen.
1734 (Bg): Zinzendorf trat in den geistlichen Stand ein. Im gleichen Jahr Beginn der Herrnhuter Nordamerika-Mission (vgl. Thom, S.8).
1735 (H/Bg): Johann Diedrich Angelkorte (zu ihm vgl. oben zu: 1710 und 1732) wurde Pfarrer an der Hemeraner Vituskirche; zu Angelkorte vgl. auch Schl. 4/1975, S.19ff.).
1737 (Bg/H): Am 16.Dezember 1737 offenbarte Forstmann in Solingen seine innere Entwicklung dem Grafen Zinzendorf in einem aufschlußreichen Brief, in dem es u.a. heißt: "Daher, wer es wissen will, daß Jesus ein Heiland ist, der sich der verfluchten Höllenbrände annimmt, nur auf mein Exempel sehen kann. Mein ganzes Leben bis in das 22.Jahr meines Alters heißt vor ihm lauter Blindheit, Missetat und Sünde. Vom 22. bis ins 30. hat er mich so gesucht und so an meiner Errettung gearbeitet, daß ich es nicht aussprechen kann.. Anfangs nach meiner Aufweckung behalf ich mich mit lauter Überzeugungen. Hernach geriet ich in einen gesetzlichen Zustand, worin ich mich fast bis ins 1736. Jahr aufgehalten, daß ich nie recht gewußt, ob ich ein Kind Gottes oder ein Kind des Satans gewesen... Nach der Erkenntnis, die ich hatte, habe ich jederzeit gepredigt, ...von der ersten Stunde an,... bis endlich am vergangenen dritten Pfingstfeiertage (war mein 32.Geburtstag...) mein liebes- und erbarmungsvoller Heiland mich in solcher Liebe heimsuchte und umfaßte, daß ich nicht wußte, wie ich mich vor ihm beugen sollte, und mich seiner ewigen Gnade ... so fest versicherte, daß ich ... mein 32.Jahr mit seinem Blut besprengt und in seiner Gerechtigkeit eingekleidet antreten und in diesem Schmuck auf ewig leben solle" (zitiert nach: Wotschke I, S.269f.). - Im Klartext heißt das, daß Forstmann, was in vielen seiner autobiographischen Bemerkungen zur Sprache kommt, 1728, als er ein Jahr in Hemer war, seine erste Wende hin zu einem ‘gesetzlichen Pietismus’ ansetzte und daß seine Beschäftigung mit dem Gedankengut der Herrnhuter ihn in einer weiteren ‘Bekehrung’ schließlich vollends Pfingsten 1737 zu einem Christen mit einer Glaubensgewißheit nach der Art der Brüdergemeine werden ließ.
1738 (Bg/H): "Der 31.Mai 1738 war für den frommen Solinger Pastor Forstmann [vgl. www.forstmann.de.vu ] ... ein Freudentag, brachte ihm die Erfüllung eines jahrelang gehegten Wunsches: der Graf Zinzendorf schenkte ihm die Ehre seines Besuches. Er konnte den von Angesicht sehen, dem sein ganzes Herz gehörte, den er liebte, verehrte, bewunderte wie keinen anderen... Am nächsten Tag begleitete er den Grafen, den es weiterdrängte, noch einige Stunden zu Fuß, aber auch als dieser dann die Post bestieg, mochte er sich nicht von ihm trennen; er schwang sich zu ihm in den Wagen, seine Gesellschaft weiter zu genießen, fuhr mit ihm nach Marienborn (bei Büdingen in der Wetterau) und blieb dort einige Tage" (Wotschke I, S.257).
1740 (A): Das Konventikelverbot durch König Friedrich Wilhelm I; vgl. Schunke, S.44ff.). Es betraf die pietistischen Sondergemeinschaften innerhalb der evangelischen Kirche und eben auch die Herrnhuter Erweckungsbewegung, wobei in der Märkischen Synode Unklarheiten bestanden, wann eine ‘Hausandacht’ zum ‘conventiculus’ wurde...
1740
(A): In Preußen kam Friedrich II. (der Große) an die Regierung (bis 1786).

1740 (Bg/H): J.G.W.Forstmann pries am 28.Mai 1740 die Aktivitäten seines  Hemeraner Nachfolgers Angelkorte bei Zinzendorf brieflich an. In dem Zusammenhang schrieb er an den Grafen: „H.Pastor Angelkorte dringet immer darauf,  daß er gern einen Bruder zu Hemer haben wollte... An seinem Ort ist eine große  Tür aufgetan, und wenn ihm könnte ein Kandidat zugeschickt werden, der ein  Bruder wäre, derselbe würde ein groß Feld der Arbeit finden. Ich bin den vierten Sonntag nach Ostern dagewesen mit ein paar Brüdern, und der Heiland hat uns vielen Eingang finden lassen... Ich erinnere Ew. Hochgeb. schließlich an dero Versprechen, daß dieselben durch Solingen kommen wollen, wenn die Reise nach Holland geht“. (zitiert nach: Wotschke I, S.277f.).
1740 (H/Bg): Der Hemeraner Pfarrer Angelkorte erzählte am 19. September  1740 dem Grafen Zinzendorf brieflich über seine Bekehrung im Sinn der Brüdergemeine durch Pastor Forstmann („1740 kurz nach dem Sonntage Kantate“) und  über die Sache der Brüdergemeine in Hemer. (Wotschke II, S. 58).
1741 u. 1742 (H/Bg): Im Zuge der Ausbreitung der Herrnhuter Brüdergemeine kam Diaspora-Arbeiter Backe zu Pastor Angelkorte nach Hemer (vgl. Schunke,  S.25). Backe mußte auch in der Kirche predigen. Er hatte als  Nachfolger 1741: Hüffel, 1742: Forckel (vgl. Schunke, S.27).
1741 (H/Bg): Aus der Sicht der Freunde der Brüdergemeine wirkte der Bruder  des Johann Gangolf Wilhelm Forstmann, der Kandidat der Theologie Peter Konrad Forstmann, auf schwärmerisch-unselige Weise in Hemer, wie aus einem  Brief aus Hemer vom 1. März 1741 hervorgeht: „H. Kandidat Forstmann hat hier  erweckten Leuten, die nur eine Beruhigung ihrer bösen Taten vorgeben, alle  Seligkeit zugesprochen. Er tut ungegründeten Seelen Schaden. Sein Bruder, der  Prediger, und andere wünschen, daß er nicht wiederkommen, sondern andernwärts versorgt werden möchte“ (zitiert nach: Wotschke I, S.240 A.10; der Brief ist komplett  abgedruckt bei: Schunke, S.25f.).
1741 (H/Bg): Johann Gangolf Wilhelm Forstmann selbst war es, der sich bei den höchsten Stellen der Brüdergemeine zum Bittsteller machte, damit sein Nachfolger in Hemer, Pfarrer Angelkorte, von der Gemeine eine „Eheschwe-ster“ zugewiesen bekäme. In einem Brief Forstmanns vom 31.März 1741 an Polykarp Müller, den Bischof der Brüdergemeine, hieß es so: „Des Bruders Angelkorte Umstände erfordern, daß er heiratet. Mit seiner leiblichen Schwester, die eine Wittib ist  und ihn nun einige Jahre genug gequält hat und noch bis dato auf nichts anderes  bedacht ist, als ihn in seiner Arbeit an den Seelen zu hindern, kann ers unmöglich aushalten. Weg will sie auch nicht, bis er heiratet. Die meisten Seelen, so zu  Hemer aufgeweckt sind, sind Frauen und ledige Schwestern. Ich soll daher in  seinem Namen bitten, daß Sie seine Umstände der Gemeinde vorstellen und ihm  eine Schwester geben, die seine Gehilfin und Mitarbeiterin sei. Er ist von Jugend  auf eines stillen und sanften Wesens gewesen und nachher, da er in Halle studiert, ist er nach dasiger Methode immer mehr geändert und mein Nachfolger  dann geworden. In den ersten Jahren war er beliebt und hatte den Namen eines frommen Predigers und scheute sich gar sehr, sich mit mir einzulassen. Mit der Zeit verlobte er sich auf Anstiften seiner Verwandten mit einer Kaufmannstochter zu Iserlohn ohne Konsens und wider den Willen seiner Mutter. Und das war die Gelegenheit, wodurch er auf sein Herz kam. Die Person war eitel. Seine Mutter wollte es nicht zugeben; er kam darüber in Angst und Not. Die Heirat wurde zu seinem großen Glück hintertrieben, und er wurde ein armer Sünder, dem  alles wegfiel und der nun fragte: ‘Was soll ich tun?’ Von da an kam ich mit ihm in  Verbindung. Er sehnt sich nach nichts mehr als nach der Gnade des Bluts. Und  daß er nichts anderes in der Welt sucht, als dem Lamm zu leben, daß weiß ich  und darf es der teuren Gemeinde versichern“ (Wotschke I, S. 241, A.15).
1741 (Bg/H): Gute Zustandsbeschreibung des im Herrnhuter Sinn erweckten  Kreises in Hemer durch Forstmann in einem Brief aus Solingen am 8.Mai 1741:  „Den 28.April bin ich mit meiner Frau auf Hemer gegangen, wo wir unsere Brüder Angelkorte und Backe besuchten. Den 30.April habe ich daselbst vom Heilande am Kreuz als der armen Sünder ihren Gott zu predigen Gnade gehabt.  Nach der Versammlung des Nachmittags haben wir am Abend das er-ste Liebesmahl dort gehalten, wo unser 15 gegenwärtig gewesen, und unser Lamm war  eines jeden Herzen nah. Zehn Seelen sind dort, darunter einige den Heiland als Versöhner kennen und ein Gefühl vom Blute haben, die anderen aber auf der Spur sind. Sie haben sich gemeinschaftlich verbunden, und der Heiland wird  sich daselbst ein Völkchen sammeln“ (Wotschke II. S.61 A.29). Vom genannten Backe werden dort, S.60 A.28 zwei Briefe zitiert. Es ist Diaspora-Arbeiter Georg Konrad Backe.)
1741 (D/Bg): Am 19.Juli 1741 wurde Gottfried Wilhelm Andreas Dümpelmann, der spätere Deilinghofer Pfarrer, der in unserer Gemeinde von 1765-1791 wirk-te, wurde als Pastorensohn in Hemmerde geboren. Taufeintrag des Vaters Dümpelmann im Kirchenbuch Hemmerde: „d 21 dito [sc. Juli] des morgens um 10 Uhr vormittags gebohren Godtfried Wilhelm Andreas getauffet. die GeV. [sc.: Gevatter, Paten] sind gewesen der H. Past. Zu Bosenhagen, mein Schwager Wilhelm Andreas und Schwiegerin Catharina Gerdruth zu Stockholm [!] absentes, an deren beyden  Stellen Jürgen Henrich Maertman mein Studiosus und die Cramersche gestanden“. --- Zu Johann Gottfried Westhoff (1705-1750), auch einem Hauptkämpfer für die Sache der  Brüdergemeine in der Mark (von ihm hatte sein Patenkind den Haupt-Vornamen Gottfried), vgl. Bauks, S.552 Nr.6866): geboren als Pfarrerssohn in Bausenhagen im März 1705, dort Pfarrer von 1735-1750, danach Meinerzhagen, wo er am 9.August 1750 starb. Übrigens heiratete der Bruder von Dümpelmann sen., Johann Wilhelm Dümpelmann (1717-1760; Bauks, S.107 Nr.1370), als Amtsnachfolger Westhoffs in Meinerzhagen auch Westhoffs Witwe.
1742 (H/Bg): Johann Hüffel, der Diaspora-Arbeiter, schrieb am 17.Februar 1742  von Solingen aus über die Situation bei den Erweckten in Hemer und kam dabei  auf ein Gespräch mit der Schwester Stephan Diedrich Rentzings zu sprechen:  „Den 11. sprach ich Br. Rentzings Schwester, die fast ihre Lebenszeit fromm gewesen und das Instrument ist, wodurch B. Forstmann, Angelkorte und viele andere sind erweckt worden [!!!] und von jedermann als Muster der Heiligkeit ist gehalten worden. Nun bringt sie der Heiland auf ihr Herz, und sie fühlt sich voller  Sünden und Verderben, worüber sie mit Tränen klagte. Ich wies sie zum Heiland  ..., daß sie als eine verfluchte Sünderin in dem Blute des Lammes müßte Vergebung ihrer Sünden suchen. Danach gingen wir zur Kirche“ (Brief Joh. Hüffels an  N. N., zitiert nach: Wotschke II, S. 65; vgl. Schl. 4/1975, S.28). Am gleichen Nachmittag waren Hüffels Gesprächspartner Bruder Rentzing  und „Landpermann“, den Hüffel charakterisierte als „ein liebes einfältiges Kind,  dem es gewiß ganz um den Heiland zu tun ist“ (Wotschke II, S. 64 f.); lies aber: Landfermann. Es könnte sich um den Hemeraner Küster und Schullehrer Johann  Landfermann (vgl. zu ihm F.L.Woeste in: Schl. 1/1971, S.2) handeln, zumal  Hüffel (nach Wotschke II, S.65) einen „Schulmeister Welker“ nennt. Das heißt  wahrscheinlich richtig gelesen: „Schulmeister, welcher...“ und bezieht sich eben auf den Lehrer Landfermann (womit auch G.Gudelius’ Rätseln in Schlüssel 4/1975, S.28 behoben wäre). Übrigens war es Pfarrer Wilhelm Kaiser, Sundwig, der im Verein mit Dr.Georg Gudelius als erster die Bedeutung dieser Schwester Rentzings für die Hemeraner  Erweckungsbewegung und zugleich die lange von der Brüdergemeine geprägte Tradition des ‘Heppingschen Kottens’ in Sundwig beschrieb: „Um 1742 war  durch die Wirksamkeit eines ,Bruder Hüffel’, der bei Pastor Angelkorte zu Besuch weilte, eine kleine Erweckung in Hemer entstanden. Zu den Erweckten gehörte auch eine Friederike Renzing zu Sundwig, eine Urahne mütterlicherseits der Familie Alberts-Mühle, die, wie man sich ausdrückte, aus einer guten  lutherischen Christin eine arme Sünderin geworden war. Durch ihren Einfluß  kam später eine regelmäßige Verbindung mit der Brüdergemeine zustande. Alljährlich besuchte ein Diaspora-Arbeiter der Brüdergemeine von Neuwied die hiesigen Gemeinden und Freunde der Herrnhuter Mission. Er wohnte jedesmal  in der Mühle, wo sich dann auch ein fester Kreis um ihn sammelte. Diese ,Ver-sammlung', die immer zu Pfingsten stattfand, wurde eine Tradition, die länger  als 200 Jahre fortdauerte. Sie wird heute noch insofern aufrechterhalten, als einer der Pfingstgottesdienste in Hemer regelmäßig durch einen Herrnhuter Missionar gehalten wird. Pastor Angelkorte führte bei uns das Gesangbuch der Brüdergemeine ein und teilte  die Gemeinde in Herrnhuter ,Chöre’ ein: Eheleute, ledige Männer und Frauen,  Jünglinge und Jungfrauen. So wurde der Grund gelegt zu der engen Verbindung,  in der unsere Gemeinde noch heute mit der Brüdergemeine steht.“ (Georg Gudelius, Von unseren Pfarrern in früheren Jahrhunderten, in: Festschrift anläßlich der  Einweihung der Christuskirche zu Hemer-Sundwig am Sonntag Exaudi dem 10.Mai 1964, S.25ff., Zitat: S.26. Telefonisch erfuhren wir von Dr.Gudelius aus Gießen, daß diese schöne ‘Mühlenpassage’ samt der Erwähnung dieser wahrhaft denkwürdigen ‘Ahnfrau der Erweckungsbewegung’ Friederike Ren(t)zing von Pastor Kaiser vor Drucklegung der Festschrift in den Gudelius-Aufsatz eingefügt wurde.)
1742 (H/Bg): 1742 kam Forckel, der Diaspora-Arbeiter der Brüdergemeine,  nach Hemer (vgl. Schunke, S.27).  

1743
(Bg/H/D): Ab 3.März 1743 kam von Solingen aus Johann Gangolf Wilhelm Forstmann ins Märkische, um erst zu Angelkorte in Hemer, dann "in Laufenhagen [lies: Bausenhagen] zum Pastor Westhof und weiter auf Hemmerde ... zum Pastor Dümpelmann" zu gehen (Wotschke II, S.62 A.31; es handelt sich um einen Brief Forstmanns, den er am 8.April 1743 nach Amsterdam an Isaak le Long schickte, der noch im gleichen Jahr Angelkortes Schwiegervater werden sollte). Hier sah Forstmann wohl zum ersten Mal den kleinen Gottfried Wilhelm Andreas Dümpelmann, den späteren Deilinghofer Pfarrer, nachdem er zuvor dessen Taufpaten Pastor Westhoff in Bausenhagen besucht hatte...

1743 (H/Bg): Vom Juli bis zum Oktober 1743 war der Hemeraner Pfarrer Angelkorte in Holland (vgl. Schunke, S.31). Die holländischen Kontakte waren allesamt von der Verbindung zur Brüdergemeine geprägt, die dort in Zeist ihre zentrale Kolonie unterhielt. Die langerbetene ‘Eheschwester’, die jüngste Tochter des einflußreichen Herrnhuter Isaak le Long, heiratete Angelkorte am 6.September 1743 in Heerendijk, wo er vier Wochen verbrachte und Gemeinde-glied der Heerendijker wurde (vgl. Angelkortes Brief an den Bischof der Brüdergemeine Johann Nitschmann in: Wotschke II, S.69-72).
1743 (H/Bg): Angelkorte erhielt auf der am 30. und 31.Juli 1743 tagenden Märkischen Synode in Herdecke in Abwesenheit die erste Ermahnung wegen Verletzung der Kirchenordnung durch seine Amtsführung; es wurde angezeigt, daß "H. P. Angelkorte zu Hemern den Classical Conventen nicht beywohne, auch seine Gemeine etliche Wochen verlasse, ohne es dem H. Subdelegato anzuzeigen" (zitiert nach: Göbell I, S.266; vgl. auch Schunke, S.55).
1744 (H/Bg): Pfarrer Angelkorte war mit seiner Frau in Marienborn (bei Büdingen in Hessen), einem zentralen Ort der Brüdergemeine, wo die Frau am 3. Dezember 1744 starb (Schunke, S.31). Am Tag vor Heiligabend 1744 schrieb Angelkorte aus Hemer an Zinzendorf: "Ich bin am 18. Dez. mit meinem lieben Br. Horn wieder glücklich hier angelangt. Die unerwartete Nachricht von dem Heimgange meiner Eheschwester zum Lamme hat hier bei jedermann, besonders aber unter den Erweckten große Bestürzung verursacht. Es scheint, daß sie noch kräftiger nach ihrem Tode prediget als bei ihrem Leben. ... Es ist des Lamentierens fast kein Ende" (Wotschke II, S.71f., A.43; vgl. auch Schl. 4/1975, S.30).
1744 (Bg/H): "Eine Predigt: ,Der leichteste und kürzeste Weg zur Gnade', welche er [sc. J.G.W. Forstmann] 1744 herausgab, schickte der Graf von Zinzendorf dem Prediger Fabricius zu Daubitz in der Ober-Lausitz zur Widerlegung einer Predigt desselben, in welcher dieser vor der Schwärmerei der Hernhuter [sic!] gewarnt hatte" (Bädeker/ Heppe, S.45).
1744 (Bg/H): Am 23.März 1744 unterschrieb Forstmann das Vorwort seines streng lutherisch-orthodox gehaltenen Katechismus, nachdem er ja 1732 als Frucht seiner Hemeraner Amtszeit schon einen Katechismus herausgegeben hatte (s.o. zu 1732). Das Werk von 1744 hat folgenden barocken Titel: "Gött-liche Wahrheiten Der heiligen Evangelischlutherischen Religion In Fragen und Antworten Abgefasset Und zum Gebrauche Der Kinder seiner Gemeinde Mit einer Vorrede Sr. Hochwürden / Herrns D. Joh. Daniel Klugens Hochfürstlichen Sachsenquerfurtischen Kirchenraths, der Gottesgelehrtheit Professoris und Gymnasiarchens In Dortmund Dem Drucke überlassen Von Joh. Gangolf Wilhelm Forstmann Evangelischlutherischen Past. der Stadt Sohlingen im Herzogthume Berg. Dortmund, verlegts und druckts Gottschalk Diederich Bädecker. 1744". Interessant für Forstmanns Situation 1744 sind seine Bemerkungen im Vorwort: "Nachdem ich bereits 1735. am 31. Augustmonats ... die symbolischen Bücher unseres Lutherischen Israels eigenhändig unterschrieben, so bekenne ich mich nochmals von ganzem Herze / vor dem Angesichte Gottes und seiner Kirche / wie zu dem geschriebenen Worte des Herrns / also zu allen symbolischen Büchern unserer Lutherischen Gemeine / der unveränderten Augspurgischen Konfession und derselben Apologie, den Schmalkaldischen Artikeln, dem kleinen und grossen Katechismus D. Luthers und besonders zu der schönen FORMVLA CONCORDIAE ..." (Vorwort, S. XXVII f.). "Und weil ich derselbe nicht mehr bin, der ich ehedessen war / als ich zu Hemmern in der Grafschaft Mark das Lehramt führete und den Katechismus unter dem Titel: das Lutherische Christenthum im Jahr 1732. im Drucke heraus gab / so bezeuge ich hiemit öffentlich / daß ich alles dasienige, was orthodoxe Lehrer unserer Kirche daran mit Recht auszusetzen gefunden / selbst verwerfe" (Vorwort, S. XXVIII f.). Doch ist - diesem dezidiert lutherischen Bekenntnis zum Trotz - Forstmann in seinem Katechismus von 1744 von vorn bis hinten ‘Blut- und Wunden-Theologe’ im Zinzendorfschen Sinn, was er schon im letzten Satz des Vorworts so erkennen läßt: "Und damit/ emphele ich Sie / wertheste Leser,/ Dem Herrn, dem blutgen Lamme,/ Das sich für unsre Noth/ Am rauhen Kreuzesstamme/ Geblutet hat zu Tod" (Vorwort, S. XXVIIII). Von dem genannten Werk Forstmanns "Göttliche Wahrheiten" ist auf der Titelseite von: Schl. 1/1959 die Titelseite einer späteren Auflage abgedruckt: "Leipzig und Görlitz, Verlegts Siegmund Ehrenfried Richter, 1745.".
1744 (Bg/H): Zu einem für J.G.W.Forstmann folgenschweren Zerwürfnis mit seinem über alles geliebten geistlichen Vater, dem Grafen Zinzendorf, kam es im Sommer 1744. Anlaß war Zinzendorfs briefliche Kritik, Forstmann habe bei einem Besuch bei den Brüdern in Amsterdam seine geistlichen Kompetenzen überschritten und unerlaubt dort Gottesdienste gehalten. Forstmann brach daraufhin den brieflichen Kontakt mit Zinzendorf ab. (Die Briefe, die diesen Bruch dokumentieren, sind abgedruckt bei Wotschke I, S.257ff.; dort findet sich - S.282-284 - Forstmanns Brief an den Grafen vom 24.August 1744; ferner S.284: Zinzendorfs Brief an Forstmann vom 21.Juli 1744 und S.284f.: Zinzendorfs Brief an Forstmann vom 31.August 1744). Wie beleidigt Forstmann war, erkennt man vielleicht daran, daß er 1751/52 bei einer anderthalbjährigen Kollektenreise nach Sachsen und Schlesien auf der Hinreise einen auffälligen Bogen um Herrnhut machte, sich dann aber einen Ruck gab und Herrnhut doch besuchte. Unter dem Eindruck dieser Ereignisse schrieb Forstmann am 21.August 1752 von Dresden aus an den führenden Herrnhuter Johann Nitschmann d.J. mit Blick auf die Brüdergemeine: "...ich wünsche allen Euren Anklägern und Lästerern, daß es ihnen so gehen möchte, wie es mir ergangen ist. Ich armer Wurm habe mich seit 1744, da der liebe Papa [sc. Zinzendorf] ... mir die Wahrheit in etwas harten Ausdrücken geschrieben, die mein stolzer und hochmütiger Kopf nicht ertragen konnte, zu meinem unersetzlichen Schaden von der Gemeinde, unter der ich tausend Seligkeit genossen, getrennt und losgemacht. Der Heiland hat mich zwar aus Gnaden bewahrt, daß ich mich zu der Partei Eurer öffentlichen Feinde und Verfolger niemals geschlagen, allein ich habe es doch nicht mehr mit der Gemeinde gehalten, sondern bin meine eigenen Wege gegangen. Ich habe auch oft in Gesellschaften bei Gelegenheit es mit über die Brüder laufen lassen und bezeugt, daß ich keine Gemeinschaft mehr mit ihnen hätte. Und nun habe ich die Gemeine gesehen und bin mit so vieler Liebe letzthin von ihr aufgenommen worden... Vergib mir, liebes Volk Gottes, und ist’s möglich, so nimm einen Dir entlaufenen, verlorenen Sohn, der vom Teufel ganz verblendet, seine Güter hat verschwendet, wieder in Deine Gemeinschaft nicht als ein Kind, denn das ist zu viel vor mich, sondern als einen Deiner Tagelöhner und Knecht auf! ... Wenn Du dem Papa schreibst, so bitte ihn auch in meinem Namen, daß er mir alles vergibt... Ach, möchte ich die Gnade haben, noch einmal in der Welt sein Angesicht zu sehen!" (zitiert nach: Wotschke I, S.258). 1744/1745 (H/Bg): Georg Andreas Horn, der Diaspora-Arbeiter, wurde "1744, bezw. Anfang 1745" Angelkortes Gehilfe (Schunke, S.27). Horn zog in Hemer Mißtrauen und Vorurteile auf sich, wie der sich mit ihm solidarisch verbundene Angelkorte an die Brüdergemeine in Marienborn berichtete: "Neulich sagte einer: ‘Der Gärtner Horn verführt alle Leute.’ Und vor einigen Tagen wollte ein gerührter Mann zu uns kommen, da warnte ihn ein anderer und sagte: ‘Geh nicht ins Pastorhaus. Der Gärtner ist ein Zauberer. Er gibt den Leuten Zettelchen zu verschlucken, und wenn sie solches getan und er sie nur einmal gesprochen, so sind die Leute auf einmal so eingenommen, daß sie wieder müssen ins Pastorathaus gehen’" (Brief vom 6.September 1745, zitiert nach: Wotschke II, S.77).
1745 (H/Bg): Am 7.März 1745 wurde in Hemer Johan Herman Helleman geboren (zu ihm vgl. Schl. 1/1968, S.21ff. und 2/1968, S.2ff.). Es taufte ihn Pastor Angelkorte. Helleman, der später den Beruf eines Nagelschmiedes ausübte, war als schlichter Handwerker auch ein geistlicher Liederdichter, von dem uns bis heute 24 Lieder überliefert sind. G.Gudelius sieht in ihm zu Recht einen an Zinzendorf und den Herrnhutern orientierten Pietisten (vgl. Schl. 1/68, S.22 und 2/1968, S.6). Helleman starb in Hemer am 15.Dezember 1826; sein Sohn Johann Diedrich Helleman starb 1811 als von Napoleon gezogener Soldat im Krieg gegen Spanien (Schl. 1/1958, S.13; vgl. andere Datierung in Schl. 2/1968, S.2). Daß Johan Herman Helleman Nachfahren in Deilinghofen hatte (eine Nachfahrin war die 1994 hochbetagt verstorbene Elisabeth Kölsch, die Tochter des früheren Deilinghofer Presbyters gleichen Namens), entnehmen wir einer Auskunft von Frau Emmi Treude, Hemer.
1745 (H/Bg): Seit April 1745 war in Hemer eine besondere Erweckungszeit. Der Diaspora-Arbeiter Georg Andreas Horn meldete am 28.April 1745: "Es ist hier in Hemer eine ganz besondere Regung unter den Seelen. Unsere Zahl hat sich in kurzem sehr vermehrt. Es kommen bald jede Woche neue Seelen, die von der Gnade angefaßt. Bei meiner Ankunft sind in allem 32 gewesen, und sind seit der Zeit dazu gekommen hier 16 und in Iserlohn 10, Hemer und Iserlohn zusammen 58 Seelen" (Wotschke I, S.242 A.21). Der Trend hielt im Jahre 1745 weiter an: An die Brüdergemeine in Marienborn schrieb der Hemeraner Pfarrer Johann Diedrich Angelkorte in einem Brief vom 6.September 1745: "Der edle Gnadenwind, der seit dem April in Hemer geweht hat, weht noch immer fort. Es werden noch täglich Seelen erweckt, so daß die Anzahl der erweckten Seelen jetzo schon 120 Personen ausmacht... Kurz, es ist hier eine solche Gnadenzeit, dergleichen nie gewesen" (zitiert nach: Wotschke II, S.77).
1747 (H/D/Bg): Stephan Diedrich Rentzing, der ‘Heppings Kotten’ als Pächter der Kirchengemeinde Deilinghofen bewirtschaftete (heute ‘Alberts Mühle’) besuchte 1747 Herrnhaag bei Büdingen, die Zentrale von Zinzendorfs Brüdergemeine (nach Archiv Herrnhut: Diasporabericht Johann Heinrich Ernst 1792/93, Sign.: R 19 Bi 5., Nr. 32; ferner: Nachrichten aus der Brüdergemeine 1793, III. Quartal, Nr. 21, S.306: "1747 besuchte er auch den Hhaag zum Segen für sein Herz"; es gibt eine saubere und z.T. variierte Abschrift des Ernstschen Diasporaberichts von 1792/93 im Archiv Neuwied, die uns vorliegt, wo das entsprechende Ereignis von 1747 von Ernst verzeichnet ist).
1747 (H/Bg): Ein Brief an die Brüdergemeine Marienborn: "Aus Ihmert bei Iserlohn klagt am 16.April 1747 der Schuster Erdmann, daß ihn das gesetzliche Wesen nicht habe zu Frieden kommen lassen" (Wotschke II, S.77 A.49). Bei Thom (Liste S.127ff.) ist ein Schuster Erdmann unter den Ihmerter Vorfahren des Friedrich Erdmann nicht eigens vermerkt.
1747 (H/Bg): Pastor Angelkortes zweite Verheiratung, wieder mit einer ,Eheschwester’, die ihm von der Brüdergemeine zugeteilt wurde, fand 1747 statt: "Am 1.Mai 1747 kann er ... die Ehe mit Famia Brümel aus Quda-Brock in Geldern ... eingehen, aus der zwei Söhne hervorgegangen sind. Diese Frau hat ihn dann auch überlebt" (Schunke, S.30). Im Kirchenbuch der Gemeinde Hemer lesen wir den richtigen Herkunftsort der Braut; die Abkündigung der Verehelichung wurde da so schriftlich niedergelegt: "23.April bin ich allhier zu Hemer prima vice proclamirt wie folget: Johannes Theodorus [NB!] Angelkorte, Evang. luth. Pastor bey hiesiger Gemeine, und Jungfer Famia Brümel weyland Herrn Goswin Brümel von Ouda [!] Brock in der Provinz Gelderland, nachgelassene eheleibliche Tochter...".
1747 (H/Bg): Auf der im Sommer 1747 tagenden Märkischen Synode wurde die Ermahnung ausgesprochen, "darauf zu sehen, daß keine irrigen Lehren, besonders Herrnhutianismus qua Herrenhutianismus einreißen mögen". "Durch diesen Beschluß fühlen sich die drei Prediger Dümpelmann in Hemmerde, Westhoff in Bausenhagen und Angelkorte in Hemer angegriffen. Daher protestieren sie sofort dagegen. Sie wären der evangelisch-lutherischen Religion von ganzem Herzen zugetan und um das Heil ihrer Gemeindeglieder besorgt. Die mährischen Brüder hegten nach ihrer Meinung keine irrigen Lehren, bemühten sich vielmehr, die Hauptlehre der evangelischen Religion, nämlich die Versöhnung und die daraus folgende Rechtfertigung der armen Sünder, in die Herzen der Menschen zu bringen und dadurch lebendiges Christentum zu befördern. ... Die drei Geistlichen beantragten..., daß ihre Rechtgläubigkeit untersucht werde. Der Inspektor verspricht darauf, seinerseits einen Auszug aus Herrnhutischen Schriften machen zu lassen und diesen Auszug der Synode zur Begutachtung vorzulegen" (Schunke, S.54). Wichtig anzumerken ist hier in unserem Zusammenhang, daß neben Johann Gangolf Wilhelm Forstmann die drei hier genannten Pfarrer in der Mark waren: neben Angelkorte sein ihm eng verbundener Freund und Amtsbruder Johann Caspar Dümpelmann (der Vater des späteren Deilinghofer Pastors Gottfried Dümpelmann) und dessen Bausenhagener Nachbar-Amtsbruder Johann Gottfried Westhoff, von dem sein Patenkind Gottfried Wilhelm Andreas Dümpelmann den Vornamen erhalten hatte (vgl. oben zu 1741: Taufe von Dümpelmann junior).
1748 (H/Bg): Im September/Oktober 1748 war Pfarrer Angelkorte in Herrnhaag, dem zentralen Ort der Brüdergemeine. Er schrieb davon in einem Brief vom 25.November 1748 an den Grafen Zinzendorf, der sich in Zeist in Holland aufhielt, wobei in überaus charakteristischer Weise sowohl das Herrnhutertum in Herrnhaag in der ‘Sichtungszeit’ zum Ausdruck kam als auch die für Angelkorte kirchenpolitisch brisante Situation in der heimischen Synode: Ich "habe nicht unterlassen können, mich durch diese Zeilen aufs neue ins Andenken zu bringen und zugleich zu berichten, daß ich mit meiner lieben Eheschwester und kleinem Söhnlein noch vergnügt und selig bin. Wir sind den 4. Oktober von der lieben Gemeine in Herrnhaag zurückgekommen, nachdem wir uns drei Wochen daselbst aufgehalten. Wir hatten die Gnade, mit dem Volk des Heilandes zum h.Abendmahl zu gehen, welches uns zum Segen war. Überhaupt hatten wir daselbst selige Tage, und das Verliebtsein ins Seitenhöhlchen, wovon man allda immer redet und singet, ist uns sehr gemütlich. Ich weiß wohl, daß ich des Heilandes bin und ihn auch lieb habe. Aber sterblich verliebt zu sein ins teure Seitelein, das finde ich noch nicht bei mir. Aber mein Herz sehnet sich doch danach, also zu werden. Gedenken Sie meiner treulich vor dem Lämmlein, daß auch ich möge ein recht lustiges und seliges Kreuzluftvögelein werden! Unsere Ehe führen wir im Segen, und das Lämmlein lässet uns viele Gnade darin widerfahren. Von unserem Ministerium sind die meisten Feinde des Heilandes. Es gibt aber auch darunter viele Nikodemi [sc. geheime Sympathisanten, vgl. Joh. 3,1ff.]. Im vorjährigen Synodo wurde beschlossen, zu vigilieren, daß Herrnhutianismus nicht einreiße. Ich, H.Pastor Dümpelmann und Westhoff protestierten mündlich, und ich schriftlich dagegen. Allein es blieb bei dem Schluß. In dem diesjährigen Synodo hatte man sich vorgenommen,gewisse Thesen aufzusetzen, welche alle membra [d. h. Glieder] unterschreiben sollten. Ihr Inhalt sollte sein, den Herrnhutianismus vor irrig zu erklären. Ich vermutete nun nichts anderes, als daß ich, wenn ich die Unterschrift würde verweigert haben, ab officio würde removiert werden. Allein wider alles Vermuten geschah es, daß viele Nikodemi im Synodo gegenwärtig waren, und der Feinde waren zu wenig, welche sich nicht getrauten, es zustande zu bringen... So habe ich also vermutlich noch ein Jahr bis zum folgenden Synodo Frieden" (Wotschke II, S.84 f.).
1749 (H/Bg): Die Märkische Synode, die 1747 eingeschärft hatte, man sollte darauf "sehen, daß der Herrnhutianismus ... nicht einreiße", "machte 1749 dem Pastor Angelkorte die Auflage, eidlich zu versichern, daß er die Herrnhutischen und Mährischen Brüder, die er bisher fast immer bei sich gehabt, und die Herrnhutischen Schriften, insbesondere das Gesangbuch, wegschaffe; auch die Konventikel meide, und die Reisen nach den Brüdergemeinden einstelle. Andernfalls würde man ihn sonst nicht mehr als lutherischen Prediger anerkennen" (Göbell III, S.816; zum Ganzen vgl. auch Göbell I, S.297f. sowie Schunke, S.55ff.).
1749 (A/Bg): Johann Diederich von Steinen (1699-1759; vgl. Bauks, S.490 Nr.6071) brachte seine berühmte "Westphälische Geschichte", Teil I, heraus (Teil II-IV 1755-1760), aus der in dieser Chronik an einigen Stellen zitiert wird. Der Pfarrer und Historiker aus Frömern war von 1749 bis 1759 Generalinspektor der Märkischen Synode (zu von Steinen vgl. etwa auch Dossmann, S. 122 f.; zu Johann Diederich von Steinen und seinem Sohn Johann Diederich Franz Ernst von Steinen, seit 1766 auch Nach-Nachfolger des Vaters als Inspektor der Märkischen Synode und später Freund der Brüdergemeine vgl. etwa auch: Willy Timm, Aus der Geschichte des Kirchspiels Frömern, Unna 1956, S.10f. u.ö.).
1750 (H/Bg): Auf der Märkischen Synode wurde am 15.Juni 1750 der Fall Angelkorte behandelt. Nachdem der Angeklagte am 1.Juni 1750 eine schriftliche Erklärung abgegeben hatte, in der er sich partiell von der Brüdergemeine distanziert hatte, widerrief er knapp zwei Wochen später zur Synode von 1750 schriftlich diese Erklärung - mit dem Ergebnis, "daß mehrgedachter Past. Angelkorte ... für keinen Evang.-Lutherischen Prädiger weiter erkannt werden könne", wobei die schließliche Entscheidung beim preußischen König läge und zuvor die theologische Fakultät Halle in einem Gutachten das Urteil noch einmal zu prüfen hätte (Zitat Göbell I, S.303; der ganze Vorgang dort S.302f.; vgl. auch Schunke, S.56f. sowie Schl. 4/1975, S.33f.).
1751/52 (Bg): Kollektenreise J.G.W.Forstmanns nach Sachsen und Schlesien, auf der er nach Zögern noch einmal Herrnhut besuchte (s.o. zu 1744).
1751 (H/Bg): Die am 20.Juli 1751 in Hagen tagende Märkische Synode nahm das Gutachten der theologischen Fakultät in Halle "den Pastor Angelkorte und den ihm imputirten Herrnhutianismus betreffend" zur Kenntnis und war mit Angelkortes zu dieser Synode gegebener "Erklärung zufrieden, verlangt aber noch, daß Er sich über einige ihm vorzulegende Fragen ferner schriftlich erklähren, und dabey künftig Classen und Synoden kirchen-ordnungsmäßig besuchen solle" (zitiert aus § 2 des Synodalprotokolls nach: Göbell I, S.307).
1751 (H/Bg): 1751, am "17.Sept. starb unser treu gewesener Pastor, Herr Johann Diedrich Angelkorte, gebürtig aus Iserlohn, aetatis 41 Jahr 4 1/2 Monat, Minist. 16 Jahr und 6 Monat, Conjugii primi 1 1/4 Jahr, Conjug. 2, 5 Jahre, relictis 2 liberis. Er wurde am 20sten Sept. begraben" (Eintragung im Kirchenbuch der evangelischen Gemeinde Hemer). Bei der Beerdigung hielt der Hemmerder Pfarrer Dümpelmann (der Vater des Deilinghofer Gottfried Wilhelm Andreas Dümpelmann) die Predigt, die auch gedruckt vorlag: "Die Gewißheit unserer Seligkeit, als die beste Freudigkeit im Sterben wurde den 20. Septemb. 1751 bei ansehnlich und volkreichen Leichenbegängnis Tit. Herrn Johann Diederich Angelkorts berufsfleißigen Pastoris der evangelisch lutherischen Gemeine zu Hemer bei Iserlohn daselbsts in einer Gedächtnisrede aus 1.Tim. 1,15 vor-gestellet und so wie dieselbe aus dem Herzen gehalten nebst dessen Lebenslauf auf vielfältiges Verlangen und mit Genehmigung des Tit. jetzigen Inspectoris von Steinen dem Druck übergeben von Johann Caspar Dümpelmann, Evangelischen lutherischen Pastor in Hemmerde, Amt Unna. Dortmund, gedruckt bei Lüdekern." (Titelangabe nach dem Literaturverzeichnis in: Schunke). Am 22.Mai 1752 bekam Graf Zinzendorf diese Leichenpredigt Dümpelmanns sogar nach London geschickt (Brief Lamparters an Zinzendorf; zitiert bei: Wotschke II, S.85f., A.55; auf S.86 lesen wir, daß der Graf dort erfuhr: "Pastor Dümpelmann, der die Leichenpredigt gehalten, war des sel. Br. Angelkorte vertrautester Freund. Er ist ein rechter lutherischer Pastor").
1752-1802 (H): Davidis Vater und Sohn Pfarrer in Hemer. Nachfolger von Angelkorte wurde im August 1752 als Pastor der Vituskirche Eberhard Ludolf Davidis (vgl. etwa F.L.Woestes Chronik in: Schl. 4/1970, S. 27f.), wo auch zu lesen ist, daß Davidis’ Sohn Johann Diedrich Friedrich Wilhelm Davidis (das war der sog. ‘dicke Davidis’) 1762 bis 1802 auf üble Weise in Hemer wirkte. "Einen lasterhaften Mann" könne man ihn nennen, der "sich gelegentlich betrank und seine Amtsgeschäfte nicht gehörig wahrnahm". Zu Davidis Vater und Sohn vgl. auch Bauks, S. 90 Nr. 1162 und 1165.
1754 (D): In diesem Jahr heiratete Caspar Diederich Schnetger aus Werdohl (1731-1778) in Deilinghofen die 24jährige Witwe des früh verstorbenen Pfarrersenkels und Deilinghofer Küsters und Schullehrers Johann Goswin Mollerus II (1713-1753). Vgl. zu Schnetger, der 1753 Küster und Lehrer in Deilinghofen wurde: Schl. 3/1972, S. 29f.; zur Deilinghofer ‘Ära Mollerus’; von der ‘Lehrer-Seite’ her siehe oben in der Chronik zu 1700. Pikanterweise erhielt er die Stelle nur, weil er sich am 22. April 1753 schriftlich verpflichtete, die o.g. Witwe zu heiraten (Akte "Depositum Haus Hemer" im Staatsarchiv Münster, s.o. zu 1700). Die Deilinghofer Kirchengemeinde sollte später mit Schnetger zwischenzeitlich einigen Prozeßärger erhalten, und Auseinandersetzung über sein Lehreramt reichten, wie unten zu zeigen ist, bis zur ersten Amtszeit von Pastor Dümpelmann.
1754 (Bg/I/D): Am 26.Dezember 1754 wurde in Elberfeld Johann Abraham Strauß geboren, später einer der bedeutendsten und originellsten Pfarrer, die es in Iserlohn gegeben hat. Strauß kam bei seinem Amtsbruder und väterlichen Freund Dümpelmann in Deilinghofen zu einer wesentlichen Vertiefung seines Glaubens, wie unten zu zeigen ist. Zu Pastor Strauß (gestorben in Iserlohn am 30.Mai 1836; vgl. auch Bauks, S.499 Nr.6190) liegt uns in Kopien ein Stammbaum vor, den uns - neben anderem Material über Strauß - Frau Luise Becker, Iserlohn, die Witwe von Pfarrer Wilhelm Becker (1903-1973, früher Pfarrer der Evangelischen Akademie Iserlohn, zuvor Hemer, vgl. auch Bauks, S.27 Nr.335), zur Verfügung stellte. Wilhelm Becker ist über die Ahnenlinie seiner Mutter mit Pastor Strauß ‘verwandt’ gewesen, und zwar über die Tochter Johann Abraham Strauß’, Sophie Krafft, geb. Strauß. Wilhelm Beckers Sohn Hartung Becker wohnt bis heute mit seiner Familie in Deilinghofen.
1754 (I): 1754 "hat alhier in der Nachbarschaft zu Bausenhagen ein Prediger nahmens Mattias Römer aus Iserlohn seine Haushälterin, eine Küsters Witwe, beschlafen. Dieselbe hat demselben gezeuget und zugleich zur Welth geboren ein Sohn und 2 Tochter, welche 1/4 Jahr gelebet. Die Bauern, welche gegen ih-ren Prediger einen Haß überkommen und ihn nicht mehr für ihren Seelsorger erkennen wollten und könnten, procedirten gegen ihn und haben solchen Proceß zu Berlin und Cleve ausgewonnen, sodaß der Prediger seine Dimission erhalten, welches auch würklich erfolget und ein ander an dessen Stelle erwehlet worden" (Schmölesche Chronik, in: Schulte II, S.384). Bei Bauks heißt es zu Johann Matthias Römer lapidar: in "Bausenhagen ord[iniert] 23.7.50, amtsentsetzt 55" (S.412 Nr.5114). Dieser Römer war also der Amtsnachfolger des Johann Gottfried Westhoff, dem mit der Dümpelmann-Familie sehr verbundenen Hauptkämpfer für die Sache der Brüdergemeine in der Mark.
1757 (D/Bg): Gottfried Wilhelm Andreas Dümpelmann, der spätere Deilinghofer Pfarrer, immatrikulierte sich am 7.November 1757 zum Theologiestudium in Duisburg (nach: Bauks, S.107 Nr.1371).

1757 (Bg): Johann Gangolf Wilhelm Forstmanns "Sonn- und Festtagspredigten" von 1757 wurden gedruckt unter dem Obertitel: "Die durch das Evangelium von Christo offenbarte Gerechtigkeit, die vor Gott gilt" (Titelseite abgedruckt in: Schl. 1/1959, S.15).
1759-1761 (D/Bg): Am 2.Mai 1759 - einen Tag vor Forstmanns Tod! - schrieb sich der spätere Deilinghofer Pfarrer Gottfried Wilhelm Andreas Dümpelmann in Halle zur Fortsetzung seines Theologiestudiums ein. In Halle studierte er zwei Semester (Bauks, S.107 Nr.1371). Die Zusatzinformationen, daß Dümpelmann nach der Duisburger Zeit und vor der Zeit in Halle in Berlin studierte und daß in Halle kein Geringerer als der berühmte Johann Salomo Semler (1725-1791) sein Lehrer war, lesen wir bei Schunke, S. 99f., wobei Schunke (vgl. S.162) als Informationsquellen aus dem Kirchenarchiv Deilinghofen nennt: 1. das dort zu findende Gutachten der "Acad. Berolinensis vom Jahr 1759" über den Studenten Dümpelmann, und 2. von Semler geschrieben (!) - ein Gutachten aus Halle (von dem Schunke, S.162, den lateinischen Text abschreibt), das unterschrieben ist mit: "Dab. Hala ad 26ten April 1761/ Joh. Salomo Semler / ordin Theol: ha T.A. Decan.". Beide Dümpelmann-Zeugnisse waren uns trotz langen Suchens in unserem Archiv nicht auffindbar.
1759 (Bg/H): Am 3. Mai 1759 war der Todestag von Johann Gangolf Wilhelm Forstmann (vgl. Bauks, S.136 Nr.1746, ferner die weitere oben zu 1706 reichlich angegebene Literatur zu Forstmann).
1759 (A/Bg/H): Der große Philosoph und ‘Magus im Norden’, Johann Georg Hamann (geboren 1733 in Königsberg, gestorben 1788 in Münster), äußerte in einem Brief aus Königsberg an Johann Gotthelf Lindner vom 20. Juli 1759 über Forstmann Folgendes: "Forstmann soll diesen May gestorben seyn. Seine erfreul. Nachrichten für die Sünder sind nicht mehr, werden aber wieder verschrieben; alsdenn sollen Sie selbige haben. Ich kenne keinen größeren Redner unter den Neueren. Kein Wunder, was sind die Angelegenheiten eines Demosthenes und Cicero gegen das Amt eines Evangelisten, eines Engels, der nichts weniger und nichts mehr seinen Zuhörern zu sagen hat und weiß, als: Laßet euch versöhnen mit Gott und sei mit der Liebe, mit der Gewalt, mit der Niedrigkeit dazu ermahnet, als wenn er Christus selbst wäre?" (Johann Georg Hamann, Briefwechsel. 1. Band 1751- 1759, hg. von Walther Ziesemer und Arthur Henkel, Wiesbaden 1955, S.368, Z.26-33; vgl. Hamann's Schriften. Herausgegeben von Friedrich Roth, Erster Theil, Berlin 1821, S.416). Im Jahr zuvor hatte Hamann an den gleichen Adressaten nach Riga geschrieben (am 22. Juni 1759): "Forstmanns Schriften werden mir sehr schätzbar seyn, den ich jetzt aus seinen erfreul. Nachrichten für die Sünder kennen lerne, und der Name eines Herrenhuters, mit dem man ihn gebrandmarkt, soll mich nicht irre machen die Wahrheit dieses Mannes und seine rührende Schreibart zu schmecken" (Johann Georg Hamann, Briefwechsel. 1. Band, S.348, Z.18-22; [die Verifizierung der Zitate in der neuen Ausgabe des Hamann-Briefwechsels verdanken wir dem Hamann-Kenner Prof. Dr. Oswald Bayer, Tübingen] vgl. Hamann's Schriften. Erster Theil, S.399; zu beiden Hamann-Zitaten vgl.: Schlüssel, 1/1959, S. 5). Bauks gibt das erste Zitat frei wieder in einer Version, die des öfteren zu lesen ist: "Nach Johann Georg Hamanns Ausspruch hat nach Luther keiner gewaltiger gepredigt als Forstmann" (Bauks, S.136 Nr.1746).
1760 (Bg/A): Nikolaus Ludwig Graf von Zinzendorf starb am 9.Mai 1760 in Herrnhut. Der große Johann Gottfried Herder urteilte über ihn: "Nikolaus Ludwig, Graf und Herr von Zinzendorf und Pottendorf, geboren 1700, ging im Jahre 1760 als ein Eroberer aus der Welt, desgleichen es wenige und im verflossenen Jahrhundert keinen wie ihn gegeben." Zinzendorf hat laut Herder sich "rühmen können, daß er in Herrnhut und Herrenhaag, Herrendick und Pilgersruh, Ebersdorf, Jena, Amsterdam, Rotterdam, London, Oxford, Berlin, in Grönland, St.Cruz, St.Thomas, St.Jean, Barbesien, Palestina, Surinam, Savannah in Georgien; Carolina, Pennsylvanien, Guinea, unter Ungarn, Wilden und Hottentotten, desgleich in Lettland, Livland, Estland, Litauen, Rußland, am Weißen Meer, in Lappland, Norwegen, in der Schweiz, auf der Insel Man, in Äthiopien, Persien, bei den Boten der Heiden zu Land und zur See, Gemeinden und Anhänger habe" (beide Herder-Zitate nach: Erich Beyreuther, Zinzendorf. Und die sich allhier zusammen finden, Marburg 1959, S.9). Daß dieser Weltbürger Zinzendorf, der sehr viele der genannten Orte selbst bereist hatte und auch in Solingen bei Pastor Forstmann war, sich auch im Blick auf das winzige Örtchen Hemer in der Grafschaft Mark ziemlich gut auskannte, daß ihm die Namen der hiesigen ‘Lokalmatadoren’ Forstmann, Angelkorte und Dümpelmann (Hemmerde) ein Begriff waren, vergaß Herder in seiner schönen Auflistung leider zu erwähnen... Und die Wirkungen, die von Zinzendorf her im Raum Hemer ausgingen, setzten sich nach seinem Tod fort - wie die Chronik im weiteren zeigen wird.
1760 (Bg/H/I): Nach langer Unterbrechung kam ein neuer Diaspora-Arbeiter der Brüdergemeine in die Mark: Königsdörfer (vgl. Schunke, S.64ff.); er kam im Juni 1760 zu Pastor Dümpelmann in Hemmerde und anschließend nach Hemer, z.B. "nach Sundwig zum Schneider Jan Dirk, der auch Herrnhaag besucht hatte" (Schunke, S.65) und dann nach Iserlohn, von wo Königsdörfer in seinem Bericht "Joh. Giese, den Drahtzieher" besonders hervorhob (Schunke, S.65). - Aus dem Raum Hemer/Iserlohn wurden in diesem Bericht Königsdorfers genannt: "Dahle, Evingsen und Ihmert, ... wo auch etliche [sc. erweckte] Seelen sind" (Schunke, S.67). Aber an diesen Orten kamen die Besuche aus Zeitgründen nicht zustande.
1761 (D/H/Bg): Am 9.Juni 1761 Pachtvertrag ‘Heppings Kotten’ mit Stephan Dietrich Rentzing erneuert, unterschrieben von Caspar Gerhard Mollerus; ein ganz singuläres Dokument im Deilinghofer Kirchenarchiv, wie wir schon oben in dieser Chronik zu 1726 beschrieben haben).
1762 (Bg/h/D/I): Johann Heinrich Ernst von der Brüdergemeine als Diaspora- Arbeiter für den Märkischen Raum (Niederrhein-Bezirk) bestimmt. Ernst hat in seiner langen Dienstzeit mit den hiesigen Zentren der Herrnhuter Bewegung (etwa Rentzings Hof in Sundwig - heute: Sundwiger Mühle -, Dümpelmann in Deilinghofen, Pastor Strauß an der Iserlohner Bauernkirche) besonderen Kontakt unterhalten. Aus Johann Heinrich Ernsts Lebenslauf: "Im Jahr 1762 erhielt ich einen Ruf zur Bedienung der auswärtigen Geschwister im Bergischen und in der Mark. Ich trat denselben mit Beschämung und im Gefühl meiner Schnödigkeit, aber auch in dem Vertrauen an, daß der Heiland bei mir sein werde. Mein erster Besuch dauerte dreiviertel Jahre. Ich hatte manche verlegene, aber auch manche selige Stunde, und lernte fürs erste über 400 Seelen kennen, denen es ums Seligwerden zu thun war" (Archiv Herrnhut, ABN - Nachrichten aus der Brüdergemeine 1853, S.614-626, Zitat dort: S.620 f.). Ernst, geboren am 10.September 1717 in Gramstädt in Thüringen, gelernter Schneider und 1744 zur Brüdergemeine gekommen, beschreibt in diesem Lebenslauf auch sein zwischenzeitliches Irrewerden an der Brüdergemeine nach 1748 im Zusammenhang mit Zinzendorfs Sohn Graf Christian Renatus Zinzendorf, der es zu besonderen Auswüchsen hatte kommen lassen, die im Lebenslauf, S.616f., indirekt angedeutet sind und seine wichtigen persönlichen und brieflichen Kontakte im Jahre 1755 mit Nikolaus Ludwig Graf von Zinzendorf selber, Lebenslauf, S.617f.).
1762 (H/D/Bg): Stephan Dietrich Rentzing richtete in dem von der Deilinghofer Kirchengemeinde gepachteten ‘Heppings Kotten’ als Anbau einen speziellen Versammlungsraum für die Erbauungsstunden der Freunde der Brüdergemeine hier am Ort ein. Wir zitieren dieses für die hiesige Kirchengeschichte wichtige Ereignis aus einem Bericht von Johann Heinrich Ernst nach: Archiv Herrnhut: Nachrichten aus der Brüdergemeine 1793, III. Quartal Nr. 21: S.306: "Da ich 1762 zum erstenmal hierher kam, baute er [sc. Stephan Dietrich Rentzing] an seinem Hause eine Kammer blos zu unseren Versammlungen, die wir noch im Gebrauch haben" (fast identischer Text auch im Diasporabericht Ernst 1792/93 im Archiv Neuwied). Vgl. derselbe in: Archiv Herrnhut, Sign. R 19 Bi 5. Nr. 32: Diasporabericht 1792/93, wo Ernst beschreibt, daß bereits in Pastor Angelkortes Zeiten beim alten Rentzing "Versammlungen in Seinem Hause gehalten" wurden, woraufhin Ernst die Situation so beschreibt: "Nach des Sel. Angelkorts Heimgang, fing es an ein wenig schläfrig zu werden." ‘Schläfrig’ eben bis 1762 - was Ernst so schildert: "Nachdem ich ano 62 in das Land kam, so brachte der liebe Heyld. wieder Gemeinschaft zu Stande, u. weil kein Platz dazu in Seinem Hause war, so baute er ein Kämerchen an, Bloß zu unsern Versamml. das wir noch in gebrauch haben, darüber freute er sich so recht herzlich." Der genannte Diaspora-Arbeiter Ernst besuchte übrigens in jenem Jahr 1762 am 27. August Dahle: "Hier befindet sich ein stattliches Häuflein, das von dem dortigen Schulmeister und seiner Frau geleitet wird. ... Außerdem ist im Vorjahr in Dahle eine Erweckung gewesen. Aber dieses Häuflein in Dahle ist ... gewarnt worden, sich vor Ernst in Acht zu nehmen und überhaupt keinen Bruder anzunehmen. Jedoch wird Ernst von dem Häuflein noch freundlich aufgenommen." - Von Dahle aus kam Ernst "nach Sundwig im Kirchspiel Hemer". "Hierhin hat sich nach Angelkortes Tod der Schwerpunkt des Häufleins verlagert, vor allem seitdem der Schneidermeister Dirk dort wohnt. Bei ihm findet Ernst auch jetzt seinen Aufenthalt" (Zitate bei: Schunke, S.71; dort auch folgende Beobachtung, daß dennoch "Hemer, das doch einmal im Vordergrund der Bewegung stand, in der Zeit Ernsts in den Hintergrund rückt, während Hemmerde jetzt mehr hervortritt").
1762 (H): "Im Jahr 1762 erbaute Joh. Henr. Giese von Iserlohn auf Kosten des Herrn von Brabeck eine Fingerhuts- und Knopfmühle auf dem Rollenwend. Da dieser Giese aber vier Jahre nachher wegen vieler Schulden Reißaus nahm, so war die Mühle 1769 an die Brüder Henrich und Adolph von der Becke für 200 Louis d'or verkauft und diese ließen daselbst wie zu Sundwig arbeiten" (F.L. Woeste, zitiert nach: Schl 1/1988, S.21).
1763 (H/D/I/Bg): In Niederhemer wurde am 12.September 1763 der größte heimische Mühlenbauer und Papierformenhersteller Johann Hermann Stindt geboren, Erbauer der Ebbergkirche (vgl. etwa Schl.1/1958,1ff.), gestorben 12.Juli 1846. Für die Deilinghofer Kirchengeschichte interessant sind (Schl. 1/1958, S.4) Bemerkungen zu Stindts Frömmigkeitsstil: "Dann stammte er aus einer tiefreligiösen Familie. Schon in jungen Jahren hatte er selbst den Weg zur Brüdergemeine gefunden, jene auf Zinzendorf zurückgehenden Gemeinschaft, deren Glieder die Grundwahrheit ihrer Lehre, daß Christi Tod die ganze Menschheit mit Gott versöhnt habe, im persönlichen Glauben zu erfahren und zu erleben strebten. Der Deilinghofer Pfarrer Dümpelmann und der Iserlohner Pfarrer Strauß hatten Stindt auf diesen Weg gewiesen. Lebendige Herzensfrömmigkeit und werktätiges Christentum, wie sie Johann Hermann Stindts Leben bestimmten, sind von der Brüdergemeine aus begründet. Es überrascht uns daher nicht, ihn als Mitglied des vierköpfigen Kirchenvorstandes der evangelischen Kirchengemeinde Hemer zu finden. Der Bau einer neuen Kirche wird Stindt also auch Herzensangelegenheit gewesen sein." Zu Stindts Leben, zu seinem von der Brüdergemeine geprägten Frömmigkeitsstil und seinem Verhältnis zur Kirchengemeine Hemer vgl. Stindts eigene Lebensbeschreibung in: Schl. 1/1991, S.3ff.; dort v. a. S.5, S.9, S.10, S.11; von ihm wurde beschrieben, daß er beim Bau an Heppings Mühle mitgearbeitet hätte, der in dieser Chronik oft genannten Zentralstelle des hiesigen Häufleins der im Sinne Herrnhuts Erweckten. Der Deilinghofer Gastwirt Helmut Stindt ist übrigens ein Nachfahre des hier Genannten.
1765 (D/Bg): Ein sehr merkwürdiger Wechsel: der eine unehrenhaft entlassene Pastor (Mollerus III) ging nach Hemmerde ins Zentrum der Herrnhuter Bewegung in der Mark, der andere als höchst ehrenwert erachtete Pfarrer, der aus Hemmerde stammte, kam nach Deilinghofen in dieses landläufig eher als ‘unfromm’ erachtete Dorf: Gottfried Wilhelm Andreas Dümpelmann, von dessen Leben und Wirken nun (gemeint war in: BDKG III) zusammenhängend zu erzählen ist (wobei wir einige Dubletten zur Chronik in Kauf nehmen).

ACHTUNG: Die obigen Texte und Bilder (© Pastoerchen 1998, ein wenig korrigiert am 26.5.2000, 300 Jahre nach der Geburt Zinzendorfs; insgesamt aber nur notdürftig nachgesehen), die aus der Fahrtvorbereitung einer Deilinghofer Gemeindestudienfahrt nach Halle und Herrnhut stammen (siehe oben), sind hier im Internet nur für Informationszwecke oder als Grundlage eines Gemeindevortrags o.ä. freigegeben; sie stellen – als Gelegenheitsarbeit entstanden - keine wissenschaftliche Arbeit dar, aus der man zitieren könnte...

Wie die Geschichte der Herrnhuter in Hemer und Deilinghofen weitergeht... Das schließt sich direkt hier nahtlos an:

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